Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1867)
- Date
- 1867-12-03
- Page
- Seite 978 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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978 Abyssinien. Bonn, 21. Nov. (Privatmitth.) Wie auch in diesem Blatte berichtet worden, hatte ein Herr I. Halsvy den Plan gefaßt, in Abyssinien die Falaschas, welche für Juden gehalten werden, aufzusuchen, ihre Zustände zu erforschen und eine Verbindung zwischen ihnen und ihren europäischen Glaubensgenossen anzuknüpfen. Dieser Plan wurde durch die Alliance israelite universelle in Paris und den Board of Deputies in London unterstützt. Durch die seitdem projektirte englische Expedition zur Befreiung englischer Gefangenen ist die Lösung dieser Aufgabe möglich geworden. Das Comits der Alliance sendet uns die Abschrift eines Briefes des Herrn Hall-vy an dasselbe, den wir hier wörtlich übersetzen. Massauah*), im Oktober. ' Meine Herren! Sie werden meinen Brief vom vorigen Monat schon erhalten haben und wissen, daß ich mich in Suakin auf einem Segelschiffe eingeschifft habe, um nach Massauah zu gehen. Ein konträrer Wind verzögerte unsere Reise, aber endlich kamen wir doch am Ziele an, und kaum hatte ich mich eingerichtet, als ich auch gleich Herrn Munzinger, dem französischen Consul, einen Besuch abstattete, der mir gern einige nützliche Auskünfte über die Gegendengab, welche er durchreist hat. Unglücklicherweise konnte er mir nichts Neues über die Falaschas sagen. Ebenso vermochten die katholischen Missionspriester, welche mehrere Jahre in Abyssinien verlebt, mir nichts Anderes berichten, als eben die Existenz zahlreicher jüdischer Colonien jenseits des Tacazze. Sie erzählten mir, daß, als sie vor sieben Jahren ihre Kirche bauten, sie genöthigt waren, aus dem Innern zwei falaschische Maurer mitzunehmen, da die christlichen und muselmännischen Maurer unfähig waren, den Bau zu führen. Die Priester können die Ehrlichkeit und das tiefe religiöse Gefühl jener Juden nicht genug loben. Auf den Ausflügen, *) Massauah oder Massawe, eine gute Hafenstadt am arabischen Meerbusen mit ungefähr 2000 arabischen Einwohnern und ziemlichem Handel zwischen Arabien und Abyssinien, gehört noch zum türkischen Nubien. Redakt. d. A. Z. d. I. welche ich in den Norden gemacht, wo die Aigaou* Sprache (Belen) von einem Theil des Volkes, das aus dem Süden emigrirte, gesprochen wird, erfuhr ich, daß die Falaschas unter einander die Agaou-Sprache gebrauchen, während sie mit ihren christlichen Nachbarn die Amkara-Sprache sprechen. Die Agaou- Sprache scheint die Sprache der Eingebornen vor der Einwanderung des 6«ez-Volkes <semitische Aethiopieri gewesen zu sein; und es ist Grund da, vorauszusetzen, daß die Ankunft der Juden in Abyssinien lange vor der herrschenden Nation stattfand. Spätere Untersuchungen werden vielleicht einiges Licht auf dies historische Problem werfen. Als ich nach Massauah wieder zurückkam, erfuhr ich, daß zwei junge, von der englischen Mission bekehrte Falaschas, die von dem Negus Theodoros verbannt worden, sich dort befänden. Ich habe ihre Bekanntschaft gemacht. Trotz ihrer sehr dunklen Farbe, erkennt man doch leicht den jüdischen Typus, aber sie sind so unwissend, daß man fast Nichts über ihre Gebräuche und Eigenthümlichkeiten erfahren kann. Im Alter von fünfzehn Jahren wurden diese jungen Leute von den Missionären fortgeführt und aus dem Schoße ihrer Familien gerissen. Der am wenigsten Unwissende von ihnen, welcher sich für den Sohn eines großen Priesters ausgiebt, hat mir eine kleine Hymne in Osez- und Agaon-Sprache diktirt, die in dem Morgengebet vorkommt. Die abyffinifchen Juden haben die Sitte der Meturgeman iUebersetzer) bewahrt: zuerst singen sie einen Psalm oder eine Hymne in Oeezsprache*) und dann übersetzen sie sie in die Landessprache, damit das Volk es auch verstehe. — Die Uebersetzung dieser Hymne lautet: Erhöre, o Ewiger, mein Gebet, Höre, o Ewiger, die Stimme meines Flehens. Mit deiner großen Kraft, o Ewiger, hast Du uns aus Egypten geführt, hast Du die Heere Pharaos er-' *) Die Geezsprache (englisch geese, französisch ghez) ist die Sprache, welche wir jetzt die äthiopische oder abyssinische nennen, ein alter semitischer Dialekt, von Arabern dahin verpflanzt. Sie wird jetzt vom Volke in Abyffinien nicht mehr in ihrer Reinheit gesprochen, ist aber in deffen heiligen Schriften, Uebersetzungen der Bibel und ähnlichen Werken aus dem 3. und 4. Jahrhundert erhalten. Die heutige Volkssprache in Abyssinien ist das oben erwähnte Amharische. Redact. d. A. Z. d. I.