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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-11-19 · Heft 47 (19.11.1867) · p. Seite 947

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 47 (19.11.1867)
Date
1867-11-19
Page
Seite 947 (sequence 19)
Language
German
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947 um dieses Bilden und Gestalten, diesen Kampf des Bösen und Guten in uns zu bestehen, zu überwinden und das Gute zum Siege zu bringen. Und darum mußte eben die Natur und ihre Ordnung von diesem Bilden und Gestalten des Menschenherzens, von feinenr Ringen und Kämpfen, von seinen Siegen und Niederlagen ganz unabhängig sein und bleiben; ihr ewiger Kreislauf durfte von den Erfolgen und Ausgängen der mit sich und Anderen ringenden Menschenseele nicht beeinflußt werden. Da hätten wir uns denn unfern Ausspruch erklärt und zurechtgelegt. Wir könnten uns zufrieden geben, denn wir hätten ja nur die allgemeine Wahrheit ausgedrückt, nicht daß das Menschenherz böse, sondern daß es dem Kampfe zwischen Gutem und Bösem von der Zeit an unterworfen sei, wo die Verhältnisse zu den Außendingen sich anknüpfen, wo sie entschieden in sein inneres Seelenleben eingreifen und die Begierden und Leidenschaften aufwecken. Machen wir uns nur eine Seite unseres Herzens aus diesem Gesichtspunkte klar. Der Schöpfer hat den Selbsterhaltungstrieb in uns hineingelegt. Wir theilen diesen mit allen thierischen Wesen, sowie die Reproductionskraft dem Körperlichen der organischen Geschöpfe zuertheilt ist. In der sittlichen Sphäre des Menschen wird dieser Trieb zur Selbsterhaltungspflicht. Schon hieraus geht hervor, daß der Selbsterhaltungstrieb an sich ein reines Element der Seele ist. Sobald aber die Einflüsse und Eindrücke von außen her beginnen, gestaltet sich dieser Trieb zur Selbstsucht, zum Egoismus. Und wer weiß es nun nicht, welche Gewalt diese Selbstsucht über uns gewinnt, wie tief sie sich in unserm Herzen einnistet und unbewußt auf unsere Wünsche, Neigungen, Willen und Thun einwirkt, wie sie die edelsten Regungen, die lautersten Empfindungen, die reinsten Absichten und Vorsätze zu überwuchern sucht, und zu erdrücken befähigt ist? Das ist fürwahr ein Uebel in unsrem Herzen, ein böses Bilden und Gestalten, worin der Kampf schwer und beständig, der Sieg selten ist. Wie aber auch dies sei, immer müssen wir aus unsrem Spruche entnehmen, daß die Grundzüge, oder doch die Hauptvorgänge im Menschenherzen „böse" sind, und haben wir nicht auch einen Ausspruch des Propheten Jeremias, der Aehnliches besagt? Lesen wir 17, 9: „Voll Liste ist das Herz mehr denn Alles, und siech ist es, wer durchschauet es?" — Man kann über die Bedeutung des Wortes Dpy streiten; Andere geben es nach der LXX (die aber für diesen Theil der Schrift keine große Autorität beanspruchen können) mit „unergründlich/' Im Wesentlichen ist dies jedoch neben dem unzweifelhaften ti:« „siech, krank" auch nichts Anderes, denn das Unergründliche liegt eben in den vielfachen Windungen, Verschlingungen, die wir im Menschenschenherzen antreffen, die es sich angebildet hat, statt daß die Wellen der Gefühle in geraden Kanälen sich bewegen sollten. Der Prophet geht hier nicht auf unsere Jugend zurück; er nimmt das Menschenherz, wie es sich in der großen Mehrheit der vor uns wandelnden entwickelten Menschen zeigt, wie sie es durch Wort und That verrathen. Da ist das Herz allerdings bei der überwiegenden Zahl siech und voll Schäden, von schlechten und niederen Leidenschaften angefressen, von verkehrten An- und Absichten irregeleitet; da ist es voll Liste, um sich dem Guten und Edlen, dem Recht und der Pflicht, der Liebe und der Tugend zu entziehen, sich vor sich selbst und vor Anderen zu rechtfertigen, ja noch dazu als gut und edel hinzustellen. Jndeß so wahr dies sei, wir fühlen in der Tiefe unsres Herzens selbst, daß dies kein vollständiges Bild des Menschenherzens sein kann; die Schatten treten hier zu stark hervor, als daß wir uns nicht fragend umschauen sollten nach dem Lichte, das ihm unmöglich fehlen kann. Giebt es nicht auch edle, hohe Geister? Giebt es nicht in jedem Menschenherzen heilige, erhabene Stunden? Sind der Beispiele hochherziger Selbstaufopferung, lauterster Tugend nicht genug? Werden wir nicht von edlen Thaten oft genug überrascht, eben da, wo wir sie nicht erwartet haben? Ja, legt uns nicht der Psalmist das Gebetwort auf die Lippen: „Ein reines Herz schaff mir, o Gott, und einen festen Geist erneu' in meinem Inneren!" Wer also beten kann, der ist von der Ueberzeugung beseelt, daß das Herz des Menschen rein zu werden und rein zu sein befähigt ist, daß der sittliche Geist sich in uns so zu „erneuen" vermag, daß ihm fortan die Festigkeit und Sicherheit mitten unter allen Schwankungen des Lebens und des Herzens nicht fehlt. Es ist eine starke Brücke, dieses Gebetwort, die uns mit all' unsern Lasten und Bürden zu tragen und vom Strande des Krieges zum Ufer des Friedens zu führen vermag. Aber eben darum wird es uns ein Bedürfniß, tiefer in die Anschauungen der heiligen Schrift über das Menschenherz uns zu versenken und all' die offenbarenden Strahlen zu sammeln, die sich in ihr zerstreut finden und deren Reichthum uns schon das große, mächtige Leben verheißt, welches sie umschließt. Ans Alexander v. Hnmboldt's Jugendzeit. Es ist bekannt, daß der weltberühmte Verfasser des „Kosmos" in seinen Jünglingsjahren mit gebildeten jüdischen Familien Berlins viel im Verkehr gestanden. Die Hertz's, die Levi's, die Beit's undFriedländer's haben zu seinen gesuchten Kreisen, zu seinen intimen Bekanntschaften gehört. Bon hier aus, woselbst er als junger Mann von 17 Jahren die Universität besuchte, hat er m.it dem (nachmals so berühmten) Mediciner Beer, sowie mit David Fried länder u. A. m., einen lebhaften Briefwechsel unterhalten. Den jungen Beer, der damals in Berlin Heilkunde studirte und späterhin in Gr.-Glogau seine ärztliche Praxis übte, hatte er im Hause der Henriette Hertz kennen gelernt. In einem Briefe, den A. v. H. im

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