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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-11-19 · Heft 47 (19.11.1867) · p. Seite 948

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 47 (19.11.1867)
Date
1867-11-19
Page
Seite 948 (sequence 20)
Language
German
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948 November 1787 von hier aus an Beer schreibt, heißt es an einer Stelle: „Der jetzige Meßverkehr zieht viele Berliner hierher, unter denen mir Friedländer der interessanteste gewesen. Von ihm haben wir erfahren, daß Sie noch Alle gesund sind und sich bisweilen Ihrer abwesenden Freunde erinnern. Möchten wir Sie doch überführen können, wie manche mißvergnügte Stunde uns der Gedanke an Sie und die andern guten Menschen, deren Umgang wir mit Ihnen genossen, versüßt hat!" — Mit diesen Worten sind jedenfalls die jüdischen Kreise nur — oder mindestens auch — gemeint, in denen der junge Naturforscher und sein älterer Bruder Wilhelm vorher sich in Berlin bewegt hatten. — Gedachter Brief an B. schließt mit den Worten: „Grüßen Sie noch die Veit, die Levi und das ganze rc. meiner Bekannten." — Die „Beit" soll hier Niemanden anders als Dorothea, die ältere Tochter Moses Mendelssohns bezeichnen. — Unterm 19. December des erwähnten Jahres schreibt Alexander v. Humboldt an David Friedländer selber und zwar auf dem nämlichen Briefbogen, den auch Wilhelm v. Humboldt und Knuth zu Correspondenzen an D. F. benutzt hatten. Alexander beginnt sein Schreiben mit dem Ausdrucke seines herzlichsten Bedauerns darüber, daß ihm nicht die erste Seite des Bogens zur Verfügung gestanden. Im weitern Verlauf des Briefes heißt es: „Wie unangenehm mir Ihre schnelle Abreise und noch mehr die traurige Veranlassung dazu gewesen, sage ich Ihnen nicht, da ich von Ihrer Freundschaft hoffen darf, daß Sie mir dergleichen Empfindungen zutrauen. Mit Verlangen sehe ich der künftigen Messe entgegen, weil dann einer meiner wärmsten Wünsche in Erfüllung geht, der Wunsch, Ihnen mündlich zu sagen, wie über alles schätzbar mir Ihre Liebe und Ihr Andenken ist." — Das Postscriptum. welches diesem Briefe angehängt ist, schließt mit dem Satze: „Leben Sie noch einmal wohl und schließen Sie mich in das Gebet Rabbi Hillel's ein!" — Diese Worte sind inach I. Löwenberg in der Sonntags-Beilage Nr. 37 der V. Ztg. Jahrg. 1866) in jüdischer Kurrentschrift geschrieben und sicherlich darauf, daß der fromme Hillel auch für Nichtjuden gebetet, zu beziehen. — In der „jüdischen Kurrentschrift" hatten beide Humboldt's von Henriette Hertz, geb. De Lemos, sich unterrichten lassen. Mit dieser hochgebildeten Dame soll übrigens Alexander v. Humboldt, wie es heißt, fast ausschließlich in der gedachten Schrift correspondirt haben. Frankfurt a. O. Weyl. Kuriosum. Ein kleiner Rclizionskrieg. Ein Gefchichtchen von eigenthümlicher Drastik wird uns aus einer westlichen Vorstadt Wiens mitgetheilt. In einem fast durchgehends von friedfertigen Parteien bewohnten Zinshause hatte dieser Tage ein Familie jüdischer Confession Winterquartier bezogen und sich wohnlich eingerichtet. An der Zimmerthüre wurde vom Familienhaupte eine kleine Blechkapsel angenietet, eine Mesusah. Diese Blechkapsel aber stach einer alten zänkischen Witwe, die von Zeit zu Zeit das ganze Haus zu ,,sekiren" pflegt, höchst unangenehm in die Augen, und sie äußerte sich wiederholt in mißliebigster Weise über das unschuldige Blech, welches sonst Niemanden genirte. Eines schönen Morgens war das kleine Palladium verschwunden. Darob große ganz interconfessionelle Aufregung bei allen Hausparteien. Man munkelte viel von der bösartigen Urheberin dieser Anti-Mesusah-Demonstration und bezeichnete deutlich jene zänkische Witwe als Thäterin. Die Stimmung beruhigte sich indessen bald, und eines schönen Nachmittags prangte ein neues Palladium an der Thüre der Israeliten, das aber eines noch schöneren Morgens wieder verschwunden war. Die Aufregung wuchs immer mehr im Hause über das geheimnißvolle böse Walten der Mesusah-Bandalin, und man beruhigte sich auch nicht, als die Kapsel in einer Ecke der Hausflur — ihres heiligen Inhalts beraubt — aufgefunden wurde. Jetzt blieb die fatale Thüre einige Tage schmucklos und ohne jede religiöse Decoration in ihren Angeln, bis zur angenehmen Überraschung sämmtlicher Hausparteien, die sich außerordentlich für den localisirten Religionskrieg interessirten, eine sehr leicht angenietete Mesusah wieder an der Thüre erschien. Richtig war sie während der Nacht wieder geraubt worden und weder Kapsel noch Pergamente fanden sich trotz beharrlichen Suchens vor. Aber von nun an war auch wieder Friede ins Haus eingekehrt, das zu allerletzt angenietete Palladium blieb unbehelligt. Man konnte sich lange das merkwürdige Räthsel nicht erklären, bis ein lustiger weiblicher Kobold des Hauses die bezüglichen Geständnisse zum Besten gab. Man hatte zum vorletzten Male in die Kapsel statt heiliger Sprüche eine — höchst derbe auf Pergament geschriebene Drohung an die „wohlbekannte Thäterin" practicirt, in welcher ider mit Namen genannten Witwe) energisch eine Lynchjustiz oder gerichtliches Einschreiten in Aussicht gestellt ward. Seitdem bleibt das Palladium, wie erwähnt, vollkommen unbehelligt, und die „wohlbekannte Unthäterin" ist zur unbekannten Wohlthäterin geworden: sie hat kürzlich zur großen Freude der Parteien das Haus in der Vorstadt für immer verlassen. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Ilr. H. Lotze.

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