Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-11-19 · Heft 47 (19.11.1867) · p. Seite 946

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 47 (19.11.1867)
Date
1867-11-19
Page
Seite 946 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226629--25536-3261043
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

946 das Licht des Bewußtseins auf diese Gefühlsströme unseres Herzens fällt, und wie Vieles geht nun erst in den engen und dunklen Kammern unseres Herzens unbewußt und ungeschaut vor sich, während unsere Gedanken mit ganz anderen Dingen beschäftigt sind und dennoch ihre Richtung und Färbung von diesen geheimnißvollen Gefühlen erhalten. Und welch' Mysterium sind uns nun erst die Herzen der anderen Menschen. Ob wir mit solchen Jahrzehende hindurch Tag für Tag unser Leben verbringen, ob wir den Charakter, die Neigungen, die ganze Eigenart dieser Seelen studirt und kennen gelernt haben: wie oft schauen wir dennoch fragend in ihr Auge, lauschen erwartungsvoll den Worten, die von ihren Lippen kommen werden, weil wir eben nicht wissen, was in ihnen sich regt und bewegt, und ihr Herz unberechenbar für uns ist. Doch ich will hier nur andeuten. Es weiß es Jeder. Vergebens will die Philosophie hier Regel und Gesetz erforschen, und sagt hochmüthig: wenn erst die Naturgesetze dieses Menschenherzens erforscht und festgestellt sein werden, so wird uns Leben und Geschichte, ja die ganze Existenz des Menschen keine Dunkelheit, keine Abirrung, keine Unwahrheit mehr bieten. Ja, wenn... weder die Beobachtung noch die Philosophie führt hier über die ersten Elemente des Wissens und Begreifens hinaus. Da stehen wir denn wieder an dem Worte der Schrift: „Das Dichten des Menschenherzens ist böse von seiner Jugend an." Soll uns dies das Räthsel lösen? Soll uns dies die Geburts- und Werkstätte der Empfindungen und Gefühle beleuchten? Soll uns dies den Maßstab für unsere Beurtheilung, den Schlüssel für die Geheimnisse, die Richtschnur für unsere Erwartungen geben? Das wäre hart, furchtbar, erdrückend. Wir fragen uns daher zuerst: ist dies eine jener objectiven oder subjectiven Stellen? Haben wir hier den Ausspruch einer allgemeinen Wahrheit oder den Ausfluß eines Augenblickes, einer Situation? Wir würden hierbei nicht zweifelhaft sein, wenn es die Worte an einer noch früheren Stelle (6, 5.) gälte: „Und alles Bilden der Gedanken seines Herzens ist nur böse allezeit." Da soll die Zeit vor der Sündfluth gezeichnet, da sollen die Menschen jener Zeit als völlig verderbt und entartet geschildert und das Motiv angegeben werden zu der alles Lebendige vernichtenden Fluth. Aber viel objectiver stellt sich unser Ausspruch dar, der ja auch jenen Gedanken um vieles beschränkter und bedingter wiedergiebt. Es soll an dieser Stelle die Trennung des Menschen von der Natur ausgesprochen werden; fortan sollen der Mensch und die Natur selbstständig nebeneinander bestehen, die Natur in ihrer unveränderlichen Ordnung ihren Kreislauf durchschreiten, der Mensch seinen Gang der Entwicklung für sich verfolgen, die Erscheinungen der Natur von der moralischen Welt der Menschen unberührt bleiben. Dies ist eine objective Wahrheit; die Schrift thut uns kund, daß, trotz ihres Zusammenhanges, die Natur und die Menschenwelt von einander gesondert sind, jene ihren ewigen Gesetzen folgt, diese ihren sittlichen Inhalt in freier Entwicklung besitzt und enfaltet. Und unser Ausspruch enthält nun ein Motiv für diese Sonderung. Die Natur ist vollkommen, das Werk des göttlichen Schöpfers „sehr gut" — aber in dem Herzen des Menschen liegen die Elemente des Bösen, die Neigung zum Bösen. Und das mußte freilich so sein, weil sonst eine sittliche Welt gar nicht möglich wäre. Alle Sittlichkeit ist der Kampf und der endliche Sieg des Guten über das Böse. Alle Sittlichkeit beruht in dem freien Willen, und dieser ist erst frei, wenn er zwischen Gutem und Bösem zu wählen hat, wenn ihn die Begierde zum Bösen treibt und das sittliche Bewußtsein ihn zum Guten drängt. Wir müssen also unserm Spruche auch wohl einen objectiven Charakter zusprechen, und dies ist es, was uns an ihn fesselt, weil er uns gerade darum nicht in den Sinn will, uns aufstört, uns erschreckt. Fassen wir ihn daher etwas schärfer ins Auge. Zuerst werden wir auf den Zusatz „von seiner Jugend an" aufmerksam. Dieser heißt also nicht: „von Geburt an", nicht einmal „t>oit Kindheit an", sondern vnus» „von seiner Jugend an". Mögen wir die Zeit des nr: früher oder später verlegen, wofür uns der Schrifttext Beispiele liefert, immer ist eS doch die Zeit, wo sich die Unmittelbarkeit der Kindesseele zu verlieren begonnen, wo die Mannigfaltigkeit der Regungen, Triebe und Leidenschaften erwacht ist und sie ihr wechselvolles Spiel angehoben haben. Dann ist es auch sehr tröstlich, daß nicht steht: „Das Menschenherz ist böse von seiner Jugend an", sondern „das Bilden des Menschenherzens", das, was es hervorbringt, was es schafft und gestaltet h^). — Durch diese Bemerkungen können wir zu dem Schluffe geführt werden, daß uns hier gesagt werden soll: Alles, was so ganz unmittelbar aus der Tiefe des menschlichen Herzens heraufströmt, das ist gut und rein, das fließt aus dem göttlichen Quell der Liebe, den die Hand Gottes im Innersten der Menschenseele angelegt, aus dem Verlangen nach dem Bessern, aus der Sehnsucht nach dem Höheren, aus den lauteren Anlagen, die der Schöpfer dem Menschenherzen gegeben. Aber indem der Geist und das Bewußtsein erwachen, die Verhältnisse mit den Dingen außer uns sich anknüpfen, die Eindrücke und Ausflüsse von außen her wirksam werden, da beginnt das Schaffen und Bilden, das Gestalten und Erzeugen des Menschenherzens, da geräth jenes unmittelbare Reine in Widerspruch mit jenen Eindrücken und Einflüssen, mit den Forderungen des Außens; es wird uns widersprochen in dem was wir verlangen, es wird uns gegeben, was wir uns nicht aneignen wollen; der Widerspruch ist da, die Gegensätze sind in uns hineingeworfen — dieses Bilden und Gestalten ist böse, und nun kommt es erst darauf an, ob das sittliche Bewußtsein, die Gottesfurcht, die Liebe, das Rechtsgefühl, die Pflichttreue in uns stark genug und Herr werden,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.