Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1867)
- Date
- 1867-11-19
- Page
- Seite 945 (sequence 17)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Zv-enthums. FeuMon-LeUage zu Nr. 47. Leipzig, den 19. November 1867. Das Menschenherz nach der heiligen Schrift, l. Es ist ein hartes, schneidendes Wort, bei dem ich immer und immer wieder stehen bleibe, wenn ich darauf treffe, das Wort t Mos. 8, 21. VllM» S-, vidi ab -i» '2 „Denn das Dichten (Bilden) des Menschenherzens ist böse von seiner Jugend an." Freilich unsere heilige Schrift, indem sie die höchsten Grundsätze, die erhabensten Zielpunkte, das Ideal für die Bestrebungen, für das Ringen und Kämpfen des Menschen aufstellt, faßt zugleich die Wirklichkeit in den schärfsten Umrissen auf, verbirgt uns deren wahre Gestalt und Beschaffenheit nicht, hüllt sie durch keine Schwärmerei, durch keine sentimentalen Phrasen vor unfern Blicken ein — sie sagt uns einfach: dies soll der Mensch werden, und dies ist er. Auch das dürfen wir niemals übersehen, daß wir in der heiligen Schrift so zu sagen objective und subjective Aussprüche zu unterscheiden haben. Unter den ersteren haben wir zu verstehen, wo sie uns mit klaren und bestimmten Worten die allgemeinen, unveränderlichen, ewigen Wahrheiten kundthut, unter den letzteren, wo sie uns ans dem Momente, aus der Situation, aus der Seelenbewegung des Augenblicks Sätze übergiebt, in deren Grunde zwar die Wahrheit liegt, die aber nach dem Zwecke, den sie verfolgen, nach Färbung und Ausdruck, den obwaltenden Verhältnissen gemäß, eine einseitige und specifische Auffassung der Wahrheit enthalten. Wenn, um nur ein Beispiel zu geben, der Prophet, entrüstet über die Entartung und den Abfall des Volkes, um dieses zu verwarnen, zurückzuschrecken und vielleicht noch zu retten, das nahende Strafgericht in den furchtbarsten Farben schildert — liegt nicht Wahrheit darin? Ist es nicht so gekommen? Kommt es nicht immer und überall so, wo ein Volk dem Verderbniß auheimgefallen? Sind die blutigen Verheerungen des Schwertes, die Wuth der Seuche und der Hnngersnoth, die Flammen der Zerstörung, Gefangenschaft und Tod ansgeblieben? Aber wenn dann in der gewaltigen Rede des Propheten Gott im Zorne, in der Rache, in dem Grimm erscheint, der erst durch den Untergang des Sünders gesättigt wird, ist dies dann nicht eine nur dem Moment, der Seelenbewegung, dem Zwecke entstammende einseitige und tendenziöse Darstellung dieser Wahrheit geworden? Darin ist denn gegen den Geist der Bibel am meisten gesündigt worden, daß man diese Verschiedenheit nicht berücksichtigte, daß man die objective Lehre unbeachtet ließ, und diese subjectiven Aeußerungen in den Vordergrund brachte und sie als die eigentliche Kundthuung der Religion hinstellte. Und doch konnte es gar nicht anders sein, als daß eine solche Unterscheidung getroffen werden muß, da die heilige Schrift kein systematisches Lehrbuch, sondern ein Geschichtsbuch ist, in welchem die Geschichte der Offenbarung von Abraham an bis in die Mitte der Zeiten des zweiten Tempels, d. h. bis zum vollendeten Siege der Gotteslehre im israelitischen Volke gegeben wird, also die Geschichte von anderthalb Jahrtausenden mit all' dem Wandel und der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, der Situationen und Persönlichkeiten, der Ursachen und Wirkungen, der Triebfedern und Leidenschaften, die in ihr auftraten und sich geltend machten. Denn selbst die prophetischen Bücher sind nur Blätter und Einschaltungen dieser Geschichte, und haben, so viele Offenbarungen auch in ihnen enthalten sind, immer ihre geschichtliche Veranlassung, ihren historischen Anhaltspunkt. Ja, das Menschenherz ist ein Räthsel . . . Das haben schon Viele gesagt, und man wird es immer wiederholen, so lange noch ein Menschenherz inmitten vieler anderer schlägt und sehnsüchtig ausschant nach dem Berständniß derer, die ihm nahe stehen, von denen es sein Glück und seine Förderung erwartet oder denen es diese spenden soll — oder auch das Gegentheil, Unheil und Gefahren. Ein Räthsel ist uns das eigene Herz, und so sehr wir es beobachten und uns die Herrschaft über dasselbe anzueignen und zu erhalten trachten, immer wieder kommen uns seine Bewegungen unerwartet und überraschend, aus unbekannten Quellen sprudeln sie uns entgegen, zeigen uns in ihrem Steigen und Fallen die bunten Farben des Regenbogens, und selbst mitten in ihrer Fülle vermögen wir nicht abzusehen, wohin sie strömen, bis wie weit sie fließen werden. Dies selbst, so weit