Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1867)
- Date
- 1867-11-05
- Page
- Seite 898 (sequence 10)
- Language
- German
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898 eine Auflehnung gegen eine Fremdherrschaft und eine Beseitigung der letzteren auftrat, während es hingegen in Rußland als eine Ausdehnung der russischen Nationalität über alle dem russischen Szepter unterworfenen Nationen, so wie auch über slavische Stämme, die bis jetzt nicht dem russischen Reiche angehören, zu wirken beginnt, hat das Nationalitätsprinzip in Deutschland dieses beides nicht zum Inhalt, sondern vielmehr nur die zersplitterten Theile Deutschlands zu vereinigen, also die nationale Einheit herzustellen. In Deutschland hat man weder eine Fremdherrschaft abzuwerfcn, noch die deutsche Nationalität mit Gewalt in anderen Volksstämmen zur Herrschaft zu bringen, da nur kleine Bruchtheile fremder Nationalitäten deutschen Staaten unterworfen sind und selbst in der Neugestaltung Oesterreichs die demselben angchörigen nichtdeutschen Völker auch außer den llngarn, für ihre Nationalität eine gleichberechtigte Stellung erhalten. Dieses deutsche Streben nach nationaler Einheit bringt nun wie von selbst vorzugsweise die Tendenz hervor, auch die Gleichstellung für alle Elemente des Volkes zu bewirken, und alle Unterschiede vor dem Gesetze zu beseitigen. Es tritt dies instinktiv selbst in den reaktionären und conscrvativen Parteien zu Tage, während cs selbstverständlich auf liberaler Seite längst Prinzip ist. Wir sehen dies im norddeutschen Bunde sich bcthätigen. Die dahin bezüglichen Gesetze werden im Reichsrathe stets ebenso von der conscrvativen Seite wie von der liberalen votirt. Man will in allen Gesetzen einen Unterschied ftir Stänime und Volksklassen nicht mehr gelten lassen, und confcssionelle Unterschiede werden nicht allein von keiner Seite befürwortet, sondern ihnen auch vorsichtig vorgebeugt. Diese Tendenz kann nicht ohne Einwirkung auch auf die sozialen Verhältnisse bleiben; sie hat nothwendig ein zwingendes Element in sich, das nicht bei der Gesetzgebung stehen bleibt. Als ein Faktum hierfür können wir auführen, daß neuerdings von einer hohen Stelle aus ein Congreß der deutschen Freimaurerlogen veranlaßt, und unter den von ihm zu behandelnden Gegenständen beantragt worden ist, jenen Makel — als solchen haben ihn die Logen aller nichtpreußischen Länder bezeichnet — jenen Makel der preußischen Freimaurerlogen, alle Nichtchristen aus den Logen auszuschließen, zu beseitigen. Wir werden hierüber so wie über jüngste Vorgänge in einigen Logen bald sehr Interessantes mitzutheilen im Stande sein, ohne daß das jfreimaurerische Mysterium verletzt werden soll. Wir zweifeln nicht, daß, wenn die Frage zur Verhandlung kommt, sie im besseren Sinne entschieden werde. Diese Frage liegt aber um so näher, als in den, Preußen jetzt annectirten Ländern diese Ausschließung in den Freimaurerlogen nicht stattfand, eine Unifikation des Systems also zur Nothwendigkeit wird. Oesterreichischer Kaiserstaat. Prag, 20. Oktober. (Privatmitth.) Es thut mir leid, daß ich ihre Leser heute mit einer Trauerbotschaft schmerzlichsten Inhalts heimsuche: Salomon Jehuda Rapoport, seit 1840 erster Rabbiner in der hiesigen Gemeinde, hat in der Nacht vom 16. auf den 17. Tischri (15.—16. d. M.) nach langer Krankheit das Zeitliche gesegnet. Obgleich auf das traurige Ereigniß lange vorbereitet, hat dieses dennoch bei seinem Eintreffen die Gemüther heftig erschüttert. Unter dem gewaltigen Eindruck dieser Erschütterung führe ich hier die Feder und muß mich daher für jetzt auf die Mittheilung bloßer Thatsachen beschränken. Die Beerdigung mußte auf Freitag Nachinirtags verschoben werden, weil zahlreiche Deputationen von Gemeinden aus Nah und Fern angcmeldet wurden. Auch die Schwestergcmeinde Wien sandte Deputirte, und zwar den greisen Rabbiner Horwitz nnd den Prediger Dr. Jellinek. Rücksichlich der Festlichkeit der Zeit und der Nähe des Sabbaths uuterblieben die Leichenreden. Nur Rabb. Horwitz aus Wien glaubte am offnen Grabe einige Worte sprechen zu sollen; ihm schloß sich mit einigen Worten vr. Jellinek an. So wurde die sterbliche Hülle des unsterblichen Mannes zu Grabe getragen Fern sei es von uns, irgend einem Cultusbeamten der Prager Gemeinde hier einen Vorwurf zu machen, — am wenigsten trifft ein Vorwurf den Cultusbeamten, der mit dem Verewigten mehr als zwanzig Jahre Hand in Hand gegangen und in der größten Eintracht und Harmonie gelebt hat. Man weiß hier, welche Ueberwindung es ihm gekostet, in der fraglichen Beziehung sich zu fügen und zu schweigen. Und sein Lohn dafür war, daß diesmal ausnahmsweise sein Schweigen ebenso großen Beifalls sich erfreute, wie sonst gewöhnlich sein Reden. — Daß nach den Feiertagen eine solenne Trauerfeier mit einer entspre-