Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1867)
- Date
- 1867-10-29
- Page
- Seite 885 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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885 Dem Referenten fällt hier ein vom „Pesti Naplö“ vor Monaten, bezüglich einer sonstigen Angelegenheit gethaner Ausspruch ein, der zur Illustration jener Zögerungspolitik dienen kann. Das deükistische Organ sagte nämlich wörtlich: „Und man kann es uns glauben, daß auch wir sehr gründlich und umsichtig sein können, wenn — das Aufschieben in unserem Interesse und unserer Absicht liegt." Dem „Napltf“ zufolge beabsichtigt man, von Großwardein aus an den Reichstag eine in deutscher Sprache abgefaßte anonyme Bittschrift gegen die Emancipation zu richten. Dazu bemerkt „Naplö“: „Die Bittsteller scheinen Vieles nicht zu wissen, wie z. B. daß der Reichstag keine anonyme Bittschrift annimmt." Also schämt man sich doch wenigstens schon, mit offenem Visir gegen die Forderungen des Zeitgeistes in die Schranken zu treten. Welche Wichtigkeit die Linke des Reichstages dem jüdischen Elemente im Lande beilegt, sowie, daß dieselbe, schon im eigenen Interesse der Ungar. Nation, die Emancipatiou der Juden je eher verwirklicht zu sehen wünscht, beweist nachstehendes Citat aus dem (dem publieistischen Organe der Linken), welches Citat einem vom Redakteur und Deputaten Jökai unter dem Titel: „Mit wem sollen wir uns alliiren?" veröffentlichten Artikelcyclus entnommen ist. „Es würde nur das Ausmerzen eines einzigen Wortes*- aus unserem Gesetzbuche kosten," heißt es daselbst, „um diejenigen unserer natürlichen Verbündeten an uns zu knüpfen, die den nervus zum Kriegführen, sowie das ganze System unseres Handels in den Händen haben; und das Ausmerzeu dieses Wortes schieben die Weisen und Freigeister unseres Vaterlandes (die ministerielle Deäkpartei, Corresp.) fortwährend auf, antworten auf die drängenden Interpellationen der Linken nur mit Versprechungen, wagen es aber nicht, dieselben in Vollzug zu setzen; warum? weil der Schritt in den ersten Stunden unpopulär sein werde; weil bei uns selbst der Taglöhner noch ein hochmütiger Aristokrat ist, wo er einen Menschen finden kann, der verachteter ist, als er selbst." Dr. Nikolsburger (Communalarzt in dem wenige Stunden von hier entfernten magyarischen Marktflecken *) Das Wort „recipirt“ in dem betreff. 1848er Gesetzartikel, demzufolge nur die Angehörigen der rccipirtea Confessionen gleichberechtigt sind. Topolya) welcher bei der diesjährigen Wahl der Comitatsbeamten — nebst noch zwei jüdischen Aerzten — zum Honorar-Bezirksarzte gewählt wurde, plaidirte bei der vor kurzem in Zombor stattgefundenen Comitats- Congregation für das Sitz- und Stimmrecht der Honorar-Beamten im allgemeinnen und für das der jüdischen Honorar-Beamten speciell. Sollte man jedoch ihm, als Juden, fügte er bei, dieses Recht nicht zuerkennen, so würde er sich gedrungen fühlen, die auf ihn gefallene Wahl abzulehnen. Dieser Antrag rief eine lange, erregte Debatte hervor; denn für exclusive Seelen war es denn doch zu viel, bei der Congregation für das Menschenrecht einen Juden in kernigem Ungarisch auftreten zu sehen, welches auch wohl der erste Fall ist, den die Annalen der ungarischen Comitatsverhandlungen zu verzeichnen haben. Zur Ehre der Majorität der Congregation sei es nun gesagt, daß der wackere Doktor mit seinem Anträge durchdrang, welcher unter Anderen von dem hochwürdigen Dechant und Pfarrer zu Topolya, Herrn Bagö, aufs kräftigste unterstützt wurde. — In der k. Freistadt Neutra wollte das Comitats- Commissionsmitglied Paulik, Pfarrer in Töthmegy or, den Honorarmitgliedern das Stimmrecht entzogen wissen, was er damit begründete, daß die Emaneipation der Juden vor der Thür, und es also möglich sei, daß ein Jude zum Obergespan ernannt werde, also durch dessen Einfluß auch jüdische Commissionsmitglieder in der Congregation sitzen, und der jüdische Obergespan demnach durch Geld und Ernennung von Honorarbeamten eine künstliche Majorität schaffen könnte. Diese patriotischen (!l) Befürchtungen wurden jedoch von der Congregation nicht getheilt, und der in solch humaner (!!) Weise motivirte Antrag einfach abgelehnt. Bei derselben Berathung sammelte der Neutraer Bürgermeister Vincenz Morey, — wie „M. Jzr." mittheilt — eine Geldsumme zur Unterstütznng eines bedrängten Israeliten. — Dem ün meinem vorigen Monatsberichte rühmlich genannten Prediger Schnitzer in Komorn ist es gelungen, die Abschaffung des Judeneides auch bei der Stadtbehörde durchzusetzen, und werden nun die Betreffenden, ohne Assistenz des Rabbiners, von dem Richter selbst beeidigt. — Die DDr. med. Adler in Klausenburg und Friedländer in Döes wurden — wie die „Nzt" schreibt — zu Stadtrepräsentanten erwählt. Bon dem Letzteren verlangte man die Ablegung des Ei- 44