Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1867)
- Date
- 1867-10-29
- Page
- Seite 880 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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880 Unterrichts und der Erziehung in der Hand halte, welche ihre Normen vom Staate nicht nehmen zu wollen erklärt. Die Souveränetät des Staates gestattet das nicht.' Das Gesctzgebungsrecht darf nie durch eine äußere Autorität beschränkt sein. Die Unabhängigkeit des Staates von der Kirche fordert auch die Unabhängigkeit der Schule in allen Lchrgcgenständen des weltlichen Wissens. Andererseits fordert die Gleichberechtigung der Consessionen, daß keiner ein Vorrecht eingeräumt werde. Jede Kirche möge die Freiheit in kirchlichen Dingen im Religions-Unterrichte haben. Allen soll der Staat gleiches Recht cinräumen. Es ist auch bei den Steuern und Lasten kein Unterschied. Es ist die Wehrpflicht die gleiche. Es besteht kein rechtlicher Grund eines Privilegiums einer Kirche gegen die andere. Der Staat hat das Recht, zu fordern, daß alle Staatsbürger sich den erlassenen Gesetzen fügen." —. Alan wird sich erinnern, daß in früheren Jahren der Reichsrath mehrere Male seine Sitzungen am Jom Kippur der jüdischen Abgeordneten wegen ausgesetzt hat. Dies Mal zeigte der Präsident an, daß wegen der Wichtigkeit und Dringlichkeit der dem Reichstage vorliegenden Gegenstände die jüdischen Abgeordneten aus freien Stücken hierauf verzichtet hätten, die Sitzung also stattfinden werde. Ein Zusammentreffen war es nun, daß gerade am Jom Kippur das Gesetz über die völlige Gleichberechtigung aller Consessioncn verhandelt und vvtirt worden, wo denn auch die jüdischen Abgeordneten nicht fehlten. Prag, 16. October. Der Telegraph verbreitet nach allen Seiten hin die Tranerkundc, daß der Oberrabbiner Rappaport verstorben ist. Mit uns wird die ganze jüdische Welt diesen Verlust beklagen und dem ehrwürdigen Greise ein dauerndes Gedächtniß widmen. Näheres erwarten wir in den Correspondenzen aus Prag. Brünn, 11. October. (Privatmitth.) Einige jüdische Journale haben in letzter Zeit eine heftige Polemik gegen das Breslauer Seminar geführt. Ich kenne dasselbe nicht durch Autopsie, und will ich gern zugebcn, daß dasselbe manches zu wünschen übrig lasse; hingegen scheint cs mir, daß die Herren über das Ziel hinausgeschosscn haben. — Wir bemerken jetzt im Ganzen und Großen auf jüdisch-religiösem Gebiete vier Richtungen. Die äußerste Reform, die früher durch Holdheim vertreten wurde, hat meines Wissens jetzt keinen wissenschaftlichen Vertreter. Es ist also zuerst zu nennen vr. Geiger, dann das Breslauer Seminar, hernach Hirsch, Hildesheimer und schließlich Hillel Letsch, welcher Hirsch und Hildesheimer für Apikorsim erklärt, weil sie deutsch schreiben. Ohne verkennen zu wollen, daß Hillel Letsch bei uns in Oesterreich Anhänger in Ungarn und Galizien hat, so will ich doch über diese Richtung ganz hinweggehen. Dr. Geiger ist vorläufig nicht Dircctor eines Seminars; setzen wir jedoch den Fall, er würde heute Director werden, so wollen wir uns doch darüber nicht täuschen, daß die Gemeinden sich nicht beeilen möchten, seine Schüler als Rabbincn anzustellen. Wir persönlich bedauern, daß er so ist; aber er ist leider so. Wenn nun das Breslauer Seminar depravirt wird, wohin treibt man das Publicum? — Nun eben zu den Hrn. Hirsch und Hildesheimer, in die romantische Schule des Mhsticismus. Wir wissen sehr gut, daß der Baum der „Glaubenswisscnschaft" beiläufig die Quadratur des Cirkcls bedeute, wir haben es selbst erfahren, daß Herr Director Frankel wie Herr Oberrabbiner Rappoport, nicht die Consequenzen ihrer Forschungen anerkennen wollen und vor den Geistern erschrecken, die sie ins Leben gerufen; aber ich glaube, man thut Hrn. l)r. Frankel sehr unrecht, wenn man ihm imputirt, daß er die jungen Leute zu Muckern und Heuchlern heran - bilde. Wenn einige Mucker und Heuchler sind, so sind sie das auf eigene Faust geworden, und das Seminar ist nicht dafür verantwortlich. Hingegen ist es nicht zu leugnen, daß die Schüler des Seminars ein unf - scnschaftliches Streben haben. Wenn man demselben nun ferner zum Vorwurfe macht, daß es bis jetzt keine Lumina gebildet hat, so antworten wir darauf, daß das Seminar bis jetzt erst seit kurzer Zeit besteht, und daß die Lumina überhaupt eben nicht so häufig sind. — Wenn wir jetzt in sehr erklecklicher Zahl Mucker und Heuchler haben, so sind daran die Gemeinden schuld. Es ist keine Frage, daß heute eine viel laxere Praxis auf religiösem Gebiete unter den Juden herrscht, als in früherer Zeit, aber man wünscht, daß der Rabbiner y " mss sein s oll. Ein Blick auf die Gemeinde der Haupt- und Residenzstadt bietet dem Freunde des Judcnthums viel Unangenehmes. In dem Vorstände sitzen Männer wie Kuranda, Kompert rc. Man sollte meinen, diese Herren befürworten die Reform, doch sind