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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-10-29 · Heft 44 (29.10.1867) · p. Seite 872

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 44 (29.10.1867)
Date
1867-10-29
Page
Seite 872 (sequence 4)
Language
German
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872 Strom der Zeiten ist ein ununterbrochener, der Kampf ein alter, der sich immer wiederholt, weil er mit vermehrten Kräften und mit unwiderstehlicherer Nothwendigkeit immer wieder auftritt. In unserer Zeit, wo ein freierer Geist sich aller Classen und Schichten der Völker bemächtigt hat, find natürlich die Streitkräfte dieses Geistes gewaltiger und verbürgen den Sieg. Nicht daß wir glauben, dieser Sieg stehe nahe bevor und wäre für immer entscheidend. Sö weit möchten wir noch nicht halten. Die Wucht des Bestehenden ist zu groß. Man wird Compromisse suchen, die nach einiger Zeit den weiteren Kampf wieder in sich tragen. Aber mit jedem dieser Schritte wird doch ein Erfolg erreicht, und so erfüllt sich das Geschick endlich dennoch. Die Mortarafälle in Galicien und die Verhandlungen des österreichischen Abgeordnetenhauses darüber. Die in Rede stehenden Vorgänge erweisen wohl abermals, welchen Einfluß das Concordat und die diesein entsprechenden Gesetze haben, aber auch wie schwer es werden wird, diesen Einfluß bei den Intentionen so vieler mächtigen Persönlichkeiten zu beseitigen. Am einfachsten gehn wir gleich auf die Verhandlungen ein. Wien, 16. October. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses kam folgende charakteristische Episode vor. Präsident: An das Präsidium dieses Hauses ist heute Morgens ein Telegramm eingelangt, das im gleichen Wortlaute auch dem Dr. v. Mühlfeld zugekommen ist. Dr. v. Mühlfeld hat dies Telegramm als Petition dem Hause überreicht. Es ist die Bitte eines Vaters aus Lemberg, dessen Tochter „Sarah" im Nonnenkloster zurückgehalten und ohne Zustimmung des Vaters zur christlichen Kirche bekehrt wird. Ich bitte den Herrn Schriftführer das Telegrainm zu verlesen. Schriftführer liest: „Meine siebzehnjährige Tochter Sarah, roclo Chaje, hat sich nach Verübung eines Diebstahls an allen meinen Habseligkeiten in das hiesige Benedictinerkloster geflüchtet, wo sie sich seit dem 9. October besindet. Mir wird der Zutritt verweigert und auch das Strafgericht, obwohl der Thatbestand vollkommen erhoben ist und die gesetzliche Strafe folgen muß, weigert sich, sie aus dem Kloster zu holen, den Nonnen Zeit lassend, ihre Bekehrung ohne väterliche Ansprache an das Kind zu vollenden. Meine Noch ist äußerst dringend, ich bitte um schleunige Hilfe. Lemberg, 15. October. Markus Radamski." Präsident: Ich werde diese Angelegenheit dem Petitions-Ausschüsse übergeben. Dr. v. Mühlfeld: Ich habe mir das Wort erbeten, um den Antrag zu stellen, daß der Petitions-Ausschuß beauftragt werde, sich sogleich nach Schluß der heutigen Sitzung zu versammeln, und in der morgigen Sitzung schon über die Angelegenheit Bericht zu erstatten. Die Gründe hiezu finde ich nicht blos im Inhalte des Telegrammes selbst, sondern auch in dem Umstande, daß dieser Fall nicht der erste, sondern in der neuesten Zeit schon der zweite ist. Bor wenigen Wochen ist ein ähnlicher Fall in Tarnopol vorgekommen. Aus den öffentlichen Blättern ist bekannt, daß das Justizministerium damals Schritte that, mit welchem Resultate, ist freilich nicht bekannt geworden. Ich glaube, das sind Gründe genug, die meinen Antrag unterstützen. Dr. Landesberger: Auch ich habe dasselbe Telegramm erhalten und überreiche es gleichfalls als Petition dem Präsidium des Hauses. Ich unterstütze den Antrag des Dr. v. Mühlseld schon darum, weil es ein ganz unerhörtes Präcedenz ist, daß ein Kloster sich zuin Asyle für Verbrecher hergiebt. Minister Taaffe: Ich erlaube mir dem hohen Hause mitzutheilen, daß auch ich dasselbe Telegramm heute Morgens erhalten, und daß ich mich in Folge dessen telegraphisch an den Statthalter von Galizien um genaueren telegraphischen Bericht gewendet habe. Eine andere Verfügung war vorderhand nicht angezeigt. Ich werde nicht unterlassen, sobald mir der betreffende Bericht zugekommen, denselben dem Petitionsausschusse mitzutheilen. Es kommt der Mühlfeld'sche Antrag zur Abstimmung. Derselbe wird nahezu einstimmig angenommen. Dafür auch P. Greuter. Gegen Schluß der Sitzung nahm der Justizminister v. Hye nochmals das Wort: Ich halte es für nothwendig, bezüglich einer Petition, die heute im telegraphischen Wege in: hohen Hause ein-

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