Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1867)
- Date
- 1867-10-29
- Page
- Seite 871 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226581-3226626--25458-3260962- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
871 Familie gerissen worden, gehörte Bologna nicht mehr dem Kirchenstaate an. Da der Ultramontismus sich der italienischen Einheit widersetzte und auf die Fremdherrschaft in Italien sich stützte, so mußte die Fluth der italienischen Volks- und Staatsbewegung sich gegen die weltliche Herrschaft des Papstes wenden, spülte und spült ein Stück des Kirchenstaates nach dem andern vom Felsen Petri ab und wird und kann nicht ruhen, bis das Kapitol der Mittelpunkt .Italiens geworden. Die Ultramontanen selbst sagen, daß dies ein schwerer Schlag für das Papstthum sei. Wir wissen es nicht; aber daß dem Ultramontanismus die stärkste Wurzel hiermit abgeschnitten wird, ist gewiß. Das Papstchum kann immerhin wieder einmal in Rom einziehen, wie es aus Avignon, wie es aus Fontainebleau dahin zurückkehrte, aber der Ultramontanismus hat seinen Schwerpunkt, seine Wohnstätte verloren. — Die Kirche hatte sich der Schule völlig bemeistert, wohl wissend, welche Pflanzstätte für die Zukunft sie darin besäße, hatte sich durch ihre Gewalt über .die Ehe eine Obinacht über das Familienleben erworben, hatte durch den Geist der Ausschließung, den sie predigte, alle Nichtkatholiken aus allen Zweigen des öffentlichen Lebens, ja, wo sie es vermochte, aus den Territorien verbannt; sie verdammte die Wissenfchaft, die Literatur, die Bolksrechte und Freiheiten, uud that dies nicht blos in Worten, in feierlichen Erklärungen, in Encycliken und Syllaben, sondern auch so weit ihr Einfluß nur reichte, in Thatsachen von großer Wucht. Wir sehen daher gegenwärtig auf allen diesen Gebieten einen mächtigen Kampf gegen sie erhoben. In Oesterreich soll das Conkordat beseitigt werden. Vielleicht hätte sich bei der Apathie der Massen der Streit innerhalb des österreichischen Abgeordnetenhauses gehalten und für die nächste Zeit wieder verlaufen. Aber der Episkopat glaubte die Sache im Keime ersticken zu müssen, und richtete eine Adresse an den Kaiser, welche die Gegner uiederschmettern sollte. Nun erst entzündete sich das Feuer, die Bewegung kam in Fluß, aus allen Gemeinderäthen des Staates laufen die Adressen und Proteste gegen das Conkordat und die Adresse der Bischöfe ein, und der Reichstag nimmt eine so feste Position an, daß ihm wesentliche Erfolge nicht fehlen können. Aber ein ähnlicher Widerstreit ersteht auch in Bayern, wo die Bischöfe sich gegen den Entwurf eines neuen Schulgesetzes erheben, in Baden, wo der Erzbischof von Freiburg den jungen Geistlichen verbietet, sich der vom Staatsgesetz geforderten wissenschaftlichen Prüfung zu unterziehen. Wir sagten oben, daß dies eine Bewegung auf dem katholischen Gebiete sei. Wir wollten damit sagen, daß dieser Kampf gegen den Ultramontanismus nur von Katholiken selbst geführt wird. Die Italiener, welche Rom sich aneignen wollen, sind ein katholisches Volk, die Oesterreicher sind in der größten Majorität ein katholisches Volk, ebenso wie dies in Bayern der Fall ist. Die Protestanten sehen nur zu; England soll nicht einmal Geldunterstützungen für Garibaldi hergegeben haben; die Juden sehen nur zu, und noch immer haben sich jüdische Banquiers nicht einmal an der Operation mit den italienischen Kichengütern betheiligt. Sollten wirklich einige Protestanten und Juden an der Presse in den katholischen Ländern Mitwirken, so ist dies doch von keiner großen Bedeutung, da die Presse ohne sie auch diesen Charakter hätte, der nicht von ihnen gemacht ist, sondern dem sie nur beigetreten sind. Wir heben dies nachdrücklich hervor, weil die Ultramontanen namentlich die Juden gern als die Urheber des ganzen Kampfes ausgeben möchten,. Nein! die Urheber sind sie selbst; mit der Entschiedenheit, mit welcher sie sich um ein halbes Jahrtausend zurückversetzt haben, war der Kampf geboren, und jeder ihrer Erfolge war eine Fackel mehr, die sie in das Pulverfaß warfen. Wie? haben nicht vor einem halben Jahrtausend noch viel furchtbarere Kämpfe um dieselbe Machtstellung stattgefunden, als gegenwärtig? Ging nicht damals das deutsche Kaiserthum dadurch zu Grunde, und fielen Italien und Deutschland darüber der Auflösung und Erniedrigung nicht anheim? Aber die Zeiten sind anders geworden, und die Mächte, welche der Ultramontanismns damals besiegte, die Nationaleinheit und die Principien der Volksfreiheit sind jetzt in Italien und Deutschland unüberwindlich geworden, und sie sind gegenwärtig mit der Einsicht und Ausdauer durchdrungen, welche in jener Epoche der Ultramontanismus besaß. Nichts zeugt von dem kleinlichen Sinne jener Partei mehr als die Kampfesart, welche sie gebrauchen. Die persönlichen Gesinnungen der Herrscher oder Herrscherinnen, die Bezüchtigung der Gegner als Atheisten, Juden und wo möglich Verbrecher, die Behauptung, daß was ihnen entgegentritt, die Unsittlichkeit, die Vernichtung der Religion und den Umsturz der Throne wolle, dahinter flüchten sie sich, und damit wollen sie die große Entwickelung der Menschheit erdrücken! Alles soll nur ans Zufälligkeiten und von Persönlichkeiten ausgehen, die daher nur zu beseitigen wären, um wieder freies Spiel zu haben! Aber es ist nicht so. Der 44*