Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1867)
- Date
- 1867-10-29
- Page
- Seite 870 (sequence 2)
- Language
- German
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870 werden; die Verhältnisse der Juden in der anderen Hälfte des Kaiserstaates würden ohne die Rückkehr der constitutivnellen Verfassung und ohne die Aufhebung oder wenigstens die Modification des Conkordats nicht zu einem gedeihlichen Ziele kommen; mit den Bundesgesetzen über Jndigenat, Freizügigkeit, Gewerbefreiheit im norddeutschen Bunde fallen die Beschränkungen auch für die Juden in Mecklenburg und einigen anderen kleinen Staaten, die zu diesem Bunde gehören. Ist diese Betrachtung an sich schon wichtig genug, um ausgesprochen zu werden, so dient sie uns auch zur Rechtfertigung, wenn wir uns öfter auf Gebiete begeben, die nicht specifisch jüdisch sind, und wo man uns fragen könnte: was habt ihr hier zu schaffen? Es ist in der That nicht das Gelüste den Wegen der Vergeltung nachzuspüren, oder Partei zu ergreifen, oder die Illusion, auf den Gang der Dinge einzuwirken. Aber die großen Interessen der Menschheit, der Staaten und Völker liegen auch dem Juden tief im Herzen, dies Verständniß der mächtigen Entwickelung in der Menschheit, in den Staaten und Völkern ist auch uns eine der wichtigsten Aufgaben des gegenwärtigen Menschen, wodurch er seine eigene Entfaltung nachhaltig fördert, und endlich, wie wir erwiesen haben, hängt auch unser Geschick, nicht blos als Bürger der Staaten und Glieder der Völker, sondern auch specifisch als Juden von dem Verlaufe dieser gewaltigen Kämpfe und der Weltbegebenheiten ab. So zieht denn jetzt Nichts mehr auch unsere Blicke auf sich, als die große Bewegung, die in der katholischen Welt vor sich geht. Seit mehr als vier Jahrzehenden hat unstreitig die katholische Kirche an Kraft uud Festigkeit und damit an Einfluß und Herrschaft ungemein gewonnen. Nach einer langen Periode der Laxität, der Schlaffheit wurde der kirchliche Geist im katholischen Clerus von Neuem energisch geweckt, disciplinirte sich in strenger Weise, belebte die Hierarchie thatkräftig und ergriff dann die geistlichen Zügel über die katholischen Volksmassen mit außerordentlicher Consequenz. Wir haben hier die Ursachen dieser Erscheinung nicht zu untersuchen, und die politischen und socialen Verhältnisse, durch welche sie gefördert und begünstigt wurde, auseinanderzusetzen. Diese Bewegung war aber ihrer ganzen Natur nach eine rückläufige; sie versetzte sich auf den Standpunkt früherer, längst vergangener Zeiten; sie kehrte zum Concil von Trient und noch weiter zurück. Da sie in eine äußere und innere Reform hineinzulenken nicht im Entferntesten dachte, vielmehr wo sich dergleichen Momente kundthaten, namentlich bei philosophischen und homiletischen Geistern, diese schonungslos zurückwies, zum Widerruf zwang oder ausstieß, sondern ihre ganze Kraft auf die Wiederherstellung der alten Tendenzen, auf den Wiedergewinn der früher besessenen, später verlorenen Macht wandte, und so das klon possumus zu ihrer unabänderlichen Devise machte: so trat sie mit der ganzen Gegenwart, mit ihrem ganzen Inhalte, mit deren Erzeugnissen und Tendenzen in vollen Gegensatz. Dieser Ultramontanismus hatte dessen auch gar kein Hehl; er bekannte sich offen als Gegner aller Zeitbestrebungen; er verdammte diese mit dem Wort, und suchte sie zu erdrücken mit der That. Nun, er feierte seine Triumphe, und, je klarer diese seinen Gegensatz zur gesummten modernen Entwickelung bekundeten, desto mehr feuerten sie ihn an, immer weiter zu gehen, desto sicherer glaubte er des völligen Sieges zu sein. So bis gegen Ende der fünfziger Jahre. Die Herstellung der päpstlichen Herrschaft 1849 durch die französische Occupation Roms, der österreichischen Herrschaft in Italien, das österreichische Conkordat von 1855, der in allen katholischen Staaten, in Spanien, Frankreich, Belgien, in Oesterreich und dem katholischen Deutschland erlangte Einfluß waren seine Triumphe, die Mortarageschichte 1858 sein Sieg über die öffentliche Meinung in der ganzen civilisirten Welt. Dies aber war auch der Wendepunkt. Es war dies Alles keine bloße Herausforderung, kein bloß doctrinärer Widerspruch: es war überall ein energisches Handeln, ein thatkräftiges Eingreifen, eine entschiedene Aktion. Um desto nachdrücklicher mußte auch der Widerstand von der anderen Seite erwachen. Die Energie bringt große Erfolge, jedoch dauerhafte nur, wenn sie mit Weisheit gepaart ist, mit Mäßigung sich verschwistert; die Energie verliert Alles, wenn sie sich von Eigensinn und Unklugheit leiten läßt. Wir sehen ein Beispiel davon an der preußischen Staatsregierung, welche nach dem Siege bei Königsgrätz die Indemnität von ihrem Abgeordnetenhause fordert und erhält: das entgegengesetzte Beispiel liefert der Ultramontanismus. Mit dem Augenblicke, wo der Liberalismus wieder so viel Kraft gewonnen, die Reaktion wenigstens zu einem Compromiß zu nöthigen, war der Ultramontanismus verloren, welcher, untreu seiner Schlauheit in früheren Jahrhunderten, jeden Compromiß hartnäckig zurückwies. Ein Jahr nachdem in Bologna, Europa zum Trotz, der 5jährige Mortara aus dem Schoße seiner verzweifelnden