Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1867)
- Date
- 1867-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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31. Jahrgang M 44 Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 29. October 1867. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Dienstags, in 2 bis 2*/a Bogen. Preis des Jahrgangs 4 Thlr. Halbjährig 2Thlr. Vierteljährig 1 Thlr. Inserate werden mit l1/* Ngr. für die Petitzeile oder deren Naum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Haupt-Expedition für beide Letztere hat sich das Königs. Sachs. Haupt-Zeitungs-Bureau hier unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Die große Bewegung aus dem katholi> schen Gebiete. — Die Mortarafülle in Galizien und die Verhandlungen des österreich. Abgeordnetenhauses darüber. Zeitungsnachrichten: Oesterreich ischer Ka iserstaat: Wien, Prag, Brünn, Aus Böhmen. Donaufürstenthümer: Bukarest. Frankreich: Paris. Amerika: New-Pork, Aus dem Westen Amerikas. Tripolis: Paris. Korrespondenz: Monatsberichte aus Ungarn. III. Leitende Artikel. Bonn, 20. October. Die große Bewegung auf dem katholischen Gebiete. Der spätere Geschichtsschreiber der Juden und des Judenthums im letzten Jahrhundert wird mehr als jemals auf die Geschichte der Zeit, aus die allgemeinen Ereignisse, Richtungen und Umwälzungen eingehen müssen, weil die Geschicke der Juden und selbst die Erscheinungen im Judenthnm ohne jene gar nicht verständlich sein würden. Schon der Freiheitskampf der Nordamerikaner, die französische Revolution von 1789, Napoleon I. (der das Sanhedrin berief, und die Gleichstellung in die von ihm eroberten Länder trug) müssen uns den Aufschluß geben über die großen Veränderungen in der Stellung und Beschaffenheit der Juden. Wie könnten aber erst die darauf gefolgten Kämpfe verstanden werden ohne die Betrachtung der großen Reaktion nach den Freiheitskriegen, ohne die Umwälzung von 1830, ohne die Entwickelung bis 1848, ohne die Erschütterungen dieses Jahres und die großen Folgen, die sich hieran knüpften und nach kurzem Rückgang bald wieder zu Tage drangen? Haben nicht auch die mächtigen Begebenheiten des Jahres 1866 ihre Wirkung auf unsere Verhältnisse gehabt? Die früheren Epochen theilen diese Eigenthümlichkeit nicht. Die langen Zeiten der Verfolgungen haben nur in ihren Hauptzügen ihren Untergrund in den allgemeinen Begebenheiten, und die lange Epoche des Stillstandes und der Abgeschlossenheit, namentlich vom 15—18. Jahrhundert, weist uns wenig auf die Strömung der Ereignisse außerhalb der abgegrenzten jüdischen Kreise hin. — Wollen wir daher die Dinge, wie sie mit uns Vorgehen, nicht blos so hinnehmen, wie sie kommen, wollen wir, und dies müssen wir ja, sie verstehen, ihre Ursachen und Wirkungen ermessen und ihren Character uns bewußt machen: so sind wir gegenwärtig immer mehr genöthigt, unseren Blick auf die allgemeinen Vorgänge zu richten. Wir sagen „immer mehr," denn dieser innere Zusammenhang wächst zusehends; die Stellung der Juden und ihres Religionsbekenntnisses hört immer mehr auf, eine specielle Frage zu sein, sie ist identisch geworden mit den höchsten und umfassendsten Staatsfragen, und wird mit diesen zugleich gelöst. Wir sahen dies in Italien; wir sehen es jetzt vorzugsweise im österreichischen Kaiserftaate; wir sehen es selbst im norddeutschen Bunde. Das Schicksal der fünftausend römischen Israeliten hängt von dem der weltlichen Herrschaft des Papstes ab; die Gleichstellung der Juden in Ungarn könnte ohne die Wiederherstellung der ungarischen Selbständigkeit nicht erreicht