Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1867)
- Date
- 1867-10-22
- Page
- Seite 867 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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867 Blut übergossen. Die Kugel eines Beduinen hatte sie getroffen und die Brust durchbohrt. Sie sank in die Arme ihrer Vaters zurück und ihre Augen brachen. Die Araber kamen herauf und umringten die zwei Unglücklicken, aber sie gewahrten schnell, daß hier jede Untersuchung, jeder Verband überflüssig sei. Das Leben war aus dem schönen, jugendlichen Körper gewichen. . . Aber auch das Herz des Vaters war gebrochen. Er wußte nicht, wie ihm geschehen; er begriff kaum, was vor sich gegangen. Von der Höhe des Glückes, auf die er unerwartet gehoben worden, war er plötzlich in unermeßliche Tiefe geschleudert. Eben glaubte er sein Kind wiedergewonnen zu haben, als es ihm genommen ward auf immer. Er jammerte und seufzte vor sich hin. Die treuen Araber, von diesem Geschick tief ergriffen, hüllten die Leiche fest in einen Beduinenmantel, machten zwischen zwei Maulthieren durch Gurte und Riemen eine Art Bahre zurecht, und befestigten die Todte darauf. Ein Anderer nahm den alten Gottheil vor sich auf das Roß, da dieser allein sich nicht aufrecht zu erhalten vermocht hätte. So brachten sie ihn nach Jerusalem, wo die Leiche seines Kindes auf dem Friedhofe ihre Ruhestätte fand. Sie sollte aus dem Lande nicht wiederkehren, wohin die Sehnsucht ihrer Jugend, das Verlangen eines außergewöhnlichen Geistes, der Wahn einer irren Phantasie sie geführt. Ein Glaubensgenosse brachte den trauernden, in sich gekehrten Gottheil nach Jaffa und schiffte ihn hier ein. Sein Sohn war nach Triest geeilt, um ihn in Empfang zu nehmen. Als er in seinem Hause angelangt war, besuchte ich ihn, und erfuhr aus seinem Munde, wie sich dieses traurige Ereigniß zugetragen. Er überließ das Geschäft seinem Sohne und wandelte noch einige Monde still umher. Sein Leichnam wurde in B. neben dem Grabe jener jungen Frau bestattet, an deren Gruft ich bei dem Nordsturm des Winters gesprochen hatte. Auch diesem Ehrenmanne rief ich das letzte Lebewohl in das Grab hinein. Wenn ein deutscher Jude eine Pilgerung nach der heiligen Stadt unternimmt, mag er nicht unterlassen, die Gruft dieses jungen Mädchens zu besuchen, deren Blüthe vor dem Sturme eines großen Gedankens brach. Wir Anderen lege» im Geiste einen Wyrthenzweig an dem einfachen Grabsteine nieder.*) Di-. L. PH. Gallerte von Abgeordneten jüdischen Glaubens. 13. Leonor Aeicheuheim. Leonor Reichenheim, geboren am 3. Mai 18t4 zu Bernburg, ist der zweite Sohn seiner Eltern, die bis in ihr hohes Alter die Freude genossen, im Kreise ihrer zahlreichen Kinder glücklich und hochgeachtet zu leben. Der religiöse Sinn der Eltern war maßgebend in der *) Der Abdruck ist ohne Erlaubmß des Verfassers nicht gestattet. Redakt. Erziehung der Kinder und bekundet sich dauernd in der hochherzigen Theilnahme derselben an allen heiligen Bestrebungen im Judenthum. Leonor erlangte seine wissenschaftliche Bildung auf dem Gymnasium zu Bernburg, brachte im Verein mit seinen Brüdern das Geschäft, das unter der Firma seines Vaters in Magdeburg bestand, zu blühendem Ansehen und siedelte im Jahre 1839 nach Berlin über, wo seitdem die Firma, an der sämmtliche Brüder Reichenheim participiren, zu den bedeutendsten des Landes zählt. Bereits im Jahre >846 brachte das Geschäftshaus Reichenheim von der königlichen Seehandlung die bedeutende Wollen- und Garn-Spinnerei und Weberei in Wüste-Giersdorf in Schlesien käuflich an sich, die unter der Leitung ihrer neuen Chefs zu einer industriellen Berühmtheit sich emporschwang. Gegenwärtig sind in derselben 2500 Arbeiter beschäftigt und vielleicht ebenso viele stehen außerhalb derselben durch ihre Arbeiten im eigenen Hause in ihrem Dienste und verdanken ihre und ihrer Familie Existenz der umfangreichen Thätigkeit der Fabrik. Seit einigen Jahren besitzt die Fabrik ihre eigene Schule und ein Waisenhaus, beide der Bildung und Erziehung der Arbeiterkinder gewidmet. Leonor, der an dem Aufschwung seines Geschäftshauses einen hervorragenden Antheil hat und in England ein Filial seiner Giersdorfer Fabrik besitzt, wurde im Jahre 1854 zum Commerzienrath ernannt und 1855 mit dem Rothen Adlerorden vierter Klasse dekorirt. Er wandte sein Interesse gleichzeitig den communalen Verhältnissen seines Wohnortes zu und wurde im Jahre 1864 durch die Wahl zum Mitglied der Stadtverordneten-Versammlung und 1867 durch die Wahl zum Stadtrath, als Mitglied des Magistrats zu Berlin, geehrt. Die Humanitätsanstalten der jüdischen Gemeinde blieben nicht zurück, den ausgezeichneten Mann für seinen Antheil an ihrem Gedeihen zu ehren, und so finden wir ihn während sieben Jahre als Vorsitzender des Krankenhauses und gegenwärtig noch als Direktor des Brüdervereins thätig. Es konnte nicht fehlen, daß Reichenheim bei seiner vielseitigen Befähigung und bei seiner Berührung mit den wichtigsten Interessen des öffentlichen Lebens wie naturgemäß in die Bahnen der parlamentarischen Thätigkeit hineingedrängt wurde, und in der Thal im Jahre 1858, als der Prinz von Preußen bei der andauernden Krankheit des Königs die Regentschaft angetreten und mit einem Ministerium von liberaler Gesinnung sich umgeben hatte, wird Reichenheim durch die Wahl im Kreis Reichenbacy-Waldenburg (in Schlesien) zum Mitglied des Abgeordnetenhauses in den Landtag berufen, der am 12. Januar 1859 eröffnet wird. R.'s Bedeutung auf dem Gebiet der Industrie und der Finanzen wies ihm einen Platz in der Commission für Handel und Gewerbe an und führt ihn am 19. Mä.z zum ersten Mal auf die Tribüne, als der Bericht zur Prüfung des Staatshaushalts über den Etat der Eisenbahn-Verwaltung zur Debatte gelangte. Wer damals den Redner hörte, die überzeugende Darlegung, i t