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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-10-22 · Heft 43 (22.10.1867) · p. Seite 866

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 43 (22.10.1867)
Date
1867-10-22
Page
Seite 866 (sequence 18)
Language
German
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866 die Mündung des Jordans und das todte Meer lagen vor den Blicken unserer Pilger. Das Ziel war erreicht. Im Schatten ein« Felsklippe bereiteten die Araber den Fremdm einen Sitz, brachten ihnen von deren Mundvorrath und zerstreuten sich dann am Flußufer, um Beeren und genießbare Früchte von den Sträuchern und wilden Bäumen zu sammeln. Amalie und ihr Vater blickten auf das Gemälde, das zu ihren Füßen lag. Än einem tiefen Kessel liegt der See, umgeben von beiden Seiten von hohen Klippen, nackten, zackigen Felsen. Wohin das Auge schaut, gewahrt es todtes Gestein, öden Sand, Alles unfruchtbar, die Natur lautlos, wie im Todesschlafe. Das ganze Gebirge ist nackter Kalkstein, und die Ufer sind mit Schwefel- und Salpeterstücken und schwarzen Asphaltschollen bedeckt. Die glühende Sonne steht über dem grauen Wasserspiegel, der sich nur selten kräuselt, wenn ein stärkerer Wind über ihn dahin fährt. Links rollt der Jordan in seinem tief eingeschnitteneu Bette sein Wasser in den See und vermischt sich unvermerkt mit diesem. Aber längs der Ufer des Flusses zieht sich ein breiter grüner Streif von hohem Schilf, dichtein Gesträuch und mancherlei Bäumen hin, die einzige erquickende Unterbrechung von Wüste und Wasser. Lange saßen die Beiden schweigend in diesen Anblick versunken. Da erhob sich Amalie und warf sich ihrem Vater zu Füßen; sie ergriff seine Hände, und wandte ihr thränenfeuchtes Antlitz zu ihm auf. „Vater!" rief sie aus, und der Ton quoll aus ihrem innersten Herzen herauf, „v, mein Vater, verzeihe mir, vergieb mir alle die Sorgen und Schmerzen, verzeihe Deinem irren Kinde all' die Aengste und Mühsale, die es Dir bereitet hat, alle die Gefahren, die es über Dein theures Haupt heraufbeschworen! O, ineine Seele liegt zerknirscht vor Dir, vor-Deiner göttlichen Sanftmuth und Liebe! Wie habe ich Dir vergolten, Dich aus der Heimath gerissen, aus Deinem stillen, segensreichen Lebensgang, Dich den Entbehrungen der Wüste, den Schauern und Gefahren der Oede ausgesetzt, Deines Alters nicht achtend, Dein greises Haupt nicht schonend! O, ich vergehe vor Schmerz!" . . . „Amalie, mein Kind, was hast Du? steh auf, beruhige Dich! Was kannst Du dafür? Welche Schuld hättest Du? Es war eine schwere Prüfung, welche die Hand des Herrn über uns gebracht — o, daß sie vorüber wäre, daß Du genäsest, daß mein Kind mir wiedergegeben würde!" ... „Nein, nein Vater, ich bin nicht ohne Schuld, ich muß mich demüthigen, ich muß sühnen, wessen ich mich vergangen! Jetzt erkenn' ich es. Was ich dachte und glaubte, es lag wohl eine Wahrheit darin — aber der Hochmuth erhob sich in meiner Seele, die Hoffahrt bemächtigte sich meines Geistes — ich, ich ohnmächtiges Mädchen, glaubte mich fähig eine Welt in Bewegung zu setzen, ich wähnte dem Tode ein Halt! dem Leben ein Komm! zurufen zu können — meine Hand sollte in j das Rad der Geschichte eingreifen und es in eine neue Spur hineinleiten — weil mein Geist.,'über das Gewöhnlwhe sich erhob, dünkte ich »ir, die Stimme Gottes zu vernehme« — und solches GelLDn gab ich mich hin, bis mein Geist von Nebel umgeben war, opferte i^»en Vater und Bräutigam, Bruder und Freunde, warf mein stilles Glück in den Staub und brachte Dich bis an den Rand des Grabes. . ." „So laß es doch gut sein, theures Kind! Bist Du nur wieder gesund, sieht Dein Auge wieder klar und hell die Dinge und Verhältniffe dieses Lebens an — dann bin ich ja überglücklich, wir keh"en nach der Heimath zurück und Alles, Alles wird wieder gut werden!" „Ja, dies wird der ewige Vorwurf meines Lebens sein, ich konnte Dich und die Meinigen in ihrer Liebe zu mir so glücklich machen und Hab' es verfehlt. Ich, die das graue Haupt ihres Vaters nicht vor den Schwingen des Todes zu schützen vermochte, wollte diese weite Wüste des Todes zum Leben erwecken, wollte Tausende meiner Stammesbrüder hierher führen — um sie dem Verschmachten in die Arme zu bringen! . . ." Immer schmerzlicher wühlte es im Antlitz des unglücklichen Mädchens. Bor der Wucht ihrer Gefühle und Gedanken brach sie zusammen. Da sprang ihr Vater von seinem Sitze, hob sie in die Höhe, legte sie an seine Brust und drückte sie fest und innig an sich. „Kind, Kind," rief er aus, „weißt Du, was es heißt, wenn einem Vater sein Kind wiedergegeben, ihm ganz wieder zu eigen gegeben wird — fühle doch, wie mein Herz klopft, fühle wie meine Brust vor Glück schwillt! Willst Du nicht daran Theil nehmen? Laß die Gnade des Herrn uns preisen, die sich an uns offenbart! Aus dieser Wüste sprießt uns neues Leben, laß es uns freudig beginnen, laß uns Hand in Hand nach der Heimath wandern, und wir werden glücklich sein." An dem Herzen ihres Vaters beruhigte sich allmälig Amalie, ihre Thränen standen still und trockneten, ein wehmüthiges Lächeln spielte um ihren Mund. Sv stand die Gruppe, und schon gedachte Gottheil sich nach den Arabern umzusehen, um alsbald den Rückweg nach Jerusalem anzutreten. Da erhob sich unvermerkt aus dem Schilfe eine Flinte und bald noch eine und wiederum eine. Ihnen nach schlichen sich drei Beduinen hervor, und begannen von verschiedenen Seiten den Berg zu erklettern, auf welchem Gottheil und Amalie standen. Noch waren sie nicht nahe, als der Greis sie gewahrte, und schnell ihre Absicht errathend, schrie er: „Hülfe! Räuber! Mörder!" Diese richteten ihre Flinten auf ihn, und Amalie warf sich vor die Brust ihres Vaters, von der dieser sie nicht verdrängen konnte. Da kamen auch die vier Araber mit lautem Rufen und Drohen um die Bergecke gelaufen. Als die Beduinen die Ueberzahl sahen, schossen sie ihre Flinten ab und stürzten sich in das Röhricht zurück, wo sie verschwanden, wie sie gekommen. In demselben Augenblicke durchschnitt ein Schrei die Luft. Das weiße Gewand Amaliens war schnell mit

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