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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-10-15 · Heft 42 (15.10.1867) · p. Seite 846

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 42 (15.10.1867)
Date
1867-10-15
Page
Seite 846 (sequence 18)
Language
German
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846 Luden gestattet, sich zu verweilen und zu beten. Früher sollte man durch dieses Loch auf ein Gitter gesehen haben, welches eine Oeffnung verschloß, die in die Grabhöhle hineinführte. Aber auch diesen Trost gönnten die Tyrannen des Landes den armen Juden nicht länger und schlossen das Loch von innen mit einer Klappe. Hierhin also begaben sich Gottheil und Amalie, und fanden daselbst einige Frauen um das Loch in der Mauer sitzend und aus Gebetbüchern lesend. Sie redeten sie an, wurden aber nicht verstanden, denn die Weiber waren vom spanischen Stamme Juda's. Aber bereitwillig machten sie ihnen Platz und ließen bald unsere Reisenden allein. Völliges Schweigen umgab die ehrwürdige Stätte, das alte jüdische Bauwerk; selbst die Luft stand still unter den glühenden Strahlen der Sonne, und alles Gethier schien schlafen gegangen zu sein vor der Schwüle des Tages. Der Schatten, den das Gebäude warf, wirkte wohlthätig auf unsere Freunde, und sie saßen bald in Sinnen und Träumen da. Da wandte sich Amalie zu ihrem Vater, und sprach: „Vater, eine Erkenntniß entzieht sich hier Niemandem: mitten in allem Wechsel der Menschen, in allem Wandel des Irdischen, in der unaufhörlichen Strömung des Lebens giebt es doch Dauerndes, Jmmerbleibendes, das nur mit der ganzen Menschheit, mit diesem ganzen Erdball untergehen wird." „Wie meinst Du das, liebe Amalie?" erwiderte ihr Vater. „Ist dies nicht die Stätte, wo der Staub Abrahams vor vier Jahrtausenden sich mit dem Staube der Erde vermählt hat, und da sein Gedächtniß und die Heiligung dieses Ortes sich durch vier Jahrtausende gerettet hat, kann eine Möglichkeit erfunden werden, daß sie der Menschheit jemals verloren gehen? Und jenes Jerusalem selbst, mag es noch zehn Mal verwüstet und zertrümmert werden, mögen immer wieder andere Geschlechter auf seinen Straßen wandeln, kann es anders als für alle Zeiten allen Nationen der Erde geheiligt sein? Werden deren Schritte sich nicht immer wieder dahin lenken und ihre Hände zu seinem Wiederaufbau sich rühren?" Gottheil horchte aufmerksam. „Das ist wahr, sehr wahr!" Aber er mochte gern noch mehr hören und fügte deshalb hinzu: „Aber was willst Du damit sagen?" „Nun, lieber Vater, wir müssen doch fragen: warum heftet sich diese Ewigkeit des Gedächtnisses an diesen unbedeutenden aramäischen Emir und an jenen beschränkten Platz auf den kahlen Höhen von Juda? Während die Todesstätte so vieler Helden und welterschütternden Fürsten vergessen ist, und die Ruinen von Babel und Persepolis nur durch die Legende angegeben werden?" „Und wie lautet Deine Antwort, mein Kind?" „Weil dieser Abraham, dieses Zion, große, ewige Gedanken und Lehren vertreten, Ideen, welche seitdem in der Menschenwelt um die Herrschaft ringen und immer mehr den Sieg erkämpfen, und in ihrem Kampfe und Siege unermeßliche Wohlthaten über zahllose Menschen, über die Völker und endlich über die.ganze Menschheit ausgießen. Die Macht und die Gewalt, wenn sie auch den Augenblick beherrscht, sie geht vorüber und ist nicht mehr. Aber der Gedanke, wenn er sich in einer Menschengestalt oder in irgend einer Erdenerscheinung verkörpert, verewigt diese in seiner eigenen Unsterblichkeit." „Ich verstehe Dich nicht ganz, liebes Kind." „Nun ja, die Erkenntniß, die ich meine, ist: daß nicht der Gedanke und die Lehre durch die Menschen, sondern die Menschen nur durch den Gedanken und die Lehre verewigt werden." Sie schwieg, und ihr Vater sann lange nach, was dies wohl im Jdeengange seiner Tochter zu bedeuten habe. Er fühlte wohl heraus, daß in diesem Gedanken ein Knotenpunkt ihres Seelenlebens, oder vielmehr eine Lösung desselben liegen müsse, vermochte aber nicht klar zu sehen, wie er dies sei. Am anderen Tage brachen sie aus Hebron auf und nahmen ihren Weg nach Nordosten. Sie wollten die steil abfallenden Höhen am Westufer des todten Meeres umgehen, weil diese unwegsam und größtentheils unzugänglich sind, vielmehr bis zu den Ufern des Jordan gelangen, wo dieser in das Meer mündet. Hatten sie aber bis hierher mannigfache Mühsalen zu ertragen gehabt, so wuchsen diese jetzt zu unerträglicher Schwere. Sobald sie aus den Höhen von Hebron heraus waren, kamen sie auf eine weite Ebene, die nur von Zeit.zu Zeit eine wellenförmige Gestaltung des Bodens zeigte. Und diese Ebene ward bald zu einer Steppe, und diese Steppe zu einer Sandwüste. Der Boden war mit Kieseln und Feuersteinen bedeckt, die nur mit dünnem Flugsand wechselten. Die Maulthiere sanken bei jedem Schritt bis über den Knöchel in den Sand; nirgends Schatten, nirgends Spuren der Pflanzenwelt, wenn nicht in weiten Zwischenräumen ein dürrer Wüstenstrauch,der seine Blätter verloren und selbst ein Bild des Todes und der Erstarrung war. Dabei strömte die Sonne ein Meer glühender Strahlen aus, die von den Steinen und dem Sande zurückprallten und ein ebenso scharfes, fast schneidendes Licht verbreiteten. So mußten sie stundenlang dahinziehen, Geist und Sinne verwirrten sich, eine Traumwelt hüllte das Bewußtsein ein wie ein dichter Nebel, durch welchen man nur die nächsten Gestalten von Duft umflossen gewahren kann. Ein unsäglicher Durst quälte die Pilger, und doch war nach mehreren Stunden das mitgenommene Wasser in den Schläuchen verdunstet. Kaum daß die am Gaumen klebende Zunge von Zeit zu Zeit die Frage hervorbrachte: Sind wir bald am Ziele? Und die Araber nickten wohl mit dem Kopfe, aber derselbe Horizont, mit dem gelblichen Striche am Saume wandelte mit ihnen weiter, dehnte sich immer weiter vor ihren Augen aus. Es war gegen zwölf Uhr Mittags. Der Wind hatte den Morgen über von Nordosten her geweht; jetzt sprang er plötzlich nach Süden herum und begann mit großer Heftigkeit und furchtbarer Hitze über die Wüste herzurasen; er drohte zum völligen Sturm überzugehen. Schon

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