Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1867)
- Date
- 1867-10-15
- Page
- Seite 845 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226581-3226624--25430-3260932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hebron 1× ep/1047559
OCR text
Alliemeiue Zkitung -cs Zudcnthums. Fruilleton-öeilage jn Ar. 42. Leipzig, den 15. October 1867. Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. (Fortsetzung.) Ermattet an Seele und Leib kehrten die beiden Reisenden nach Jerusalem zurück, und glaubten hier gegen die Orte, die sie verlassen, an einem Platze der Gesittung, der Ordnung und des Nebenflusses wieder zu sein. Konnten sie sich doch von den Strapazen erholen und ihre Geister anderen und höheren Gedanken wieder erschließen. Auf der ganzen Reise hatte Gottheil nicht unterlassen, seine Tochter sorgfältig zu beobachten. Außer der unermüdlichen Obhut, außer der beständigen Sorge für ihren Schutz und ihre Bequemlichkeit, soweit diese erwirkt werden konnte, widmete er ihr ihr eine unablässige Aufmerksamkeit: sein Auge bewachte jede ihrer Bewegungen, sein Ohr lauschte jedem ihrer Worte, um daraus den Zustand ihrer Seele und die Veränderungen zu erkennen, die in ihr Vorgehen mochten. Aber mit dem Fortgang der Reise war Amalie immer stiller und verschlossener geworden. Sie klagte über keine Beschwerde, nahm Alles hin, als ob es so sein müsse, und wenn ihr Auge Furcht und Angst ausdrückte, so war es dabei auf den Vater gerichtet, für den allein sie zu fürchten und sich zu ängstigen schien. Betrachtungen, Folgerungen, welcher Art sie seien, kamen nicht aus ihrem Munde, und nur Wahrnehmungen ganz äußerlicher Art, oder wenn dann und wann, Morgens oder Abends die Majestät der Gottesnatur, die sich in den Einöden dem Menschenauge am wirksamsten offenbart, in ihrer ganzen Herrlichkeit sich vor ihnen ausbreitete, lieh sie ihrer Bewunderung in ihrer schwungreichen Weise Worte, die ihr Vater so gern vernahm, durch die er sich so willig hinreißen ließ. In Jerusalem aber wurde sie wortlos und schien völlig in sich zurückgezogen. Als daher zwei Wochen wieder vorübergegangen, und sie sich genugsam wieder erholt und gestärkt hatten, war es der alte Gottheil selbst, der zum Aufbruch zu ihrer zweiten und letzten Reise mahnte. Ihn drängte es, an die Heimfahrt denken zu dürfen, und er wollte daher sobald wie möglich auch den letzten Theil der ihm gewordenen schweren Aufgabe lösen. Und dann -- er sah das Kämpfen und Ringen in der Seele seines geliebten Kindes, er fühlte heraus, daß sich hier eine Krise bereite, die zur Enscheidung gebracht werden müsse er wollte den Rest des Kelches trinken, und sei dies der bitterste Theil, ob auf dem Grunde die Perle der Genesung für sein theures Kind liege? ... Amalie zögerte, aber ihr Vater drängte. Nach Jericho zu gehen, mußten sie aufgeben. Mehr als je hatte sich durch die letzte Dürre die Wüste vorgeschoben und in fast unüberwindlicher Weise zwischen die elenden Reste der ehemaligen „Palmenstadt" und der reichen Gegend der Balsamstaude und die bewohnbaren Flecke Landes gen Westen gedrängt. Dazu wurde der Süden des Landes von räuberischen Beduinen durchschwärmt, und sie konnten eben nur mit vieler Mühe und gegen ungeheuren Lohn vier Bewaffnete, vertrauenswerthe Araber finden, um sie zu geleiten; diese aber weigerten sich, anderswohin zu gehen als nach Hebron und dem nördlichen Ende des todten Meeres. Amalie zeigte sich hiermit auch einverstanden. Sie erreichten Hebron nach einem beschwerlichen Marsche. Aber es war eine schöne Oase in der Wüste. Die vielen Thäler bergigen Landes nahe um Hebron waren wohlbebaut, und die Weinberge versprachen eine nahe, reichliche Lese. Dabei schwebte der blaue Duft der schönsten und friedlichsten Erinnerungen um dieses Stück Erde. Hier hatte David sieben Jahre einer ruhigen Regierung über dem Stamm Juda geweilt und seine schönsten Psalmen gedichtet. Noch mehr, hier hatte jenes Muster menschlicher Tugenden und wahrer Gottesfurcht, Abraham gewohnt; dort unter den Terebinthen waren seine Zelte aufgeschlagen, und weiterhin deckte jenes uralte Gemäuer die Stätte seines Grabes und die Gräber der Seinigen. Dahin richteten unsere beiden Freunde ihre Schritte. Es war ein uraltes Mauerwerk von vier Seiten, ohne Fenster, aber mit einer Reihe Wandsäulen unter dem Gesimse versehen. Es stammte noch aus den Zeiten Israels, aber die Mohammedaner haben zierliche Minarets den Ecken aufgesetzt. Mitten in diesem Bauwerk befindet sich ein thurmähnliches Gebäude, unter welchem die Höhle liegt, in der die Patriarchen ihre Ruhestätte gefunden. Zwei Eingänge führen von außen hinein; aber sie öffnen sich niemals einem Andern als einem Mohammedaner. Neben dem einen Eingänge war ein Loch in die Mauer gehauen, und vor diesem warmes den