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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-10-15 · Heft 42 (15.10.1867) · p. Seite 831

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 42 (15.10.1867)
Date
1867-10-15
Page
Seite 831 (sequence 3)
Language
German
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851 Enttäuschung früherer Begeisterung, so viele Nutzlosigkeit großer andauernder Anstrengung zu enthalten, daß der nächste Gedanke zu sein pflegt: wir seien an der Periode der Decrepidität angelangt, die europäische Welt sei bereits ins Absterben, in den Verfall, in die Auflösung gerathen. Hier ist es eben, wo die höhere, wo die echt religiöse Anschauung ebenso vor dem Pessimismus schützt, wie sie dem Optimismus niemals anhängt, weil sie den Moment nur nach seinem Werthe schätzt, und das Augenblickliche von dem Dauernden zu sondern weiß. Nichts ist in der Welt der Menschen interessanter, als die Geschichte eiues Princips zu verfolgen, sein Entstehen, den Kampf um dasselbe, sein Wachsthum und seine Verwirklichung zu beobachten. Eines stellt sich hier immer heraus, uud das ist es, was wir unserer Zeit am lautesten zurufen mögen: mit der zeitweisen Abschwächung, ja Niederlage eines aufstrebenden Princips ist die Unterdrückung, der Untergang desselben durchaus nicht gegeben. Es ergiebt sich vielmehr, daß in der Entwickelung jedes Princips dadurch Zeiten der Abschwächung eintreten, weil die große Masse dieses Princip scheinbar immer noch ohnmächtig, immer noch der Gnade, wenigstens der Obmacht der Gegner preisgegeben sieht. Wenn nämlich ein Princip in die Welt tritt, so findet es zunächst erst ein Häuflein begeisterter Anhänger; die Masie hört es und fühlt instinktmäßig dessen Bedeutung für ihr Wohl, ohne es jedoch in sich aufnehmen und ihren Lebensclementen einverleiben zu können. Jetzt entsteht ein langer hin- und herschwankender Kampf; die Menge neigt sich, gewöhnlich nach langem Martyrium der Bekenner desselben, dem Principe zu, und hebt Führer und Kämpfer auf den Schild. Aber das Bestehende hat zu viel Wucht, um sich alsbald zu ergeben, es wirft die Gegner immer von Neuem nieder. Die Masse wird schwankend und beugt sich vor den Erfolgen, die Führer sehen sich verlassen, und der größere Theil derselben streckt die Hand nach einem Compromifse aus, der wenigstens einen Theil des Princips rette, wie die Gegner in Folge des Kampfes und seiner Gefahren auch einen Theil des ihrigen aufzugeben bereit sind, um desien Machtrecht zu retten. Hier ist es nun, wo wir erwägen müsien, daß zwar in jedem Compromiß ein Aufgeben der Principicn, aber doch auch eine gegenseitige Anerkennung derselben enthalten ist, denn mit einem Nichtbestehenden paktirt mau nicht. Und hierin liegt der Anknüpfungspunkt, die Gewißheit der weiteren Entwickelung. Denn gerade weil beide Principicn bestehen und sich zeitweise zu vergleichen suchen, ist der abermalige Zusammenstoß späterhin unausbleiblich; es kommt darauf an, welche von beiden Parteien die Compromißlinie wieder überschreitet. Aus dm Wirkungen des Compromisses geht die neue Kraft uud der letzte Kampf hervor, und so sehen wir in der Geschichte zuletzt dennoch immer den Sieg des Princips eintreten. — Das eclatanteste Beispiel für die Geschichte eines solchen Princips giebt die Geschichte des israelitischen Volkes. Schon in der Tradition desselben lag die Gotteslehre enthalten. Sie wurde durch Moses verkündet. In diesem Augenblicke jubelte die ganze Masse des Volkes ihr zu. Aber eben so schnell schwankte sie wieder darin, und zeigte sich nur eine kleine Schaar unbedingt für sie begeisterter Männer. So entspann sich ein tausendjähriger Kampf. Als die Machthaber des Volkes eine Krone trugen, suchten sie mit Anstrengung selbst das Gedächtniß der Gotteslehre aus dem Volke zu verdrängen. Um so energischer war der Widerstand der Propheten mit ihrem oft nur geringen Anhang. Nicht wenige Prophetenjünger selbst aber gaben der Strömung im Volke nach und dienten der Macht. Der Staat brach über diesen Kampf zusaminen; die Nation wurde in die Gefangenschaft geführt, aber die Partei der Gotteslehre (die Propheten) begleitete sie dahin, und nun war der Raum frei, um im Volke das Princip der Gotteslehre zum vollständigen Siege zu bringen. — Gerade zu der Zeit, wo Alles verloren, wo das Experiment, der Gotteslehre ein Volk zu erobern, ganz gescheitert schien, war der Sieg für alle Zeiten entschieden. Wollen wir andrerseits ein Beispiel haben, daß ein Compromiß, und zwar ein solcher, der völlig organisch geordnet schien, doch nur den Kampf und den endlichen Sieg des Princips bedeute: so bietet sich uns ein solches in der nordamerikanischen Union dar. Hier suchten das Princip der Menschenrechte und das des Sclaventhums in der Union der Nord- und Südstaaten nach einem Coinpromiß. Er gelang und zwar in einer sehr organischen Weise. Denn die Union beschränkte so wenig wie möglich die Gesetzgebung und die Selbstverwaltung jedes einzelnen der vereinigten Staaten. An 75 Jahre bestand daher das so oft bewunderte Gebäude. Dennoch erwachte schon frühzeitig mitten in diesem Compromiß der Kampf. Es handelte sich einerseits um das Verhalten der Nicht-Sclavenstaaten zu den Sclaven der an- 42*

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