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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-10-08 · Heft 41 (8.10.1867) · p. Seite 826

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 41 (8.10.1867)
Date
1867-10-08
Page
Seite 826 (sequence 18)
Language
German
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Höhe, das nicht Jubel, nicht Trauer, sondern beides zugleich war, das der großen Vergangenheit wie der Gegenwart, der Erde wie dem Himmel gleicherweise an gehörte. Die sämmtlichen Genossen der Reise waren bei diesem Anblick von den Pferden, Kamelen und Rossen herabgeglitten, hatten sich in Gruppen auf die Kniee gelassen und murmelten ihre Gebete, Jeder in seiner Sprache und seiner Weise. Auch Gottheil und Amalie hatten dies unwillkürlich gethan; bald aber lösten sie sich aus der Menge, und erstiegen einen kleinen Abhang seitwärts, wo sie sich auf einen Stein niederließen, und, immer den Blick nach den vor ihnen liegenden Hügeln mit den Mauern, Häusern, Moscheen und Minarets, mit den Trümmern und dem Gerolle gerichtet, still ihren Gefühlen nachhingen, die doch keine Worte gestatteten. So saßen sie, als ein Mann den Pfad heraufstieg und nach einigem Umblick sich nach ihnen wandte. Er war von freundlichem, aber ernstem Aussehen und trug ein Messer in der Hand. Es klärte sich ihnen bald auf: er war ein Glaubensgenosse, der das Amt hatte, heranpilgernden Juden entgegenzugehen, um ihnen, bevor sie die Thorschwelle Jerusalems betreten, den Schnitt und Riß der Trauer im Obergewande zu machen, ohne welche kein Israelit, zum Zeichen seiner Gefühle, in das gefallene Zion einwandern soll. Sie duldeten es stillschweigend, und gingen unter seiner Leitung in die Stadt hinein und fanden bald eine nicht unfreundliche Wohnnng bei einem deutschen Juden. Es war dies noch ziemlich am Vormittag geschehen. Am Nachmittag schon suchten sie jene letzten Reste des ehemaligen Tempels auf, jene Westmauer aus einigen Reihen alter Quadersteine, welche die Klagemauer genannt wird, und vor der auf einem kleinen Platze die Juden das, wenn auch schwer erkaufte Recht haben, zu verweilen und ihre Klagen und Gebete auszugießen. Es geschieht dies am Freitag Nachmittag in größerer Anzahl. Als Amalie mit ihrem Vater die Stelle aussuchte, fanden sie nur zwei Greise in orientalischer Tracht, die auf einem Steine sitzend, das Gesicht nach der Mauer gewendet, aus einem großen Buche Klagelieder und Psalmen lasen. Sie thaten es auch. Welche Gedanken und Gefühle mögen an dieser einzigen Stelle des Erdballs durch die Seele Amaliens gezogen sein! Lauschte sie auf die Stimme von oben? Horchte sie auf den Ruf, den sie erwartete? Erbebten die Fibern ihres Herzens von der Begeisterung, die ihrer werden sollte, die sie aufrufe zum unüberwindlichen Handeln, zur raschen, siegreichen That? ... Es blieb still in ihr, still um sie. Die Schwingen ihres Geistes hingen schlaff' herab und regten sich kaum. War es die Gluth, welche die Luft erfüllte? oder der Blick auf Trümmer und nichts als Trümmer, auf Schmutz und Elend, auf Niedrigkeit und Knechtschaft, die ihr begegneten, wohin sie ihn auch warf? ... Sie zog den Schleier dichter um ihr Haupt und ihre Gestalt und versank in lange Träumereien. Aber sie hörte nur die Quellen ihres eigenen Herzens rauschen, und dies war ein trauriger, einförmiger Sang. An den folgenden Tagen durchstreiften sie die Stadt und die Umgebung. Sie stiegen in das Thal Josaphat, in das wüste Thal Hinnom, in das tiefe Gewölbe des Siloah, zu den Königsgräbern hinab, den Oelberg hinan. . . Aber überall Trümmer, Versunkenheit, auf den Ruinen der Vergangenheit ein kleinliches, elendes Leben von Tag zu Tag, von Hunger, Dürre, Krankheit und Pest durchzogen. In der Seele Amaliens häufte sich der Zündstoff der Verzweiflung, wenn sie auch nur selten durch einen Seufzer, einen Klageruf sie verrieth. Wäre doch nur Alles Trümmerwerk und Nichts als Ruinenschutt! Dann könnte aus dem schlummernden Schoße neues und großes Leben erstehen! Der Fuchs ist zu verscheuchen und der Schakal, der Bär zu bekämpfen und der Wolf, und selbst der Löwe muß vor dem Blick und der Waffe des Menschen weichen — hier aber hat ein niedriges Geschlecht, eine verkommene Masse von Knechten, Knechten an Geist und an Leib, ihre Nester gebaut auf die Mauern und Säulen einer großen und heiligen Zeit — wer kann sich unter sie mischen, sie zu neuem Leben zu erwecken, sie groß und erhaben zu gestalten?! Gottheil wurde in Jerusalem vielfach gewarnt, jede Pilgerschaft durch das Land zu unterlassen. Die Noth, welche im Gefolge des Mißwachses zu einer furchtbaren Höhe gestiegen, hatte die Unsicherheit in ganz Palästina und Syrien, die immer schon eine nicht geringe war, um Vieles vermehrt. Der damalige Paschah von Jerusalem war ein weibischer Mensch, der die meiste Zeit in seinem Harem verbrachte, dem die Zustände im Lande völlig gleichgiltig waren; wenn nur kein offenbarer Aufruhr ausbrach, der ihn in Stambul um das Vertrauen und damit um sein Amt bringen konnte. Aber Amalie ließ nicht nach; sie rechnete auf den Schutz des Himmels; sie fragte, wozu sie die Beschwerden und Opfer der weiten Reise ertragen hätten, wenn sie nichts als die schmutzigen Häuser und traurigen Ruinen der Zionsstadt sehen sollten? Es duldete sie nicht mehr an dieser Stätte versunkener Größe und Heiligkeit; die Menschen, die sie hier sah, ihre Gesinnungen und Zwecke, ihre Jntriguen und Streitigkeiten waren ihr bald widerwärtig, ja unerträglich auf dem glänzenden Hintergründe ihrer eigenen Gedanken und Gefühle. Gottheil erhielt durch dringende Empfehlungen und schweres Geld einige türkische Bewaffnete, zwei, jüdische Männer schlossen sich ihnen an, und so ging es zu einem der westlichen Thore Jerusalems wieder hinaus. Die Reise ging über Nablus (Sichem) nach dem Tabor, von Tabor nach Liberias und Safev. Diese beiden heiligen Städte sollten das Endziel sein, um von da auf dem kürzesten Wege nach Jerusalem zurückzukehren. Nach einiger Rast wollten sie dann nach Hebron, Jericho und dem todten Meere Vordringen. Sie kamen auch glücklich von dem ersten Zuge nach Jerusalem zurück. Ach, es war eine schwere Wanderung; sie hatten viel gelitten. Wie viele steile und kahle Höhenzüge hatten sie übersteigen, durch wie viele Wady's, Schluchten und Thäler sich hindurchwinden müssen!

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