Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1867)
- Date
- 1867-10-08
- Page
- Seite 811 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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811 bensanschammg, auf die Betrachtung der geschichtlichen Ereignisse, und hiermit auf unsere Gedanken- und Gefühlswelt haben. Und auf diesem Hintergründe werfen wir einen Blick auf die uns umfangende Gegenwart. Es führt uns dies zunächst auf den jüngst in Genf abgehaltenen Friedenscongreß, der so ausgefallen, wie wir es in diesem Blatte nach den Namen der Unternehmer vorausgesagt. Mag auch Einiges, was daselbst ausgesprochen worden, das Ziel einer langen zukünftigen Entwickelung sein, so wie er war und redete, bedeutete er nichts als eine Kriegserklärung gegen alle politischen und socialen Verhältnisse, einen gänzlichen Umsturz, der den furchtbarsten Kampf und den Untergang der größeren Hälfte der Menschheit zur Folge hätte, wenn ihm wirklich Kräfte zu Gebote ständen. Damit ist auch die Friedensligue zur Unmöglichkeit geworden und dieser ganze Gedanke in Nichts zerronnen. Daß überhaupt die demokratischen Grundsätze und Bestrebungen, vielfach durch ihre Führer selbst, an Boden außerordentlich verloren haben, ist leicht ersichtlich. Aber blicken wir weiter. Die eigenthümlichste Erscheinung der Gegenwart ist die Zerfahrenheit aller Parteien, und die Ursache dieser ist die Abschwächuug aller Prinzipien. Sehen wir zum Beispiel auf Preußen, so hat die conservative Partei in der Zustimmung zur Beseitigung legitimer Fürsten und zum allgemeinen Stimmrecht ihr Prinzip aufgegeben, und wir sehen in ihr denn auch bereits eine „freie conservative Partei" abgetrennl; die liberale Partei hat sich in altliberale, Centrum, national-liberale, fortschritts- und socialistische Parteien aufgelöst, die sich sehr feindlich bekämpfen, und deren letzte wiederum mit der conservativen in Connex zu treten gewillt ist. In Oesterreich ist die Zerfahrenheit so groß, daß im Reichstage nicht einmal Fractionen oder Clubs zusammengebracht werden können. Woher dies? Nur eben, weil die Parteien keine Prinzipien mehr haben. Man sagt zwar, daß man in Deutschland das Prizip der nationalen Einheit habe und verfolge. Zu ihr bekennen sich ja viele Parteien. Aber da es sich in ihr nur um das Fernhalten aller Fremdherschaft und um die Herstellung allerdings sehr wichtiger materieller Verbindung- und Einheitsmittel und um eine föderative Einigung, nicht um eine staatliche Einheit handelt, denn es bleiben immer noch sechsundzwanzig Staaten in Deuschland außer den neun Millionen Deutschen in Oesterreich, so ist die nationale Einheit nur etwas Negatives, ein großes, bedeutungsvolles Ziel, aber kein Princip. Andrerseits rechtfertigt man sich, indem man sagt, daß Alles, .was zu Stande gebracht werden soll, nur durch Cornpromisse vollbracht wird und die ganze Geschichte nur ein fortlaufender Compromiß sein; dem realen Erfolge müsse man Rechnung tragen, und die Thatsache anerkannt werden. Es mag so sein, und wir wollen ja hier nicht aburtheilen, sondern nur erkennen und charak- Lerisiren. Ein Compromiß aber ist immer ein Aufgeben des Princips, denn mit einem solchen läßt sich nicht handeln, wenn auch mit dem Vorbehalt, wo möglich zum Princip zurückzukehren, was, beiläufig gesagt, für diejenigen, welche in das Compromiß eingegangen, niemals sich verwirklicht. — In England findet ganz dasselbe statt, nur mit dem Unterschiede, daß hier dieser Zustand schon von langer Dauer ist. Dort waren es die Tory's, welche die erste Reformbill, die Emaneipation der Katholiken und Juden, die Aufhebung der Kronzölle und die Fortschritte des Freihandels durchführten, während die Whigs und die Radikalen dies nicht vermochten, sondern nur den Kampf dafür geführt hatten. Ganz in gleicher Weise ging es jüngst mit der letzten Reformbill zu, welche aus den Händen Lord Derbys und d'Jsraeli's hervorgegangen. Darum sind alle diese Akte nur Compromisse gewesen, in welchen, um sie zu Stande zu bringen, Conservative, Liberale und Radikale ihre Prinzipien aufgegeben. — Anders freilich sieht es in Frankreich aus. Hier giebt es im Grunde gar keine Parteien, sondern nur ein persönliches Regiment mit vorzugsweise dynastischen Interessen, dessen Anhänger und dessen Feinde. Alles ist der Zersetzung anheim gefallen. Die Rechte der alten Parteien haben keine Geltung, weil sie weder ein Prinzip noch eine Färbung haben, sondern nur Namen. Die Gegner bilden eine Opposition, in welcher jeder Einzelne seinen Weg geht. — Wir wollen dies Bild nicht weiter ausmalen. Die kurze Skizze sollte nur unfern Ausspruch näher erweisen. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten. Deutschland. Königsberg, 19. September. (Privatmitth.) Der hiesige Cantor M. Frank hat bei dem Gemeinde-Vorstände eine Vorstellung betreffs der Reform des Got- 41*