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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-10-08 · Heft 41 (8.10.1867) · p. Seite 810

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 41 (8.10.1867)
Date
1867-10-08
Page
Seite 810 (sequence 2)
Language
German
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810 cmsehen, daß wir in der Überzeugung von der Lenkung der Geschicke durch die Weisheit Gottes das Ziel begreifen, wohin der ganze Strom gerichtet ist, und erst aus diesen Ueberzeugungen heraus das Einzelne und Gegenwärtige zu erfassen, zu verstehen trachten. Bevor wir daher zur Erwägung der Gegenwart schreiten und deren eigenthümliche, nach vielen Seiten hin scheinbar niederschlagende Momente uns klar machen, geben wir einigen allgemeinen Erörterungen Raum. Ob wir der früheren Meinung anhängen, daß die gesammte Natur sich in einem Kreisläufe von Werden und Vergehen bewege, oder der neueren wissenschaftlichen Anschauung huldigen, daß zwar die Einzelwesen in Kreisläufen sich ableben, die gesammte Natur aber in dem beständigen Prozeß der Ausgleichung bestehe, wo von der Gesammtheit der Elemente und Kräfte Nichts verloren gehe und Nichts zu ihr komme, sondern Alles nur Zusammensetzung, Form und Ort verändere — mit der geistigen Welt ist es ein Anderes, sie ist in stetem Fortschreiten, in beständiger Entfaltung und Entwickelung begriffen* Es ist dies schon' im Individuum der Fall; denn die Menschenseele entfaltet und entwickelt sich bis zu der Zeit, wo der leibliche Organismus, dieses Werkzeug und Organ des Geistes, decrepit wird, dem Absterben verfällt. Wenn auch mit den fortschreitenden Lebensaltern die vorzugsweise Thätigkeit und Herrschaft der verschiedenen Geisteslräfte nach einander weicht, so verliert doch der Geist dadurch nicht an Energie, sondern laßt eine andere Geisteskraft vorzugsweise spielen. Die Phantasie der Jugend macht den Leidenschaften und der Thatkraft des Mannesalters, und diese wiederum machen der Verstandesschärfe, der Besonnenheit und Klarheit des höheren Alters Platz, und in besonders bevorzugten Geistern bleiben sie alle lebendig, und einigen sich nur zu einem mehr harmonischen Ganzen, weshalb man von der Jngendfrische solcher Greise spricht. Erst mit der eintretenden Decrepidität erlahmt der Geist, der aber dadurch seinen inneren, nur schlummernden Reichthum so wenig verliert, wie wir ihn während des Schlafes Tag für Tag verlieren, so wenig wie der Blindgeworrene die Vorstellung von den Farben, der Taube die Vorstellung von den Tönen verliert, ebensowenig wie ein Beethoven, der das G'chör verloren, an musikalischer Produktion einbnßt, ein Raphael, der das Gesicht verloren, aufhört, der größte Maler zu sein; der Verlust eines Sinnes hebt die Kraft des Geistes nach dieser Richtung nicht auf, und hat er noch andere Organe zu seinen Diensten, kann er selbst nach dieser Richtung hin weiter schaffen; fangen dem Menschen an, alle Organe zu fehlen, so kann er nicht weiter schaffen, aber der innere Reichthum, der nunmehr nur schlummert., bleibt ihm. Erweist sich dies im Individuum, so thut es uns die Geschichte im Leben der ganzen Menschheit kund. Die Völker zwar, ja ganze Vvlkergenerationen stellen sich wiederum nur als große Individuen dar, bei denen ihre immer fortgeschrittene Entwickelung nur mit dem Eintritt der Decrepidität ins Stocken geräth. Aber von den geschichtlichen Anfängen an bis zum heutigen Tage gewahren wir in der Menschheit eine fortschreitende Entfaltung des Geistes, immer neue Entwickelungen, immer allgemeinere Strömungen, immer wachsende intensive und extensive Vertiefung und Verbreiterung. Der Unterschied zwischen der Messiaslehre, welche in der älteren Synagoge die vorwiegende, und der, welche, immer vorhanden, doch erst im neueren Judenthum allgemein geworden, besteht nicht blos darin, daß jene einen persönlichen Messias erwartet, diese, sich anschließend an Stellen wie Jesaias 2, 2 ff. rrnriNn rrm '•oi L^?:n „Es wird sein in der Folge der Zeiten" lMichah 4, 1 ff.) an eine Messiaszeit glaubt, in welcher Liebe, Gerechtigkeit und Friede, ruhend auf der allgemeinen Gotteserkenntniß, in der gesammten Menschenwelt herrschen; ein wesentlicher Unterschied liegt vielmehr auch darin, daß die ältere Anschauung besagt, bevor der Messias komme, werde eine Zeit der furchtbarsten Verwirrung, des schrankenlosesten Kampfes, des unsäglichsten Elends über die Menschheit einbrechen, rrsra Vo -bnr*) — während die unsrige lehrt, daß jene messianische Zeit durch die fortschreitende allmälige Entwickelung und Vervollkommnung 'm der Menschheit vorbereitet, und heraugebracht werde. Wir wollen nun hier durchaus nicht erörtern, auf welcher Seite mehr Grund und Recht sei; aber die bisherige Geschichte lehrt uns nur von den Fortschritten der Menschheit, weist die Fabel von dem goldenen, silbernen, ehernen und eisernen Zeitalter zurück und zeigt uns einen fortschreitenden Besserungs¬ und Läuterungs-Proceß der Menschheit unter der Waltung der göttlichen Vorsehung. So wenig, wie diese doktrinäre Glaubensdivergeuz für das faktische und für das praktische Judeuthum von irgend einer wesentlichen Bedeutung ist, so großen Einfluß muß sie auf die Le- *) An mehreren Stellen des Talmuds z. B. Sanhedrin 98, 1, 2.

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