Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1867)
- Date
- 1867-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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31. Jahrgang M 41 A l l g e m c i il e Zeitung -es Zudcnthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Heransgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 8. Oktober 1867. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Dienstags, in 2 bis 2V2 Bogen. Preis des Jahrgangs 4 Thlr. Halbjährig 2Thlr. Vierteliährig 1 Thlr. Inserate werden mit l>/2 Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Haupt-Expedition für beide Letztere hat sich das König!. Sachs. Haupt-Zeitungs-Bureau hier unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel.: Was hat die Menschheit zu erhoffen? Zeitungsnachrichten: Deutschland: Königsberg, Sinzig, Hannover, Augsburg, Jchenhausen. Oestereichischer Kaiserstaat: Wien, Prag. D on aufürstenthümer: Bukarest, London. Abhandlungen verschiedenen Inhalts: Ansichten der Rabbiner über samaritanische Schrift. Feuilleton-Beilage: Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. — Obermedicinalrath Or. Heinrich Herz — Notiz. Leitende Artikel. Bonn, 29. September. Was hat die Menschheit;u erhoffen? Zum Neujahrstage. Seit vielen Jahren war es unser Bestreben, in Zeiten der Aufregung und des Sturmes Worte der Beruhigung und Erhebung, in Zeiten der Erschlaffung und der Besorgniß Worte der Anregung und Ermnthigung zu unseren Lesern zu sprechen. Wir meinen Zeiten, in welchen eine solche Strömung durch das ganze politische und sociale Leben der Völker ging. Wir suchten dies durch Erreichung eines höheren Standpunktes, durch Eröffnung höherer Gesichtspunkte zu ermöglichen und zu erwirken. Wir glaubten stets, daß dies der bedeutendste Beruf der wahren und echten Religion sei, und zwar vorzugsweise der israelitischen Religion, als welche von ihrem Ursprung an das politische und sociale Leben der Menschen als ihren eigentlichsten Boden ansah, aus welchem erst das Leben des Individuums herauswächst. So sehr sie daher auch Stab und Leuchte für jeden einzelnen ihrer Bekenner sein will und ist, so hat sie doch das große Ganze, zuerst im Volke Israel, alsdann (durch die Propheten) in der gesammten Menschheit ins Auge gefaßt und im Auge behalten. In unserer Zeit zumal steht jedes Individuum nicht mehr blos unbewußt, sondern mit mehr oder weniger klarem Bewußtsein in den engsten Beziehungen zum großen Ganzen; es lernt es immer mehr begreifen, daß sein persönlichstes Interesses mit dem des Staates, ja der gesammten menschlichen Gesellschaft auf's Innigste zusammenhängt, und sein Verstand und sein Herz sind voll Theilnahine und Bewegung für dasselbe. Um so mehr werden unsere Blicke bei dem religiösen Jahreswechsel hierauf gerichtet, wo der,Gang der Zeiten in seinem Wandel, in seinem Fortschreiten, in seinen Veränderungen näher an uns herantritt. Worin besteht aber jener höhere Gesichtspunkt, den insonders die Religion uns geben will? Die Gegenwart, namentlich in unserer raschlebigen Zeit, bringt stets ihre eigenthümliche Stimmung mit sich. Es treten Ereignisse, Thatsachen, Situationen hervor, welche in uns die verschiedenartigsten Urtheile und Gefühle bewirken, die nicht als vorübergehende gleichgültig sind, sondern zum Boden werden, aus dem wieder Thatsachen und Ereignisse ersprießen, Ursachen neuer Wirkungen. Der höhere Gesichtspunkt besteht aber darin, daß wir die Gegenwart in ihrer Verbindung mit der Vergangenheit schauen, daß wir jene als das Glied einer großen Kette