Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1867)
- Date
- 1867-10-01
- Page
- Seite 807 (sequence 19)
- Language
- German
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80? Glanzes, das Wunderbild aus anderen Zonen, war die Gruppe an der Hauptwand. Auf hohem, mit grünen Stoffen überzogenem Empor, an der mir rothem Damaste baldachinartig bedeckten Wand, saßen wie zwei Königssphinxe ernst, ja böse um sich blickend, zwei braunhäuüge Matronen aus Tanger mit reichen scharlachrothen goldgestickten Kaftans, seidenem, flachen Kopfschmucke, dem der egyptischen Könige ähnlich, und grellschwarzen Perrücken, um die antike Spangen und Juwelen hingen. Zwischen ihnen, auf einem Divan an die Wand gelehnt, saß ein Wesen, von einem Blondenschleier bedeckt, mit einer perlengestickten Tiara gekrönt, wie ein starres Wachsbild, auf das die glühenden Farben der Kunst frisches durchsichtiges Leben gehaucht hatten. Mit Staunen ergriff uns dieser seltsame Anblick; sah's doch aus wie Gott Wischnu, der juwelengeschmückte Götze auf hohem Altar zwischen seinen feuerspeienden Drachen im Riesentempel von Benares. Nach langem Hinblicken gewahrte ich erst, daß das Wachs Fleisch und Blut und der unbewegliche Götze mit geschlossenen Augen — die Judenbraut sei. Wie eine Todte lag sie da, keine Muskel zuckte, und nur nach aufmerksamem Betrachten konnte man ein leises Heben des Busens bemerken. Ihre Karnation war doppelt durchsichtig durch das grelle Roth ihrer Wangen, die schwarzgemalten Augenbrauen und drei feine Mouchen im regelmäßig schönen Antlitz. Die hohe Tiara, die, durch reich gestickte Ornamente getheilt, ganz von Perlen überdeckt war, gab ihr eine Art Weihe. Der Busen wogte unter dem feinen Schleier in einem reichen goldgestickten Mieder, ein ebenfalls goldgestickter Spenzer mit weiten Seidenärmeln war darüber gezogen, eine breite Seidenschärpe schloß die Hüften ein, und ein darüber geschlagener Kaftan von rothem Tuche und Goldstickerei umfing die Beine; die Füße steckten in reichen schimmernden Pantoffeln. Arme und Hände waren mit einem rothseidenen Tuche sorgfältig verdeckt. Außerdem war die 14jährige Braut mit Schmuck übersäet; sie trug Ohrringe in Filigran mit Perlen und Smaragden, Spangen mit großen Juwelenrosen an leichten goldenen Ketten hingen graziös zur Rechten und Linken des Hauptes herab; zahlreiche goldene Ketten mit funkelnden Medaillons und Korallenschnüren schmückten den Hals, und später' entdeckten wir reiche maurische Bracelets an den weißen vollen Armen, und die schönsten Juwelenringe an den feingespitzten Fingern. Der ganze Anzug war voll pittoresker Pracht. Die Brautmütter, ihrer großen Rolle bewußt, saßen stolz und herausfordernd auf ihrem Throne und maßen die Menge, wie die Königin Jezabel ihrer Zeit, mit verächtlich durchbohrenden Blicken, ganz im Gegensätze zu der schauerlich unbeweglichen Brautmaske. Der Bräutigam trat nun herein, mit einer Art hölzernem Horne auf dem Haupte, an der Seite eine goldgestickte Sammettasche; ihm folgten zwei Rabbi, der Oberrabbi von Tanger mit einem schönen blassen Antlitz und feuerrothem Barte, einen Turban mit violettem Ueberwurfe auf dem Haupte, eine echt alttestamentarische Erscheinung; dann kam ein alter Rabbi, dem zur Seite ein Mann und ein Knabe mit dicken Kerzen standen. Dem Oberrabbi ward auf einem Teller ein volles Glas Wein gereicht, er begann in eigenthümlich näselndem Tone hebräische Gebete zu singen, in welche die umstehende Menge zeitweise im Chor einsiel; dann schlürfte er aus dem Glase, gab aus demselben dem Bräutigam zu trinken, worauf es von den Brautmüttern der Braut gereicht wurde; wie einen Leichnam beugte man sie vor, lüftete man den Schleier und setzte ihr das Glas in die kirschrothen Lippen; sie nippte ohne die Augen zu öffnen und sank dann wieder unbeweglich zurück. Hierauf wurde das Glas zerbrochen, wobei eine Jüdin aus Tetuan das schrille eigenthümliche Freudengeschrei der Beduinen hören ließ. Der Bräutigam überreichte dann unter Gebeten der Braut den breiten, mit goldenen Ornamenten geschmückten Ring. Dann kam der alte Rabbi und wiederholte mit einem silbernen Pokale dieselbe Trinkfeierlichkeit und ebenfalls mit gesungenen oder eigentlich gekreischten Gebeten. Alle diese Ceremonien beglückten die zahlreichen sehr lustigen Engländer und Engländerinnen, die mit ihren single glass unaufhörlich jeder Bewegung folgten und die komischsten Bemerkungen machten; so erzählte mir eine ältliche Dame, die neben mir im Lehnstuhle saß, daß der Bräutigam acht Tage nichts von seiner neuen Frau habe, indem dieselbe bei den Eltern auf dem Throne sitzen müsse, um Verwandte und Freundinnen zu empfangen; weiter sagte sie, daß, da die Heirathen nur eine Geschäftssache seien, die Frau das Recht habe, sich nach einem Jahre von ihrem Manne zu trennen; sie versicherte mich, daß sie in diesem Falle an der Stelle der jungen Frau diese Auskunft sogleich wählen würde, indem sie den Bräutigam empörend horrible finde. Bei den Gebeten mußten wir, dem Ritus gemäß, trotz der furchtbaren Hitze unsere Hüte aufsetzen. Nun wurde von einem Anverwandten der auf Pergament gemalte Heirathskontrakt verlesen, dann folgte noch ein Gebet für die Viktoria Regina und ihre Familie. Hierauf wurde die Braut mit großer Mühe bei fortwährend geschlossenen Augen vom Throne herunter gebracht und mußte einen Rundgaug, eine Art Polonaise, mit je zwei Honoratioren oder Verwandten unter Singen von Gebeten im Zimmer machen. Die Malerei ihres Gesichtes verhinderte, irgend eine Bewegung oder Erregung in ihren Zügen wahrzunehmen. Nachdem sie wieder auf ihren Thron geführt worden war, endigte die eigentliche Ceremonie. s)hn\ kam Musik, eine Geige und ein Topfschläger, die sich nach arabischer Weise auf den Boden kauerten und maurische Weisen mit näselnden Gesängen vorbrachten. Ein kleines Mädchen, eine Art onfant terrible, im europäischen chamäleonartig schillernden Seidenkleide trat mit ihnen ein und tanzte den mir aus Egypten und Algier wohlbekannten Nahlien ho, jenen unanständigen Gummielasticum-Tanz, der sich mit seiner Musik durch die ganze arabisch-maurische Welt zieht und in