Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-10-01 · Heft 40 (1.10.1867) · p. Seite 806

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 40 (1.10.1867)
Date
1867-10-01
Page
Seite 806 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226622--25389-3260889
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

806 nicht zur Ruhe komme, daß ich nicht genesen kann, bevor ich es Dir nicht mitgetheilt und Du mir die Erfüllung desselben zugesagt hast." Gottheil seufzte tief auf, seiner Brust bemächtigte sich neue Unruhe, denn er fürchtete, was seine Tochter ihm sagen werde, könnte doch nur eine abermalige Ausgeburt ihrer Phantasien sein. „Ach, antwortete er, lasst es doch gut sein, bis Du wieder ganz gekräftigt bist..." aber da er sah, daß Amalie ungeduldig mit dem Haupte schüttelte, fügte er hinzu: „Nun, so sprich." „Lasst mich nur, Vater; das Fieber hat mich verlassen; ich schaue ganz klar und vernünftig, aber auch was nothwendig, um für alle Zeit zur Ruhe zu gelangen. Siehe, Vater, draußen weht der Sturm und fällt der Regen; nach einigen Stunden werden beide aufhören und die Sonne am klaren, blauen Himmel erscheinen. So wird es auch mir ergehen, wenn Du mir die Mittel gewährst, den Sturm in meiner Seele zu beschwören, wenn Du mir noch ein großes Opfer bringst, und mir, wie wir hier einsam in der Nacht zusammen sind, es versprichst. Ich muß das heilige Land sehen; ich muß auf seinen Stätten wandeln, von seiner Natur und Beschaffenheit mich überzeugen. Dahin mußt Du mich führen und begleiten. Weiter nicht; an den Grenzen desselben soll Deine Verpflichtung aufhören; niemals will ich mehr von Dir fordern. Dort, weiß ich, werde ich genesen; dort-wird der Kampf meiner Vernunft mit allen Gefühlen und Bildern, die mich beherrschen, zu Ende geführt werden. Dort wird sich mein Loos entscheiden." Der alte Gottheil wußte nicht, wie ihm geschehen. Auf ein solches Verlangen seiner Tochter war er am wenigsten gefaßt. Er, in seinem Alter, sollte sich losreißen aus der Heimath und allen seinen Verhältnissen und unkundig der Sprachen, der Orte und der Zustände, mit dem schwachen Mädchen eine so weite Reise unternehmen, die damals noch viel mehr Gefahren und Beschwerden aussetzte als jetzt, ein inhaltsreiches Jahrzehent später. Aber wie lange durfte er bei seinen Einwändeu und Widersprüchen beharren- Wie lange halbe Versprechungen, Aufschub des Entschlusses bis nach ihrer Genesung vorschützen? Amalie wurde so lebhaft, so unruhig, beschwor ihren Vater mit so vielem Nachdruck, daß er das Schlimmste befürchten mußte, wenn er der Hartnäckigkeit der Kranken einen längeren Widerstand entgegensetzte. Er gab nach, er sagte ihr zu — da verklärte sich ihr Antlitz, da küßte sie seine Hand, und segnete ihn. „Was ist mir Freund und Bruder, was die ganze Welt, wenn mein Vater bei mir ist! Du würdigst Dein Kind, Du erbarmest Dich seiner und verläßt es nicht!" Sie wurde ruhig und seine Hand fest in der ihren haltend, schlummerte sie wieder ein. — Wochen vergingen; da kehrte Gottheil bei mir ein. Seine Tochter hatte schnelle Fortschritte in der Genesung gemacht. Aber nur um so kräftiger betrieb sie ihre Reise nach dem heiligen Lande. Sie sprach immerfort davon und unumwunden mit allen ihren Freunden und Belannten. Was sollte der alte Vater thun? Er betrachtete es als ein Verhängniß, dem er nicht mehr entgehen könne. Er kam zu mir, um auch meinen Rath, Anweisungen und Empfehlungen, an denen es ihm übrigens nicht fehlte, zu erbitten. Ich versprach ihm einen Brief in hebräischer Sprache abzufassen, in welchem ich ihn dem Schutze und Beirath unsrer Glaubensgenossen, besonders der Rabbinen und Chachamim empfehle. Ich suchte ihm leichten Muth und Gottvertrauen einzuflößen. Was ihn am meisten ängstigte, war der Gedanke: es könne ihm selbst ein Unfall begegnen und dann stünde seine Tochter in einem fremden, unwirthbaren Lande allein da. Aber es mußte geschehen, und so die Hand Gottes ergriffen werden, um ihr die Leitung und das Ende zu überlassen. Was gethan werden konnte, geschah; man erhielt für die Pilgernden, den Greis und das Mädchen von der Staatsregieruug Befehle an die Gesandten und Konsulate, und erhoffte durch diese alle möglichen Erleichterungen und Sicherheiten seitens der türkischen Behörden. — ^Fortsetzung folgt.) Eine Judenhochzeit in Gibraltar. lAus den Reiseskizzen des Kaisers Maximilian von Mexiko*). Ich hatte heute die Post zu ordnen, und verließ daher erst nach zwei Uhr den Bord, von der Judenhochzeit ans Land gelockt. Ich eilte in den Park, um unsere Damen zu suchen, fand sie aber schon in dem Garten des Konvents mit der Familie des Gouverneurs und einigen Eingeladenen versammelt. Wir zogen durch die obere Stadt und kamen durch allerhand Winkelwerk zu einem ziemlich nett aussehenden Hause, vor welchem uns der Bräutigam und die Äeltesten empfingen; der reichste Israelit Gibraltars, ein modernisirter Jude im Frack, begleitete uns schon vom Konvent aus bis hierher. Orientalische Musik und näselnder Gesang empfingen uns in der Flur, an die Spielleute des Evangeliums mahnend. Dichte Judenmassen drängten sich vor der Eingangspforte die schmale Stiege hinan. Vom Bräutigam geleitetet, winden wir uns durch dieselben; eine Hebräerin mit großen dunklen, klug und sinnig leuchtenden Augen, die Herrin des Hauses, kam uns im schwarzen europäischen Gewände, mit orthodoxer Perrücke, durch die sich Gold- und Silberperlen auf orientalische Weise wanden, freundlich uns die Hände schüttelnd, entgegen. Sie führte uns ins Hochzeitsgemach, einen einfachen netten Salon im europäischen Style, nur brannten, um die Heiligkeit des Augenblickes anzudeuten, trotz der Tageshelle alle Kerzen; das Gemach funkelte vom reichen Geschmeide, dem verschwenderischen Golde und den schön gewählten grellen Farben der überreichen Kleider der schönen Töchter Israels aus Tanger und Tetnan. Doch das höchste Licht dieses *) Diese Reiseskizzen wurden 1861 als Manuskript gedruckt und sind wenig bekannt, bilden auch keinen Bestandtheil der eben veröffentlichten Iugendschriften.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.