Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1867)
- Date
- 1867-10-01
- Page
- Seite 808 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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808 Spanien seine Vervollkommnung und Blüthe gefunden hat. Nach dem Kinde tanzte die ganze Frauenwelt einzeln, theils gezwungen, theils freiwillig, theils mit dem Schnupftuche wie in Algier, theils mit dem belebenven Tambourin. Die Schönsten waren wie bei uns die Geziertesten und ließen sich lange bitten, ja einige wurden zum großen Jubel des jung gewordenen Gouverneurs von den Männern unter Kämpfen förmlich in die Mitte der Zimmer geschleppt, um dann unter Applaus ihre drehenden, wendenden, neigenden, hebenden und schiebenden Bewegungen zu machen. Der Tanz dauerte eine gute Stunde und belebte sichtlich die immer fröhlicher werdende Gesellschaft. Der Stern der Gesellschaft war eine gewisse Hadra Nahon aus Tetuan; sie war wie alle andern der Braut ähnlich augezogen, nur noch geschmackvoller und in noch glänzenderen Farben; ihr goldbeladener Kaftan war von kornblumenblauem Sammet,und auf dem Kopfe hatte sie über dem rothseidenen Tuche eine vorstehende Kappe in Form der schottischen, ganz mit Perlen überstickt. Diese Kappen sind das Abzeichen der Frauen von Tetuan, während die von Tanger nur das flache Seidentuch tragen. Ihr Gesicht war bizarr-kapriziös; veilchenblaue Augen mit hoch- und.rundgewölbten Brauen, ein kleines aufwärts stehendes Näschen und schwellende Purpurlippen, aus denen Perlenzähne glänzten; ihr voller marmorweißer Arm und ihre feinen, rosenfarbenen Händchen mit köstlichen Smaragdringen waren von reinster Schönheit. Hadra Nahon mußte dreimal Lanzen und wurde jedesmal rauschend applaudirt. Die schönste nach ihr, an Gestalt und Größe eine Judith, war eine Israelitin aus Tanger, die ich gleich als dieselbe wiedererkannte, welche ich im Jahre 1852 in Tanger gesehen hatte; dann eine Tetuanerin, ebenfalls eine orientalische Schönheit mit europäischer Koketterie verbunden; sie hatte mandelförmig geschnittene, schwarze Antilopen-Augen, eine wundervolle griechische Nase und einen immer freundlich-schelmisch lächelnden Mund. Ihr Körper war voll und üppig, ihr Tanz mit dem Tambourin der verführerischeste. Während des Tanzes Lheilte sich bei der Braut langsam und verstohlen der schwarze Strich der Augenlider, dann hob sie ein Auge nach dem andern auf, als sei sie aus langem Winterschlafe erwacht; meine Glückseligkeit aber machte eine kleine, alte dicke Frau von der Beweglichkeit einer Eidechse; eine Königin der Tratsch-Schwestern, mußte sie Alles sehen, hören und leiten. Ihre scharfen, schwarzen, jovialen Augen waren immer in erregtem Zustande und suchten fortwährend, sich in Alles einmischend, im Zimmer herum; bald blickten sie beifällig, bald ermunterten sie, bald fragten, bald staunten sie. Ihr Seidentuch war keck in der herausfordernden Form eines Hornes gebunden, und als man sie zum Tanze bat, glühten ihre Augen vor Glückseligkeit und sie vollführte ihr Kunststück mit jugendlicher Beweglichkeit. Diese Frau muß viele heitere Erinnerungen haben, die sie zum Liebling der Ihrigen machen; auch wurde ihr Tanz mit Jubel begrüßt. Da ich sah, daß der Gouverneur immer wärmer in seinem Enthusiasmus wurde, und von ihrn aus kein Ende der Unterhaltung zu ersehen war, so brachte ich endlich mit diplomatischen Fragen die Sache in Gang. Wir wurden noch in ein unteres Zimmer geführt, um Erfrischungen einzunehmen: getrocknete Früchte, einen köstlichen Hochzeitskuchen, sehr wohlschmeckende Orangenblüthen mit Honig, von Juden Engelhaare genannt, spanischen Wein, mit dem wir auf die Gesundheit des Brautpaares tranken, und recht guten Rosoglio di Barberia. Hadra Nahon und die schöne Jüdin aus Tetuan kamen mit einer der Brautmütter herab, um ihren reichen Schmuck in der Nähe bewundern zu lassen. Sie benahmen sich mit der Sicherheit von Damen aus der großen Welt. Wir schüttelten ihnen und dem Bräutigam herzhaft die Hand und zogen bei einbrechender Nacht heim. Correspoudenz. Noch ein Prozeß in Sachen der böhmischen Judenverfolgungen. Prag, 7. August. Das lange Sündenregister der Juden-Verfolgungen des letzten Jahres hat heute zum letztenmal das Prager Landesgericht beschäftigt. Es wurde heute Mittags das Urtheil gegen die Rakonitzer Excedenten verkündet. Sie saßen reihenweise im Saale und hörten mit trotziger Miene den über zwei Stunden dauernden, das Urtheil begründenden Vortrag des Verhandlungs-Präsidenten. Die Rädelsführer Anton Horn, Peter Hvezda und Franz Svoboda trifft eine sechsjährige, die andern Anführer der Bande, Alois Schimmer, Johann Jotzn, Joseph Novak und Joseph Nachtigal eine fünfjährige schwere Kerkerstrase. Drei Angeklagte wurden mit zwei Monaten schweren Kerkers, elf mit dreiwöchentlichem bis vierzehntägigem Arrest bestraft, die übrigen fünf wurden wegen Mangels an Beweisen freigesprochen und sofort aus der Haft entlassen. Notiz. Deutz, «bei Köln», am l.Sept. iK.Z.) Die hie^ jüd. Gemeinde feierte gestern die goldene Hochzeit des emerit. Lehrers M. Mannheimer und dessen Gattin Sara, geb. Horn, in sinniger Weise. In der aufs Schönste decorirten Synagoge wurde ein feierlicher Dankgottesdienst und bei demselben von dem Rabb. Dr. Schwarz die Festpredigt gehalten. Der Jubilar empfing von seinen Kölner Freunden Abends eine Serenade mit Fackelzng und heute Morgen von Deputationen, früheren Kollegen, Vorstehern und Schülern Gratulationen und Liebesgaben, darunter eine mit mehreren hundert Unterschriften versehene künstlich ausgestattete Dankadresse in Begleitung eines ansehnlichen Geldgeschenkes. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von zs. B. Hirsch seid. Verantwortlicher Redakteur 1-»'. H. Lotze.