Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-10-01 · Heft 40 (1.10.1867) · p. Seite 805

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 40 (1.10.1867)
Date
1867-10-01
Page
Seite 805 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226622--25388-3260888
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Allgemki « c - Zeitung des Audcnthums. Femlleton-LeUage M tlr. 40. Leipzig, den 1. October 1867. Alls den Papiere» eines jüdischen Seelsorgers. l Fortsetzung.» Ferdinand eilte zu meinen Freunden. Er wußte kaum Worte zu finden, um ihnen zu schildern, was so plötzlich über ihn gekommen, was ihm so entsetzlich erschien. Er fragte sie, ob Amalie denn schon früher ähnliche Gedanken und Pläne geäußert, und da sie es nicht abstreiten konnten, überhäufte er sie mit Vorwürfen, daß sie ihn nicht früher damit bekannt gemacht. Vergebens wiesen sie ihn darauf hin, daß keine merkliche Spur davon zurückgeblieben und daß Alle des guten Glaubens gewesen, Amalie sei davon geheilt, habe jene gänzlich vergessen. Voll Unwillens und zorniger Ausdrücke verließ er das Haus. So ist die Natur des Menschen, die Hälfte seines Kummers ist geschwunden, wenn er Andere als dessen Ursache auschuldigen kann. Aber meine Freunde hielten sich hierbei nicht auf; die Frau eilte zu dem Zimmer Amaliens; doch sie fand es verschlossen, und ihr wiederholtes Klopfen blieb unbeachtet. Stunden vergingen. Da konnte meine Freundin ihre Unruhe nicht mehr überwinden; sie rief und beschwor flehentlich Amalien, ihr das Zimmer zu öffnen, und es geschah endlich. In welchem Zustande fand sie die Unglückliche! Sie konnte sich nicht mehr aufrecht halten und fiel auf das Sopha zurück. Fieberfrost schüttelte das arme Mädchen, sie mußte zu Bett gebracht, und ärztliche Hilfe herbeigeholt werden. Ein Nervensieber hatte sie ergriffen und brachte sie an den Rand des Grabes. Man mußte sofort den alten Gottheil davon benachrichtigen und dieser so plötzlich wieder aus allen seinen Hünmeln gerissen, eilte au das Lager seines Kindes, das ruhe- und schlaflos von den furchtbarsten Fieberphantasien beherrscht war. Tag und Nacht saß er am Bette der Kranken, beruhigte sie mit seinen Worten und Liebkosungen, während meine Freundin nicht ermüdete, ihr Eisumschläge, um den glühenden Kopf zu machen und alle Vorschriften der Aerzte sorgfältig auszuführen. Endlich nach sieben gefahrvollen Tagen und Nächten siegte die jugendliche Natur und Amalie verfiel in einen langen und tiefen Schlummer. Alle priesen den Himmel für dieses Zeichen der Genesung — aber wie wird sie erwachen? Es war eine dunkle, stürmische Novembernacht; der Wind raste um die Eck<m des Hauses, der Regen fiel in Zwischenräumen in Strömen herab. Alles schlief im Hause; nur im Krankenzimmer brannte das schwache Licht der Nachtkerze. Amalie schlummerte noch, nur ihr Vater wachte an ihrem Lager und seine thränenfeuchten Augen waren unablässig auf sein Kind gerichtet. Ach, in seinem Herzen war die Frage laut: womit hat sie dies verschuldet? Ihr Wandel war so rein, so voll Liebe und Hingebung gewesen; all' ihr Thun und Lassen hatte stets das Gepräge des Adels, der Gottesfurcht und der kindlichen Liebe getragen. Aber der Schwung ihres Geistes und die Fülle ihrer Empfindungen waren ihr . zum Verderben gereicht und hatten sie auf eine Bahn gerissen, auf welcher ihr Niemand anders zu folgen vermochte. Wie? fragte er sich selbst, trage ich vielleicht die meiste Schuld daran? Habe ich sie zu sehr an mich gefesselt, ohne daß ich ihr dafür genügenden Ersatz bot? Habe ich sie der Einsamkeit zu viel überlassen und von den Kreisen ihrer Altersgenossen fern gehalten? . . . Noch war er in solche Betrachtungen versunken und gab sich der Selbstquälerei hin — als Amalie ihre Arme bewegte, den Kopf nmwandte und die Augen öffnete. Ach, sie war so bleich und abgezehrt, und ihre Augen so matt; aber als sie ihren Vater erblickte, drangen die Strahlen der Liebe aus ihnen, und sie ergriff seine Hand. „Bist Du da, mein Vater?" sagte sie mit schwacher Stimme, aber in dem Ausdruck lag doch Befriedigung und Vertrauen, Zeichen des wiederkehrenden frischen Lebens. „Halte Dich ruhig, mein Kind, erwiderte Gottheil freudig, der Allgütige verleiht Dir Genesung und Dein alter Vater ist überglücklich. Aber sprich nicht, ich werde Dir eine Erfrischung reichen, und vielleicht schlummerst Du wieder ein." „Vater, antwortete das Mädchen, und ihre Stimme wurde kräftiger und bestimmter, ich will nehmen, was Du mir reichest und will auch ruhig sein und womöglich schlafen. Aber ich kann dies doch nicht, bevor ich Dir gesagt, was mich in meinem Schlafe beunruhigt, was mich in tausend Träumen gequält. Ich fühle, daß ich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.