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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-10-01 · Heft 40 (1.10.1867) · p. Seite 790

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 40 (1.10.1867)
Date
1867-10-01
Page
Seite 790 (sequence 2)
Language
German
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790 kommt dies auf die Lehre von den Leiden und Prüfungen des Menschen überhaupt hinaus, und beruht auf dem allgemeinen Gesetze, das Gott auch in seiner Weltschöpfung verwirklicht hat, daß jedes Wesen einen Selbstzweck in sich hat, und zugleich als Glied der ganzen Schöpfung einen Zweck für diese! Welche bittrere Strafe, um auf das erste Moment noch einmal zurückzublicken, kann einen Vater, der noch nicht völlig verstockt ist, treffen, als seine Kinder, in Folge seiner leichtsinnigen und schlechten Handlungen, leiden, ver- und untergehen zu sehen? Wer am Krankenbette eines Andern, der durch seine Schuld die Schmerzen und Gefahren des Siechthums trägt, sitzt, wird der nicht zehn Mal lieber diese Krankheit selbst ertragen wollen? Welche Qualen müssen in dem Herzen eines Fürsten wühlen, der durch seine Schuld sein Volk elend sieht? Wie oft sah man schon Verbrecher sich selbst an geben, wenn ein unschuldiger statt ihrer verurtheilt wurde, weil die Qual, einen Anderen für sich leiden zu wissen, ihnen unerträglicher war als die Strafe selbst? Aber etwas ganz Anderes ist es, wenn gesagt wird, daß der Eine „stellvertretend" für den Anderen leide, d. h. gestraft werde, und dadurch Jenen von seiner Schuld lösen, sie sühnen soll. Diesen Gedanken weist unsere Vernunft, weist unser Herz mit Entschiedenheit ab, weil er gegen alle Gerechtigkeit stößt, weil er uns die göttliche Gerechtigkeit in einen mystischen Nebel zurückdrängt, der uns nicht blos einzelne Erscheinungen, sondern sie in ihrer Totalität in undurchdringliches Dunkel hüllt. Prüfen wir also aufmerksam die dafür angeführten Stellen unserer h. Schrift. Es ist schon ein ungünstiges Zeichen für jene Behauptung, daß eine so bedeutsame, in das höchste Heil des Seelenlebens eingreifende Lehre nicht in bestimmten, zweifellosen Ausdrücken nachgewiesen werden kann, sondern aus einigen zerstreuten Andeutungen und Anspielungen herausgesucht werden soll, während, wie wir sehen werden, das gerade Gegentheil in den faßlichsten und zweifellosesten Sätzen ausgedrückt worden ist. Zuerst führen die christlichen Apologeten 2. Sam. 12, 15 ff. an. David hat mit der Bath-Seba gesündigt; sie hatte ihm einen Sohn geboren; da heißt es: „Da du die Feinde des Ewigen durch diese Sünde zur Lästerung veranlaßt hast, soll auch der Sohn, der dir geboren ist, sterben." Der Knabe erkrankte, „und David fastete und ging hinein und lag Nachts auf der Erde" und härmte sich so sehr, daß Niemand wagte, ihm den erfolgten Tod des Kindes anzuzeigen. Es ist also wahr, daß das Kind in Folge der Sünde seiner Eltern litt und starb. Wo aber ist es ausgedrückt, daß das Kind hiermit die Stelle Davids vertrat, und ihm durch seinen Tod die Vergebung der Sünden brachte? Litt nicht David viel härter als das Kind, an dessen Lager er Tag und Nacht fastend und betend und voll Verzweiflung zubrachte, und steht nicht (V. 15) vorher schon: „und Nathan sprach zu David: der Ewige hat deine Sünden vergeben?" Aber die Strafe, die einschneidendste Reue und damit die wahrhafte Läuterung sollte David erst durch die Krankheit und den Tod seines Kindes erfahren. — Ganz gleich verhält es sich mit der zweiten Stelle 2. Sam. 24, 10 ff. David hatte das Volk gezählt, kam hierüber zum Bewußtsein seiner Sünde und sprach: „Ich habe sehr gesündigt mit dem, was ich gethan, und nun, Ewiger, verzeihe doch die Sünde deines Knechtes, denn ich habe sehr thöricht gehandelt." Daraus wird ihm vom Propheten Gad die Wahl unter drei Uebeln vorgelegt, und es kam die Pest über das Volk, bis der Ewige sich dessen erbarmte. Ist auch hier im Schrifttexte von irgend einer „Stellvertretung" die Rede? Das Unglück V. 16) trifft das Volk, aber die Strafe, um das sündige Herz zu treffen, zu zerknirschen, zu demüthigen und zur Läuterung zu bringen, ist Davids. Dies drückt der Text in V. l deutlich aus: „Sollen dir sieben Jahre Hunger kommen in dein Land, oder daß du drei Monde fliehest vor deinen Feinden, und daß sie dich verfolgen, oder daß drei Tage Pest sei in dein em Lande?" Die Qual Davids bei dem Anblick des leidenden Volkes war furchtbar, und machte sich in dem Ausruf Luft iV. 17): „Und David sprach zum Ewigen, als er sah den Engel, der das Volk schlug, und sprach: Siehe, ick, ich habe gesündigt, und ich, ich habe mich vergangen, doch diese, die Heerde, was haben sie gethan? Möge deine Hand wider mich sein und wider das Haus meines Vaters." — In beiden Fällen kann von einer „Stellvertretung"' gewiß nicht die Rede sein. Die Folgen der That dehnten sich auf Andere aus, aber die Strafe, eine um so härtere, da die Verschuldung nur um so größer erscheinen mußte, traf den Thäter. Ganz anders bei einem Opfer, wo das Thier allein leidet und von einem tiefer gehenden Mitgefühl nichts vorhanden sein kann. Die Hingabe eines Kindes oder eines Theiles des Volkes mit der Hingabe eines Opferthieres in den Tod auf eine Linie stellen zu wollen, kann doch nur als irrig bezeichnet werden.

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