Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1867)
- Date
- 1867-09-24
- Page
- Seite 787 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226581-3226621--25369-3260868- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
787 Landes schwöre mir, Ferdinand, mit mir dorthin zu ziehen, es zu durchforschen, seine Stätten zu erkunden, und dann vor alle unsere Stammesbrüder in allen Welttheilen zu treten, und sie aufzurufen, uns dorthin zu folgen, wo für Israel der ewige Segen, für die Menschheit das ewige Heil wohnt!" Der junge Mann trat einen Schritt zurück. Jetzt wußte er klar, was . seine Braut von ihm verlangte. Ader er war wie von einem Schlage betäubt; er faßte mit der Hand nach seinem Haupte, wie wenn er fühlen wollte, ob er träume; er starrte seine Braut an, als wäre sie eine fremde Erscheinung, die vor ihm unerwartet aufgetaucht . . . endlich gewann er soviel Fassung, mn ein Wort der Erwiderung zu finden. „Amalie," sagte er, „Du sprichst so ernst und begeistert, daß ich an einen Scherz nicht glauben darf. Und doch, wie sollst Du mit Deinen Worten es ernst meinen und in Wirklichkeit das Verlangen an mich stellen, das Du eben ausgesprochen? Ich bin ein Geschäftsmann, der seine Tätigkeit liebt und seine Kraft auf sie verwendet; ich halte sie für nutzbringend für das bürgerliche Leben, und darum befriedigt sie mich als die Erfüllung meiner Psticht. Ich habe damit ein Haus gegründet und einen Heerd errichtet, und diese sollen ein Heiligthum meiner Familie werden, und in diesem Heiligthume sollst Du walten als Priesterin; wie käme ich dazu, aus diesen Bahnen hinauszuschreiten, und mich auf Wegen zu verlieren, die ich nicht kenne, deren Ziel mir nicht klar ist, ja, die in die Schatten der Verwirrung mir hinauszulaufen scheinen -" „So folge mir nur," siel ihm Amalie in die Rede, „folge mir frisch und vertrauensvoll, Geliebter; das Licht wird auch in Deine Augen fallen, Dein Herz schwellen von großartigen Gefühlen, Deine Kraft wachsen mit und in der That. — Ja, Deinem Namen soll der Ruhm gehören, und nach Dir die Zeit benannt werden, die da kommt!" „Amalie, theures Mädchen, laß diese sonderbaren Gedanken, komm zurück aus diesen nebelhaften Sphären, sei das, was Du bis hierher gewesen, die schöne, bescheidene, geist- und gemüthvolle Jungfrau! Sieh, ich bin bereit, Alles für Dich zu opfern, selbst mein Leben für Dich hinzugeben, wenn es das Deine, wenn es Dein Glück und Deine Ruhe gilt — aber Dinge zu geloben, die ich nicht zu erfüllen vermag, Versprechungen, Schwüre zu, leisten, die zu halten ganz außer meinem Kreise und meinem Vermögen liegt — das kann ich nicht!" „So habe ich mich auch in Dir getäuscht!" rief Amalie mit Heftigkeit aus. „So bist Du nicht mehr wie die Anderen alle? So vermagst auch Du nicht vorn Gemeinen zu lassen und das Große und Göttliche in Dich aufzunehmen? Oh, das ist schrecklich! Du armes Juda, Deine Jünglinge sind feige, Deine Männer buhlen dem Götzen mach, Deine Lehrer führen Dich irre, und Deine Weisen sind blind! . . Sie schlug die Hände zusammen, ihre Wangen waren bleich geworden, ihr Mund schloß sich krampfhaft, nur aus ihren Augen zuckten Blitze, und auf ihrer hohen, weißen Stirn sammelte sich die Rothe des Zornes. „Amalie," rief Ferdinand voll Verzweiflung aus, „ich trage nichts Gemeines in meiner Seele; auch in mir flammt es für die Religion unserer Väter, für die Lehre des einzigen Gottes. Mein Leben wird ihr gehören, und ich werde für sie eintreten, wo ich es vermag und es von mir gefordert wird. Aber das kann ich und werd' ich als Mensch, als Bürger, als Jude; dazu brauche ich nicht erst den wandernden Fuß in das verödete Land am Jordan zu setzen, und mit mir vielleicht tausend Verirrte in das Verderben zu stürzen. Ueberall, wo der Himmel sich wölbt, und wo die Erde grünt, und wo Menschen wohnen und arbeiten, da ist Gott, unser Gott, ihn anzubeten, ihn kindlich zu verehren, seinen Namen zu verkünden und seinen heiligen Willen zu thnn. Dazu hat uns die Hand des Herrn in alle Länder verstreut, und nicht wir vermögen willkührlich den Rathschluß des Herrn zu verändern! . . ." Ein lautes, ironisches Lachen erscholl von den bleichen Lippen des Mädchens. „Das sind die Locktöne, mit denen sie sich kirren und beschwichtigen seit Jahrhunderten! Oh, Ihr seid treue Söhe Judas, die Ihr hingehet und Euer Geschäft betreibet und es Euch behaglich machet und genießet und Eure Frauen und Kinder mit Tand und schönen Kleidern behänget, und machet Euch ein großes Verdienst daraus, wenn Ihr den Einzigen nicht abschwöret — aber .... doch nein, wozu meine Worte vergeuden? — Hebe Dich weg von mir, Mann! Da Du meines Theiles nicht bist, wie sollt' ich des Deinen werden.. ." „Halt ein, Amalie!" schrie der junge Mann auf, „sprich dieses Wort nicht aus — beruhige Dich, erwäg' es wohl. — Oh, Amalie! verlange nur jetzt nicht Solches von mir; laß uns erst unser eheliches Glück begründen; auch die Liebe kommt von Gott, und wir haben ihrem Rufe zu folgen . . . später will ich Dir ja tragen helfen, was die Hand Gottes auf unsere Schultern legt. „Nein! nimmermehr!". . . erwiderte Amalie, und richtete sich hoch auf, und streckte ihm noch einmal die Hand entgegen — „entweder Du schwörst mir jetzt zu, was ich von Dir gefordert— oder wir müssen scheiden! Besser jetzt, als später in Rene und Schuld!" Der junge Mann stand da, und erwog, was er thun solle, nicht unentschlossen, aber doch rathlos über sein Benehmen. Ach, es war so plötzlich über ihn gekommen, und sein ganzer strahlender Himmel zusammengebrochen, daß er es nicht zu fassen vermochte. Aber Amalie war nicht gewillt zu warten. Sie zog schnell den Vorhang vor das Bild, schloß den Schrank und wandte sich ab. Ja, ihre Füße zitterten, ihre Knie schwankten, aber sie ging doch nach ihrem Sitze und ließ sich mit schwerem Seufzer darauf nieder. Da wandte sich auch Ferdinand, und wollte sich zu ihren Füßen stürzen und ihre Knie umfassen — sie aber wehrte ihn mit verächtlicher Gebehrde ab und rief ihm mit dumpfer