Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1867)
- Date
- 1867-09-24
- Page
- Seite 777 (sequence 9)
- Language
- German
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777 Lemberg, 5. Sept. Dem neuen Schul-Reorganisations-Plane gemäß ist von Seite der k. k. Statthalterei, wie schon erwähnt, an alle Volks- und von den Stadtgemeinden erhaltenen Schulen die Aufforderung ergangen, sich bezüglich der in diesen Schulen einzuführenden Unterrichtssprache zu äußern. Hiebei wurde bemerkt, daß die Gemeinden nur unter den Landessprachen, d. i. der polnischen und ruthenischen Sprache, zu wählen haben. Bezüglich der Unterrichtssprache in den Schulen, welche von den israelitischen Cultusgemeinden erhalten werden, ist es unter den Mitgliedern der Gemeinden, wie hier, so auch in den Provinzstädten, noch zu keiner Verständigung gekommen. Die Meinungen sind getheilt. Die Mehrzahl der israelitischen Gemeindevertreter will die Einführung der polnischen Unterrichtssprache im Principe, verlangt jedoch, daß dies nach und nach geschehe, damit den bisherigen, der polnischen Sprache weniger mächtigen israelitischen Schullehrern Zeit gelassen werde, sich diese Sprache anzueignen. Es giebt aber auch viele jüdische Gemeindevertreter, welche die Ansicht vertreten, daß diese separaten, nur für die israelitische Jugend bestimmten Schulen ganz aufgehoben werden, da die israelitische Jugend die christlichen Schulen ganz ungehindert besuchen darf. Heute oder morgen soll die hiesige Judengemeinde in dieser für die galizischen Israeliten sehr wichtigen Frage Beschluß fassen. Agram, 8. Sept. Der in unserer israelitischen Gemeinde wegen der im neuen Tempel aufgestellten Orgel ausgebrochene Zwist dauert noch immer fort. Die Einen wollen in dem Tempel keine Orgel, weil sie die Aufstellung dieses Musik-Instruments in ihrem Gotteshause mit ihren religiösen Grundsätzen nicht verträglich finden. Die Anderen, nämlich die Mehrzahl der Gemeinde-Mitglieder, sieht hingegen in der Aufstellung der Orgel keine Verletzung des religiösen Gefühls irgend eines Gemeinde-Mitgliedes und beharrt bei der thatsächlich bereits geschehenen Aufstellung der Orgel in dem Tempel. Auf die von der Minorität der Gemeinde-Mitglieder beim hiesigen königlichen Statthaltereirathe diesfalls eingereichte Klage hatte der letztere vor kurzer Zeit entschieden, daß bis zur endgiltigen Entscheidung der Frage die Orgel im Tempel nicht aufzustellen ist. Da aber durch ein Versäumniß irgend eines Magistrats-Beamten diese vorläufige Statthalterei-Entscheidung dem geklagten Theile zu spät inttmirt und somit die Orgel, wie schon erwähnt, thatsächlich im Tempel aufgestellt wurde, so ist man auf den schließlichen Ausgang dieses sonderbaren Processes nicht nur in den betheiligten, sondern auch in den übrigen Kreisen der Landeshauptstadt mit Recht sehr gespannt. Donaufürsten thümer. Bukarest, im Sept. (Privatmitth.) Wenn ich Ihnen meine offene Meinung über die hiesigen Verhältnisse und die Aussichten, die sich für uns eröffnen, sagen soll: so ist diese so trostlos wie möglich. Es liegt dies tief in den Verhältnissen des Landes, welche nur durch eine starke und ihres Zieles bewußte Hand, unterstützt durch äußere Mittel, verändert, oder doch im Zaum gehalten werden könnten — und diese Hand fehlt uns. Rumänien ist theils von der Masse des rumänischen Volkes , theils von Fremden bewohnt, namentlich Polen, Ungarn und Juden. Freilich ist von den Letzteren ein beträchtlicher Theil Rumänen, da ihre Vorväter, seit uralter oder doch längerer Zeit in Rumänien angesessen sind. Aber die Rumänen wollen sie nicht als einen Theil des Volkes ansehen, und wir sprechen ja hier von den Verhältnissen und Anschauungen der Rumänen. Ohne mich einer Parteilichkeit schuldig zu machen, kann ich sagen,, daß die Rumänen durchgängig träge sind und nicht arbeiten. Alles Gewerbe, alle Jndusttie, aller Verkehr wird allein durch die obbenannten Fremden betrieben. Die Folge ist, daß die eigentlichen Rumänen sehr arm sind, die Bojaren nicht ausgenommen, die, wenn sie etwas haben, es verspielen und vergeuden. Gerade deshalb der furchtbare Haß der Rumänen gegen die „Fremden im Lande," die sie, statt ihre eigene Faulheit anzuklagen, beschuldigen, sie zu betrügen und auszubeuten. Je weniger man nun gegen die Andern Vorgehen kann, desto mehr häuft sich ihre Feindschaft auf die Juden. Der einzige Zweck aller der Verfolgungen, die seit dem vorigen Jahre gegen die Juden unternommen wurden, ist:Gelderpressung. Nach - dem die Synagoge in Bukarest zerstört worden, langten furchtbare Drohbriefe bei allen reicheren Juden an. Da diese aber ohne Wirkung blieben, wandte man sich zunächst gegen die jüdische Mittelklasse. Man behandelte sie unter dem bekannten Vorwände auf's Ge- 39