Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1867)
- Date
- 1867-09-24
- Page
- Seite 773 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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773 „Es ist nicht das erste Mal, sagt Franck (S. 292), daß der Mysticismus dieses Resultat hervorbringt. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts bildete sich in Polen eine jüdische Sekte, die man die neuen Chassidim, d. h. die neuen Heiligen nannte. Diese vermeintlichen Heiligen gaben vor, wie die Sufys, sich über die Menschheit zu erheben und in ihrer Person den Menschen mit Gott zn verwechseln. Da sie dieses hohe Ziel durch die alleinige Macht der Entsagung nicht erreichen konnten, so riefen sie zu Hilfe, nicht das Opium, dessen Gebrauch man in jenen Gegenden nicht kennt, aber den Brandwein, welcher den Begeisterten der Religion Alys auch nicht fremd ist." Es wird Niemand läugnen, daß die Chassidim Brandwein trinken, vielleicht noch etwas mehr als trinken (bte andern Juden Polens haben bis heute wenigstens den Brandwein noch nicht als ->w7> erklärt), aber durckaus nicht um der Gottheit näher zu kommen. Es hat nie ein Chassid gesagt: ich bin Gott; der Rabbi, oder wie die Chassidim ihn heißen: der gute Jüd, pflegt wohl seine Ansichten mit diesem oder jenem Engel auszutauschen, ladet auch den Boten Gottes zu Tische, aber das Wesen Gottes bleibt unangetastet. Erklärt sich der Rabbi auch als Messias, so wird bei Gelegenheit auf seine glückliche Mission getrunken, man berauscht sich zu Ehren des Messias, was auch ohnehin geschehen wäre, aber der Rabbi ist der Gesandte Gottes und nicht Gott. In diesen Jrrthum ist nur ein Jude vor mehr als achtzehn hundert Jahren verfallen, und noch ist es ungewiß, ob ihm nicht andere diese irrige Meinung aufgebürdet haben. Der siebente Artikel <S. 342 -355) bespricht unter der Uebersckrift „Le ralionalisine religieux ilans la France du XIXe sifcele“ das Buch von Hyp. Rodrigues ,368 irois fiiles de la Bible. Dieses Buch, welches schon die 4. Auflage erlebt hat, ist bereits in diesen Blättern besprochen worden. Die Tendenz desselben ist die Vermengung oder Vereinigung der drei positiven Religionen, welche die Töchter der Bibel bilden. Wir möchten denjenigen der Polygamie anklagen, der die drei Töchter zu gleicher Zeit heirathen würde. Doch ist das Buch nicht ohne Interesse; es giebt dem Katholicismus manche gute Hiebe und behandelt recht rationell die Verurtheilung Jesu. Hr. Rodrigues setzt seinen vorgefaßten Plan fort und arbeitet jetzt eine Brochüre „über die Gerechtigkeit Gottes," worin er eine Apologie gegen die Idee der Erbsünde giebt. Zu gleicher Zeit bereitet er einen Band über die Juden-Christen vor; seine Tendenz ist zu beweisen, daß die Christen nicht die Religion Jesu besitzen. Solche Arbeiten sind wohl an der Zeit, da der Strom nach der Richtung der theologischen Studien fließt. Auguste Compte, der Theolog des Atheismus unserer Zeit, oder der Begründer der positiven Philosophie, wie ihn Franck nennt, wird im achten und neunten Artikel (S. 358—408) ausführlich besprochen. Es ist nicht übertrieben, wenn wir diese Studie als eine höchst belehrende empfehlen; sie beweist, wie die Philosophie schwach ist, wenn sie Gott verläßt. Diejenigen, die au Gott glauben, werden in dieser Schule Sclaven genannt; man sollte nun glauben, daß die Anhänger freie Menschen sind. Man lese nur in Fraucks Darstellung, wie die Ceremonien für die neuerfundene Gottheit in weiblicher Gestalt, der man den Namen „luimanitd“ gegeben hat, empfohlen werden. Gebete dreimal des Tages, Feste, Sonntag, der humanidi heißt, Tempel, Priester, Bischöfe, Cardinäle und endlich ein Pontifex, welche Würde Compte sich selbst bescheiden beilegt, werden im Catechismus dieser atheistischen Schule festgesetzt. Wahrlich ein schöner Tausch, den die Menschheit machen würde, ein Wesen, das man sich nur als ein höheres vorstellen kann, mit Auguste Compte zu vertauschen! E. Caro in seinem Buche „L’idee de Dien et ses nouveaux criiicjues“ polemisirt gegen die Atheisten. Franck bespricht dieses Buch (S. 410—422) unter der Ueberschrift „ridee de Dien et Tallieisnie conlemporain.“ Wir wollen hier nur erwähnen, wie Franck bei jeder Gelegenheit die Sache des Judenthums ergreift. „Ich bedauere, sagt Franck (S. 416), daß in einem Werke, welches rein philosophisch ist, Hr. Caro sich in Diseussiouen eingelassen, die außer dem Gebiete der Philosophie liegen, und daß der Autor, nicht zufrieden die Existenz Gottes durch Vernunftgründe zu vertheidigen, auch noch auf dieselbe Weise die Gottheit Jesu beweisen will. Niemand wird, sagte ich mir, sei er Philosoph oder Theolog, folgendes schneidende Dilemma annehmen: „Entweder ist das Chriftenthum eine absolute, religiöse, definitive, höhere Wahrheit, oder man muß darin nur eine lange Lüge, achtzehn Jahrhunderte bestehend, erbauet durch Betrug und Leichtgläubigkeit, erhalten durch den Despotismus und Jntriguen, sehen." Die Philosophen können hierauf antworten, sagt Franck, daß es unendlich viele Stufen zwischen dem reinen Jrrthum und der absoluten Wahrheit giebt, re. Wir hätten hier gern mit einem talmudischen Ci-