Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1867)
- Date
- 1867-09-24
- Page
- Seite 770 (sequence 2)
- Language
- German
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770 heiligten Form gewordenen Opfern, und dieses fand denn selbst bei den Talmudisten trotz ihrer unerschütterlichen Verehrung für die Formen des mosaischen Gesetzes seinen Ausdruck. Ihre Ansicht, daß auch zur Zeit des Opfercultus die Schuld-, Sühne- und Versöhnungstagsopfer ohne Buße und Bekenntniß die Sündenvergebung nicht bewirkten, wie wir sie in der zuerst Gürten Stelle des Maimonides, auf Talmudstellen begründet, ausgesprochen fanden, war demnach ganz natürlich. Die Frage ist nun: sind die Talmudisten hierbei schriftgemäß verfahren? oder stehen sie mit der h. Schrift hierin im Widerspruch, indem sie diese mißverstanden? Dieses ist der Angelpunkt unserer Untersuchung. Wir haben bereits oben eine Anzahl Schriftstellen aus den Propheten und den h. Scribenten angeführt, welche die Sündenvergebung lediglich von der Sinnesänderung, der Umkehr im Thun und Lassen, dem demüthigen Bekenntniß und der innigsten Zuwendung zu Gott abhängig machten, ohne nur im geringsten auf das Erforderniß von Opfern, als ein unentbehrliches Mittel der Sündenvergebung, hinzuweisen. Diese Schriftstellen gehörten zweifellos der Zeit an, in welcher der Tempel- und der Opfercultus bestanden, ja reichen in die Zeit Salomo's hinauf, der den Tempel erbauete. Wir haben uns aber noch auf Schriftstellen zu berufen, welche sogar gegen die Opfer gerichtet sind, und ihnen alle Bedeutung absprechen, ja sie für religiös schädlich erklären, wenn den Darbringenden der gottesfürchtige Lebenswandel, die aufrichtige Umkehr und Befferung fehlt. Es reichen diese Stellen bis in die Zeiten Samuels hinauf, der (l. Sam. 15, 22.) dem Könige Saul erwiderte: „Hat der Ewige Gefallen an Ganzopfern und Schlachtopfern wie an Gehorsam gegen die Stimme des Ewigen? Siehe! Gehorsam ist bester denn Opfer, Aufmerken denn der Widder Fett!" Iesaias ruft gleich am Eingänge seiner Prophetieen (I, 11.): „Wozu mir eurer Opfer Menge? spricht der Ewige. Satt bin ich der Ganzopfer von Widdern, des Fettes der Mastkälber, am Blut der Farren und Lämmer und Böcke Hab' ich keinen Gefallen;" und darauf (V. 16.> „Waschet euch, reinigt euch, schafft das Böse eurer Werke aus meinen Augen hinweg, höret auf zu freveln." In gleichem Sinne spricht Iesaias II die Nichtigkeit der Opfer vor Gott aus (4ü, 16.) Ja Jeremias (7, 21—23) kommt zu dem Ausspruche: „Also spricht der Ewige der Heerschaaren, der Gott Israels: „Eure Ganzopfer füget zu euren Schlachtopfern, und effet Fleisch davon. Denn nicht redete ich zu euren Vätern und nicht gebot ich ihnen, am Tage, da ich sie aus dem Lande Mizrajim führte, Betreffs des Ganzopfers und des Schlachtopfers: sondern dies Wort befahl ich ihnen, sprechend: auf meine Stimme höret, und ich werde euch zum Gotte sein, und ihr werdet mir zum Volke sein, und wandelt in allem Wege, den ich euch gebiete, damit es euch wohlergehe." Hiemit wollte der Prophet selbstverständlich nicht sagen, daß in der Offenbarung nach dem Auszuge aus Aegypten gar kein Opsergesetz gegeben worden, sondern, daß nicht dies das Hauptgebot Gottes an Israel gewesen und der Zweck der Offenbarung, vielmehr die Anbetung Gottes und ein Lebenswandel nach den Geboten des Herrn; wie denn auch in den Zehnworten und in dem Gesetze bei Marah (worauf sich die Tradition hierbei beruft) nichts von Opfern vorkommt. Höchst wichtig sind aber hierfür zwei Psalmen, von denen der eine zweifellos von David selbst, der andere von einem Aßaph aus der Zeit Salomos abgefaßt ist, In dem ersteren (40) will der Sänger, der sich aus furchtbarer Gefahr durch die Hand Gottes gerettet sieht, dem Herrn „ein neues Lied, einen Lobgesang" darbringen, und stellt besten Werth dem der Opfer gegenüber. Das Lied wird Vers 5—11 mitgetheilt. Hier heißt es (7—9): „Schlacht- und Speisopfer begehrest du nicht — hast mir ja Ohren gehöhlet — Ganz- und Sühnopfer forderst du nicht. Da sprach ich: Sieh, ich komme, in der Buchrolle ist mir vorgeschrieben: Deinen Willen zu thun, mein Gott, begehr' ich, und deine Lehre ist in meinem Innersten." Der Sänger ist offenbar durch seine Feinde von der Opferstätte ferngehalten, und sie weisen höhnend darauf hin, daß er keine Opfer bringen könne. Hierauf antwortet er, indem er die volle Bedeutung und Wirksamkeit des mit frommem Sinne und Thun verbundenen Liedes, d. i. Gebetes, auch ohne Opfer, geltend macht. Aßaph aber führt folgende Worte in feierlichster Weise ein (50, 7—15): „Höre, mein Volk, ich will reden, Israel, ich will wider dich zeugen: Gott, dein Gott, bin ich. Nicht um deine Opfer verweis' ich dich, und deine Ganzopfer sind stets vor mir. Nicht mag ich nehmen aus deinem Hause Stiere, aus deinen Hürden Böcke. Denn mein ist alles Gewild des Waldes, die Thiere auf Bergen bei Tausenden. Ich kenn' alle Vögel der Berge, der Fluren, Gewild ist mir kund. So mich hungerte, dir sagt' ich's nicht, denn mein ist der Erdball und was ihn erfüllt. Eff' ich denn Fleisch der Thiere und und trink' ich Blut der Böcke?