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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-09-10 · Heft 37 (10.9.1867) · p. Seite 747

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 37 (10.9.1867)
Date
1867-09-10
Page
Seite 747 (sequence 19)
Language
German
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hatte. Meine Freunde hüteten sich wohl, dies aus feie ner Schlurmnerhöhle zu wecken, und wohl wissend, daß man Leidenschaften und Geistesverwirrungen nicht wirksamer entgegenzutreten vermöge, als indem man ihnen die Nahrung entzieht, die Gelegenheiten vorenthält, sich zu äußern und zu betätigen, wodurch sie nur an Energie wachsen, vermehrten sie absichtlich Gegenstände und Persönlichkeiten, welche Amaliens Interesse wecken und ihre Seele beschäftigen mußten, so daß sie um so weniger zu ihrem innersten Seelenleben kommen konnte. Ja, auch sie wußten, daß man hiermit eine Leidenschaft oder Verkehrtheit nicht entwurzelt, daß unsere geistige Natur von genug Zähigkeit ist, um lebendige Keime Jahrzehhende hindurch verschlossen zu erhalten, so daß sie unter besonders begünstigenden Umstanden aufbrechen und üppig sprießen, wenn man sie längst erstorben und vernichtet glaubt — wie in den ägyptischen Museen Saatkörner und Ricinussaamen gezeigt werden, die Jahrtausende in den verschlossenen Gräbern gelegen und ihre Keimkraft doch nicht verloren haben. Aber Jenes liegt gar nicht in der Gewalt der Menschen, und nach der Erfahrung ist es doch immerhin möglich, daß lang fortgesetzter Stillstand in der Ernährung einen bösen Zweig des Seelenlebens zum Absterben bringe. Underdeß war die Heilung der körperlichen Uebel Amaliens einem ausgezeichneten Arzte anvertraut worden, und machte in den nächsten Monaten die erfreulichsten Fortschritte. Das Nervensystem gewann eine normale Stimmung, die Cirkulation des Blutes wurde wieder regelmäßiger, und die Störungen verschwanden; das herrliche Mädchen blühete von Neuem auf, zum Schaden manches Mannesherzens, denn mit der zurückgekehrten Röthe ihres Angesichtes wurde ihre Schönheit immer hinreißender. Zur Vollendung dieses Werkes sollte sie, nachdem der Frühling sich nur erst eingestellt hatte, sogleich in eines jener Bäder gehen, die, weniger von der großen Welt besucht, noch mehr durch ihre Stille, ihre reizende Lage und herrliche Luft als durch ihre Wasser auf die leibliche und geistige Verfassung der Menschen gesundend einwirken. Leicht entschloß sich Amaliens Bruder sie dahin zu begleiten; wichtiger aber war es, daß die Frau meines Freundes mitging, theils weil dies für Amalie noch nothwendig erschien, theils weil jene auch für ihre Gesundheit einer solchen Veränderung bedurfte. Amalie war glücklich; sie schwärmte auf den schönen Bergen, in den dichten schattigen Waldungen, an den rauschenden Bergströmen und Waldbächen umher, sie, die nur der langweiligen Fläche einer ununterbrochenen Ebene und des Blickes über einförmige Saat- und Zuckerrübenfelder gewohnt war; ihre jugendliche Seele füllte sich mit Lust und frischem Lebensmuthe. Wer war glücklicher als der alte Gottheil; er schwelgte gleichsam in den freudigsten Hoffnungen. Wenn er mir die Briefe seiner Tochter übersandte, die freilich nur für ihn, nicht für Andere geschrieben waren, so unterließ er es niemals, meinen Eintritt in sein Haus zu segnen. Einige dieser Briefe waren wirklich klassisch geschrieben, und ich hätte sie mir gern kopirt, wenn ich dies nicht als einen Eingriff in fremdes Eigenthum gescheut hätte, da man noch dazu bei Schriftstücken niemals sicher ist, daß sie nicht auch in die Hände Unberechtigter gelangen können. Dennoch unterließ ich es bei Rücksendung jener Briefe nicht, den alten Mann vor allzugroßer Sicherheit zu warnen, und zwar aus dem Grunde, daß er nicht allzubald an die Rückkehr seiner Tochter in sein Haus denken möge. Ich dachte daran, daß Amaliens Seele jetzt auf einer Höhe wandele, auf welcher sich zu - erhallen nur seltenen, auserwählten Menschengeistern gegeben ist, und auch diesen nicht für immer. Die Rückkehr in das Gewöhnliche ist dann um so gefährlicher. Ach, wie viele Menschen habe ich kennen gelernt, die in einer gewissen Jugendperiode für die edelsten Ideale schwärmten, und als ich sie nach einiger Zeit wiederfand, in die engherzigste Plattheit des gewöhnlichen Lebens versunken waren. Bei einer Amalie war dies allerdings nicht zu fürchten, aber dennoch mußte der Uebergang abgewartet werden. Es war natürlich, daß auch in dem Badeorte um die geistreiche Frau und das schöne Mädchen sich bald ein Kreis bildete und Amalie fing an, es sich gefallen zu lasfen, daß man ihr Huldigungen entgegenbringe. So in dem Wechsel von Naturgenüssen und geselliger Unterhaltung genas sie immer mehr. Es wurde beschlossen, und nicht ohne mein Zuthun, daß von dem Badeorte aus eine Reise durch die Hauptstädte Deutschlands nach der Schweiz unternommen wurde. Mit feinem Takte unterließ es die Gattin meines Freundes nicht, auf dieser Reise überall Fäden anzuspinnen, die unsichtbar und unmerklich in jenen Jdeenkreis Amaliens sich versenken, sich daselbst anheften und darauf influiren möchten. Sie verweilte längere Zeit in den größten Städten sowohl um die Kunstschätze zu studiren, als um Menschen kennen zu lernen, besonders Glaubensgenossen, bedeutende Persönlichkeiten und von hervorragender Stellung, damit Amalie Gelegenheit habe, die Verhältnisse, Gesinnungen und Anschauungen, wie sie in der zeitgenössischen Welt vorherrschen, zu erkennen und auf sich wirken zu lassen. Mußte doch ihrem scharfen Verstände und feinem Gefühle der Ab- und Widerstand klar werden, den die sie früher beherrschende Idee hier finden würde. Ihrer Begleiterin ward der Zutritt durch den großen und einflußreichen Kreis ihrer heimathlichen Bekanntschaften überall geöffnet. So gelangten die drei Reisenden langsam bis zur Grenze der Alpenwelt. Als sie sich anschickten, in diesen hehren Kreis der Offenbarungen der göttlichen Schöpferkraft, göttlichen Schönheit und Majestät einzutreten, überkam sie ein Gefühl der Weihe und Andacht, wie wenn man in die erhabene Halle eines geheiligten Gotteshauses zu schreiten im Begriffe ist. Ich will hier die Eindrücke nicht schildern, welche das empfängliche Herz Amaliens erhielt, als sie von Höhe zu Höhe bis zu den hochgelegenen Thälern am

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