Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-09-10 · Heft 37 (10.9.1867) · p. Seite 746

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 37 (10.9.1867)
Date
1867-09-10
Page
Seite 746 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226619--25326-3260823
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

746 aus, daß em so junger, durchgebildeter und vielbegabter Geist, wenn nur erst der leibliche Organismus wieder völlig gesundet sei, leicht zu einer ruhigen vernunftgemäßen Verfassung zurückkehren könne. Ich war im Stande, ihm einige Beispiele aus meiner Erfahrung anzugeben, wo Geistesstörungen während der Entwicklungsperiode mit dem verbesserten Ablauf dieser wieder beseitigt wurden. Gottheil hörte mir aufmerksam zu. Des Menschen Herz ist der Hoffnung stets zugänglich, wo die theuersten Wünsche im Spiele sind. Sein sorgenvolles Angesicht erheiterte sich sichtlich, er drückte mir wiederholt die Hand, und fand Alles recht, was ich ihm gerathen. Mein Geschäft war hier zu Ende, und ich wollte noch Vormittags meine Rückreise antreten, nachdem ich versprochen, gleich des anderen Tages nach der Residenz zu schreiben, und die nöthigen Vorkehrungen einzuleiten. Ich wollte gern Amalie noch einmal sehen und mich mit einigen freundlichen Worten von ihr verabschieden. Aber sie ließ sich entschuldigen, da sie etwas leidend sei. Ich habe sie nicht wiedergesehen, aber ihre Erscheinung ist mir zu einem lieben, wenn auch wehmüthigen Eigenthum der Erinnerung geworden. 2. Meine Bemühungen waren von gutem Erfolge begleitet. Schon einen Monat später reiste Amalie nach der Residenz. Meine Voraussetzung hatte sich als richtig erwiesen: sie war sehr bereitwillig auf die Reise eingegangen, und hatte Nichts dagegen, in ein ihr bis jetzt fremdes Haus einzutreten, da ihre früheren Gastfreunde ihr nicht zugesagt. Sie mochte in ihrer Seele Pläne für ihr zukünftiges Wirken, für ihr Auftreten in größeren Kreisen hegen, und vor der höheren Mission, die sie sich zuschrieb, wichen selbst die Sorgen um -ihren Vater und dessen Haushaltung zurück; sie konnte auch hierüber um so ruhiger sein, da eine nahe Verwandte, ihre Stelle zu vertreten, gekommen war. Das Haus, in welchem Amalie Aufnahme fand, war ein eigenthümliches. Wenn in zwei Gatten edle Naturen, von Liebe und Achtung für einander beseelt, sich für das Leben mit einander verbinden, dann geschieht es, daß selbst Verschiedenheiten der Ansichten sich abschleifen und mit den Jahren eine völlige Übereinstimmung, eine wohlthätige Harmonie sich einstellt in Charakter und Richtung, in Anschauung und Lebenstendenz. Die weibliche Seele schmiegt sich dem Geiste des Mannes an, und dieser wiederum nähert sich der Empfindungswelt des Weibes, daß das Verständnis niemals ausbleibt, ja durch die gegenseitige Uebertragung und Anbildung immer wie von selbst kommt. Will man dies doch selbst von den äußeren Gesichtszügen, von Gestalt und Haltung, von Organ und Gebehrden behaupten, daß mit der Zeit sich auch hierin zwischen wahrhaft vereinigten Gatten eine gewisse Aehnlichkeit herausbilde. So war das Ehepaar beschaffen, welches Amalie bei sich aufnahm. Der Mann war Secretair und Rendant einer großen wohlbegründeten Aktiengesellschaft, und diese seine Stellung brachte es mit sich, daß er viele Welt bei sich sah. Seine Einkünfte hätten kaum hiezu ausgereicht, und da seine Ehe kinderlos war, nahm er gern junge erwachsene Damen aus der Provinz gegen ein angemessenes Honorar in sein Haus, welche unter der mütterlichen Obhut seiner Frau eine höhere, namentlich gesellschaftliche Ausbildung in der Residenz gewinnen sollten. Seiner Frau war diese Art Beschäftigung sehr willkommen, und gewann das Haus dadurch an Leben und Anziehungskraft. In demselben waltete eine ernste, aber durchaus nicht peinliche Religiosität und das lebhafteste Streben nach Bildung, nach Aufnahme und Verständniß aller neuen Erscheinungen ohne welche Pedanterie und Anmaßung. Ich hatte während meiner Studienzeit dieses Ehepaar kennen und hochschatzen gelernt, und die Jahre, die seitdem verflossen, hatten unser Berhältniß nicht gelockert. Sie hatten mich vielfach gefördert, und einem regelmäßigen Briefwechsel verdankte ich Vieles, was mir bei meiner gegenwärtigen Zsolirtheit sehr zu Statten kam. Man glaubt gewöhnlich, daß das Leben in einer kleinen, etwas entlegenen Stadt in beschränkender Weise wirke, mit einem Worte, daß man daselbst verbauere. Man spinnt sich in die Verhältnisse mit seinem Wollen und Thun ein, und, ohne daß man es weiß, verengert sich auch unser ganzer Gesichtskreis. Dieß ist nicht zu läugnen und findet jedesmal mehr oder weniger statt. Aber so sehr, wie mau meint, doch nicht. Geht man mit aufmerksamer Beobachtung durch das Leben, bleibt man nicht an der Oberfläche der Erscheinungen stehen, so spiegelt sich zuletzt in den kleineren Kreisen dasselbe Geistesleben ab, das in den größten obwaltet, und unsere Seelenkräfte bleiben in Thätigkeit, um Erkenntniß und Erfahrung zu sammeln und Wirksamkeit zu üben. Nur muß man dafür sorgen, daß die Fäden, die uns mit der größeren Welt verknüpfen, nicht abgerissen werden, so daß die Wellenbewegung jener immerfort auch bis zu uns dringt. Dies ist in unserer Zeit nicht schwer, wo Presse und Literatur rasch selbst in die kleinsten Dörfer und in die entlegensten Gegenden ihre Erzeugnisse hinschaffen. Es versteht sich von selbst, daß ich meinen Freunden ein treues Bild Amaliens, ihrer Ideenwelt, ihrer Gedankenrichtung entworfen hatte. Sie entschlossen sich bald, sie dem ungeachtet bei sich aufzunehmen, ja sie gewannen schnell das lebhafteste Interesse für sie. Amalie fühlte sich bald heimisch bei ihnen, Alles muthete ihr zu und sprach sie an. Die vielen bedeutenden Männer und Frauen, in deren Kreis sie eintrat, imponirten ihr, und nöthigten sie, unwillkürlich sich dem zuzuwenden, was hier gedacht und getrieben wird, und hingegen in die innerste Kammer ihrer Seele zu verschließen, was ihr eigen war, und womit sie sich in der Einsamkeit ihres Vaterhauses so ausschließlich beschäftigt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.