Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1867)
- Date
- 1867-09-10
- Page
- Seite 748 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226581-3226619--25328-3260825- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Busen der Riesengletscher emporstieg, immer leichter die Luft, immer leichter der Aether, immer strahlender die silbernen Firnen wurden. Hier ftand sie auf einem Gipfel, von dem aus dicht an ihr die Kolosse, in den ewigen Schneemantel gehüllt, in den Himmel stiegen, und von wo aus der Blick über zahllose immer tiefer und tiefer sich senkende Höhen, über Felsklippen und dunkele Schluchten, über grüne, blaue, graue und silberne Seeen, über Wälder und Almen bis zu der den Horizont umgürtenden Ebene flog. Tief ergreifend mußte dieser Anblick für sie sein. O, ich war auch so glücklich, einst auf einem solchen Bergrücken zu stehen! Wie fühlte sich mein Geist dort abgelöst von allen Berhältniffen, herausgerettet aus allen Strömungen dieser Menschenwelt, nur allein der großen Welt angehörig! Wie fühlte ich mich hier als Mensch, als Sohn Gottes, hier wo die Unendlichkeit und die Abgrenzung beide zugleich so sichtbar, so faßbar vor mir standen, wo ich so recht des Psalmisten Worte inne ward: „Du hast die Himmel ausgespannt und die Erde gegründet", und ich begriff, daß ich darum hierher gestellt sei, um sie beide zu fassen, weil ich beiden angehöre. Wie ward ich gehoben, geläutert und gefestigt an diesem Orte, daß Eindruck und Wirkung niemals wieder aus meiner Seele verschwanden. . . . Amalie hatte eine bedeutende Schule durchgemacht. Es kam darauf an, welchen Nutzen sie daraus gezogen, wie viele Bildsamkeit sie noch gehabt hätte. So kehrte sie zurück nach der Residenz, und auch ihr Bruder berichtete dem Vater, daß seine Schwester gänzlich genesen sei. Glaubt man ja so gern, was man wünscht und hofft. Doch auch das Ändere, was ich damals dem Herrn Gottheil zu verstehen gegeben, sollte in Erfüllung gehen. Schon in dem Bade war ein junger Mann, mag ich ihn als F. bezeichnen, in den Kreis Amaliens eingetreten, der bald unverhohlen seine Bewunderung, ja seine Liebe für das junge Mädchen zu erkennen gab. Es war ein vortrefflicher Mensch von hoher Gestalt und mit, wenn auch nicht schönem, doch bedeutendem und edlem Gesichte. Ein tüchtiger Geschäftsmann, der bereits mit Erfolg an der Spitze eines angesehenen Hauses stand, hatte er einen vielseitig gebildeten Geist, der vorwärts strebte und für alles Edle und Gute einen offenen Sinn hatte. Er spielte fast meisterhaft die Violine. Seine Erscheinung, sein klangvolles Organ, sein geistvolles Wort zogen überall die Aufmerksamkeit auf ihn. Amalie schien nicht gleichgiltig für ihn zu bleiben; sie war gern in seiner Gesellschaft, zog ihn sichtlich vor und lauschte mit Vergnügen seinem phantasiereichen Spiele. Kaum waren sie in der Heimath angelangt, als F. in dem Hause meines Freundes sich einstellte, sich offenbar um die Neigung Amaliens bewarb, und nicht zurückgewiesen ward. In der That stand den jungen Leuten Nichts im Wege; hatten sich ihre Herzen gefunden, so waren die Verhältniffe ganz dazu angethan, ihre Ver-< bindung zu begünstigen. Es währte nicht lange und der alte Gottheil zeigte mir die Verbindung seiner Tochter mit Herrn F. an. Soll ich es gestehen, mir war die Sache an sich recht, aber wie sie gekommen, nicht ganz. Ich hätte gewünscht, daß der Weg für Amalie zu diesem Ziele etwas schwieriger gewesen, daß ihre Neigung mit Hindernissen zu kämpfen gehabt und sich so eine Leidenschaft in ihr entzündet hätte, von deren Gluth ihre ganze frühere Gedankenwelt zu Asche verzehrt worden wäre. Jndeß da ließ sich nichts machen, und ich beglückwünschte den erfreuten Vater von Herzen. Gern hätte ich auch an Amalie einige Worte gerichtet; aber sie wußte ja gar nicht und durfte nicht wissen, daß ich mit ihrem Geschick in irgend einer Verbindung stand. Selbst meine Freunde in der Residenz erwähnten verabredetermaßen meiner niemals vor ihr. Die Berichte von dort lauteten stets überaus günstig: Amalie fühlte sich in ihrem neuen Verhältniß sehr glücklich, und schien ganz in dasselbe aufzugehen. (Fortsetzung folgt.) Notiz. Die neueste Nummer der „Gartenlaube" enthielt einen lesenswerthen Artikel „Eine Stunde auf der Berliner Börse", dessen Schluß eine volle Beachtung verdient. Es wird darauf hingedeutet, daß der Berliner Bankier, der nicht wie der Wiener geadelt, nicht wie der Pariser Politiker, nicht wie der Londoner Plutokrat ist, auf den die Collegen genannter Weltstädte wie auf einen Philister herabblicken, sich eines Vorzugs rühmen kann, vor dem Reichthum, Glanz und Würde erbleichen: keine andere Stadt hat so viele Größen der Kunst und der Wissenschaft aufzuweisen, die Bankierhäusern entsprossen sind, wie Berlin: Aus dem Hause Mendelssohns, das von dem großen Philosophen und edlem Menschenfreunde stammt, ging jener Felix hervor, dessen Musik so weit reicht, als sich Menschen der Sommernacht erfreuen, und als der gestirnte Himmel ihre Herzen zur Andacht erhebt. Dem mit Reichthum und Wohlthätigkeitssinn hochgesegneten Hause Beer enstammt der Dichter des „Struensee" und der Componist der Hugenotten, welcher die unbestrittene Herrschaft über die Opernbühne ausübt. Stolz weist das Haus Magnus auf seine Söhne, den Professor und einstigen Rector der berliner Universität, und den Maler. Der große Rechtsgelehrte Hitzig, der bekannte Architekt des gleichen Namens, entstammen berliner Bankiers, sind jüdischen Vorsprungs. (Das sind aber ja nur ältere Beispiele — ist es jetzt noch so? Red. d. A. Z. d. Jud.) Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck^von Z. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur!»,». H. Lotze.