Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1867)
- Date
- 1867-09-10
- Page
- Seite 745 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgkmeine Zeitung des Zu-rnthums. Femlleton-Üeilage zu Ar. 37. Leipzig, den ly. September 1867. Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. t Fortsetzung.) Es war ungefähr vor einem Jahre, als sich in ihrer äußern Erscheinung etwas Kränkelndes verrieth. Sie wurde bleich und in ihrem Aussehen und Thun etwas schlaff; sie wurde stiller, als sie es gewöhnlich war und schien oft in Gedanken versunken. Es mußte in der Circulation des Blutes eine Stockung eingetreten sein. Ihre Art war es, nie zu klagen, vielmehr auf Befragen jedes Leiden zu verneinen. Doch begann ihr Vater, besorgt zu werden, und er bewog sie, auf einige Zeit nach der Residenz zu Freunden zu gehen. Hier hatte sie vielfache Zerstreuung und wurde auch ärtzlicher Behandlung unterzogen. Aber sie bestürmte ihren Vater mit Bitten, sie wieder nach Hause zu nehmen; sie fürchtete, sein Hauswesen gerathe in Unordnug, er entbehre die Pflege, und erklärte zuletzt, fern von ihrem Vater nur Schmerz und Sorge zu empfinden, und so kehrte sie nach wenigen Wochen mit ihrem Bruder zurück. Aber sie kehrte doch nicht zurück, wie sie gegangen. Sie hatte sich in ihre Gedankenwelt noch mehr zurückgezogen und verrieth seitdem jene sie beherrschende Idee, daß zur Rettung des Judenthmns eine große, umfassende Colonisation des h. Landes durch Juden bewerkstelligt werden müsse, und daß sie berufen sei, dies auszuführen. Es war in ihr zu einer fixen Idee geworden, der sie, obschon sie den häuslichen Geschäften nach wie vor getreulich oblag, unablässig nachhing. Die ihr einst so lieben Bücher standen unberührt im Schranke, neue Schriften ließ sie ungelesen liegen; sie saß in ihre Träumereien versunken still in der Ecke ihres Sophas. An Gesprächen nahm sie keinen Theil, bis etwa irgend ein Funken in den Zündstoff ihrer eigenthümlichen Gedankenwelt fiel — dann erglühete sie heftig und es kam ein Ausspruch nach dieser Richtung hin, wie ich ihn während der wenigen Stunden meines Aufenthaltes zweimal erfahren hatte. Rathlos stand der brave, greise Vater vor mir und rang die Hände. Ich sollte ihm sagen, wie sein über Alles geliebtes Kind vor der finsteren Geistesnacht gerettet würde, der es mit starken Schritten zueilte. Und ich? Stand ich nicht ebenso einsichtslos vor diesem geistigen Räthsel? Daß es wir nicht möglich sein würde, einen eingreifenden, heilsamen Einfluß auf den Geist dieses Mädchens zu gewinnen, war mir bereits klar geworden. Dem geraden Wege, durch Vernunftgründe auf sie einzuwirken, durch Ueberzeugung von der Unhaltbarkeit und Unausführbarkeit ihrer Idee sie von dieser abzubringen, war sie nicht mehr zugänglich; hatte sie sich doch bereits auch über mich hinweggestellt und betrachtete mich als einen untergeordneten Geist, der ihrem Fluge nachzufolgen nicht vermöge. Aber einen krummen Pfad einzuschlagen, sich zu stellen, als ob man auf ihren Jdeengang eingehe, mit ihr Hand ans Werk zu legen scheine, und sie auf diese Weise mit der Zeit zurückzuleiten, war meiner eigenen Natur zuwider und gab durchaus keine Bürgschaft, daß sie nicht vielmehr in ihrer fixen Idee bestärkt werden würde. Was ich dem Herrn Gottheil zu rathen im Stande, war Folgendes. Ich glaubte, daß jetzt, nachdem sich ihre fixe Idee so bestimmt ausgebildet hatte, Amalie leichter zu bewegen sein würde, auf eine längere Zeit nach der Residenz zu gehen: es würde ihr dies willkommen sein, nun die Hoffnung hegen zu können, ihren Gedanken irgendwie der Ausführung näher zu bringen. Hier wäre es vor Allem nöthig, daß ihre körperliche Verfassung durch die Behandlung eines ausgezeichneten Arztes völlig wiederhergestellt werde. Dadurch würde schon auch ihr Geist zu regelmäßigerer Funktion zurückgeführt werden. Dann müßte sie daselbst in ein Haus 'kommen, wo sie, nicht sowohl äußerlichen Zerstreuungen, sondern der Anregung durch die Berührung mit mannigfaltigen Kreisen, womöglich bedeutender Menschen, zugänglich wäre. Das Wünschenswertheste würde sein, wenn sie in diesen Kreisen einen Mann fände, dem sie ihre Zuneigung schenkte. Dadurch würde ihrem Seelenleben eine andere Richtung gegeben, in ihrem Herzen ein reines, heiliges Feuer entzündet werden, vor welchem das andere vielleicht erblassen und allmälig erlöschen könnte. Zum Glück konnte ich dem bekümmerten Vater ein solches Haus nennen, in welchem Amalien die liebevollste Aufnahme und die einsichtsvollste Behandlung zu Theil würde, und bot mich zur Vermittelung an. Ich konnte so Worte des Trostes und gute Hoffnung hinzufügen, und sprach meine Meinung dahin