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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-09-10 · Heft 37 (10.9.1867) · p. Seite 730

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 37 (10.9.1867)
Date
1867-09-10
Page
Seite 730 (sequence 2)
Language
German
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730 Christenthum die Erfüllung der von unserer heiligen Schrift aufgestellten Forderungen sei und enthalte, das Judeuthum aber dieselben unerledigt laste und somit den Juden das Heil und die Seligkeit entgehe. Eine desfallsige Untersuchung wird daher immer von Neuem nothwendig, und ihre Ergebnisse für uns die zwiefache Wichtigkeit haben, diese letztere Behauptung aus dem Wege zu räumen, und uns die Segensfülle der Lehre unserer Religion immer wieder zugänglich zu machen. Wir haben es erst wieder in Nr. 35 (Analekten Nr. 5 S. 692) gesehen, daß auch sonst tiefblickende Denker, die vom christlichen Standpunkte ausgehen, wie Prof. Dr. Lotze in Güttingen, sich zu der Ansicht bekennen, „die Juden hätten es mißkannt, daß in der Person Christi das hohepriesterliche Mittleramt der Versöhnung durch das Opfer, welches der Mittler selbst ist" enthalten gewesen. Es ist diese Anschauung also nicht bloß die strengkirchliche. Daß die christliche Kirche, in welche Confessionen und Sekten sie auch zerfalle, stets zu ihrem Eck- und Grundsteine den Glaubenssatz hat: Durch den Tod und die Leiden Jesu am Kreuze seien und werden die Sünden der Menschen vergeben und gesühnt, und der Glaube hieran sei die unerläßliche Bedingung für die Vergebung der Sünden und die Versöhnung mit Gott, brauchen wir nicht hervorzuheben und durch Citate zu erweisen. Er findet sich in jedem christlichen Lehrbuche vom kleinsten Catechismus bis zur umfänglichsten Dogmenlehre. Die katholische Kirche geht noch weiter, und sieht in dem „Meßopfer" die immerwährende Wiederholung des Kreuzesopfers in unblutiger Weise, durch welches Meßopfer daher die Vergebung der Sünden, und der Nachlaß zeitlicher Strafen erworben werde. (Vergl. vr. Dubelman, Leitfaden für den katholischen Religionsunterricht an höheren Lehranstalten 3. Aufl. Th. 2. S. 11 ff.) Welches ist nun Diesem gegenüber die Lehre des Judenthums von der Sühne, der Sündenvergebung, der Versöhnung mit Gott? Wir werden hier dieselbe zuerst beleuchten, dann ihre Schriftgemäßheit erweisen und insonders das Verhältniß der Opfer, namentlich der Schuld- und Sühnopfer besprechen müffen. Wir konstatiren zuerst, daß auf diesem Gebiete durchaus keine Verschiedenheit zwischen der jüdischen Auffassung in unserer Zeit und der in früheren Epochen, etwa zwischen einem reformistischen und orthodoxen Judenthnme besteht, daß vielmehr die Lehre von der Sühne zu den Grundgedanken und Grundlehren des Judenthums gehört, welche den einheitlichen Mittelpunkt des Judenthums bilden. Um nun in einfachster Weise diese Lehre zu charakterisiren, brauchen wir nur an den in unseren Neujahrsgebeten mit so großem Nachdrucke hervorgehobenen Ausspruch zu erinneren: trwri ns yn-ay» npiLi itbsm. mran das heißt: „reuige Umkehr, Gebet und Uebung von Werken der Liebe heben die Verurtheilung des Menschen auf." Es ist also die Sühne, die Vergebung der Sünden, die Versöhnung mit Gott abhängig von der Reue und Besserung, von dem Bekenntniß der Sünde vor Gott und dem aufrichtigen Gebet um Vergebung, sowie daß diese Reue nicht blos in der ferneren Unterlassung der Sünde, sondern auch in der Uebung von Werken der Liebe sich bethätige. Dies entspricht auch den seelischen Zuständen des sündigen Menschen. Jede Sünde enthält die geistige Verblendung, welche zur Sünde führt, die Thal selbst und die darin enthaltene Entfernung von und Feindseligkeit gegen Gott. Es bedarf daher zur Beseitigung des sündhaften Zustandes zuerst der Erkenntniß der Sünde, des aufrichtigsten Schmerzes über dieselbe und der Unterlassung der Sünde mit möglichster Beseitigung des von ihr angerichteten Schadens. Schon hierin ist naturgemäß das Bewußtsein enthalten, von Gott 'abgewichen zu sein und gegen dessen heiligen Willen feindselig gehandelt zu haben, und wie von selbst wird daher die reuige Seele sich Gott zuwenden, und vor Ihm im Gebete all' den schweren Druck des Herzens in offenmüthigem Bekenntniß und heißem Flehen um Vergebung ausschütten. In jenem Bewußtsein aber und in dieser innersten Zuwendung zu Gott und dem Zurückstreben nach Ihm hin liegt es abermals wie von selbst, den geläuterten Zustand der Seele mit größerer Kraftanstrengung und freudigerer Opferwilligkeit in Werken der Liebe zu bethätigen, nicht etwa um sich dadurch größere Ansprüche auf die Barmherzigkeit Gottes zu erwerben, sondern um dem innersten Drange der Seele zu genügen, der nach treuester Pflichterfüllung strebt, und allerdings mit dem Nebengedanken, dadurch zum Theil wieder gut zu machen, was man Schlimmes angerichtet. Es ist einmal die Anlage des Menschen, Alles was er wahrhaft denkt und fühlt, durch Wort und Thal zum Ausdruck zu bringen, und hinwiederum kommt ein Gedanke und Gefühl in uns nicht eher zu einer klaren und vollständigen Entfaltung, als bis sie durch Wort und That zum Ausdruck gekommen sind. Dieser Natur des Menschen gemäß liegen daher Gebet und Werk der Liebe eigentlich wie von selbst in dem Gedanken und

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