Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1867)
- Date
- 1867-09-03
- Page
- Seite 727 (sequence 19)
- Language
- German
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72? Sammlung von Satzungen, welche fast alle Formen und Thätigkeiten des äußern Lebens regelten, und so eine feste, thatsächliche Hülle bildeten. Ein Beweis hierfür war, daß, wenn Jemand von diesem Bekenntniß abfiel, er sofort aus allem dem heraustrat, was man für jüdische Nationalität ausgiebt. Nun zog sich aber allmälig das volle Leben aus dieser Hülle heraus, und das allgemeine Culturleben, in welches die Juden jetzt eintraten, fand deßhalb keine dauernde Widerstandskraft in jener vor. Auch dies ging nach den inneren Gesetzen der Entwicklung vor sich und nicht einzelne Männer können dafür beschuldigt werden. Die sogenannten Reformatoren haben immer nur ausgesprochen, was bereits in einem großen Theile der jüdischen Masse vor sich gegangen. Vielmehr verlegte sich seitdem und in nothwendiger Consequenz der Schwerpunkt in den Lehr- und Gedankeninhalt des Judenthums, der seine Lebensmitte in der Lehre von Gott, der Welt und dem Menschen hat, von da aus sein lauteres Sittengesetz ausstrahlt, das wiederum in der großen socialen Lehre des Mosaismus gipfelt. Ich sage in nothwendiger Consequenz, theils weil der von der Bildung ergriffene Mensch ein klares Bewußtsein erstreben muß, theils weil das in den Kreis der welthistorischen Erscheinungen wieder eingetretene Judenthum sich vorzugsweise in feinem Gedankeninhalte dokumentiren muß. Nun, von diesem Schwerpunkte aus breitet das stets energische Judenthum und zwar aus seinen gegebebenen geschichtlichen Stoffen eine zartere durchgeistigtere Hülle, und das reorganisirte Gemeindeleben, der veredeltere Cultus, die Entwicklung der Schule, die umfassenden Wohlthätigkeitsinstitute geben bereits jetzt bedeutende Objekte dazu her. Was wollen Sie? Zeigt nicht das Judenthum in Amerika und Australien, wie unerschöpflich seine Lebenskraft sei, und doch sind es hier viel weniger die sogenannten Orthodoxen als die Reformer, welche mit starker Hand aller Orten den Grundstein zu den Tempeln der Gotteslehre legen. Nein, und abermals nein! An der Erhaltung der Gotteslehre zweifeln, heißt zweifeln an ihrer Göttlichkeit, an ihrer Wahrheit! Sie untergehen glauben, weil den Forderungen des Rechts und der Geistesbildung Genüge geschieht, erscheint mir als ein grober Jrrthum." Ich hatte geendet und erwartete die Wirkung meiner Worte. Sie ließ nicht lauge auf sich warten. Eine kleine Pause, und Amalie erhob sich, stellte sich mir gegenüber und begann mit fester, nachdrücklicher Stimme: „Was Sie da sagen, klingt Alles sehr schön, und es mag viel Wahres darin liegen. Aber es sind doch nur Worte und nichts als Worte, während die Zeit, und zumal unsere Zeit mit ihrer rasenden Schnelligkeit Thaten und rasche Thaten verlangt. Worauf laufen alle Eure Reden hinaus? Auf das Gehenlassen, wie es geht. Ihr predigt, unterrichtet und thut auch dies und das. Was kümmerts Euch, daß Eure Predigt von Wenigen gehört, Euer Unterricht schnell wieder vergessen, und der Noth und des Elends doch kein Ende wird? Aber das große, weite Judenthum, wie es in zahllose kleine Stücke zerschlagen ist, zerbröckelt unterdeß immer mehr, und der Wind trägt den Staub nach allen Weltgegenden hin. Was thut Ihr? Worauf wartet Ihr? Moses wartete nicht, bis das Volk den Jordan überschritten, sondern in der Wüste schon schuf er das Sklavenvolk um, daß es reif und erwachsen in das heilige Land zog. Esra wartete nicht, bis der Tempel gefallen war, sondern richtete die Synagoge auf neben ihm, als er noch Jahrhunderte zu stehen hatte. Juda der Naßi wartete nicht, bis die Tradition vergessen war, sondern begann sie aufzuzeichnen, bevor sie dem Leben des Volkes entfremdet worden. Wohlan, ob ihr es Nationalität oder Satzung nennet: die Stützen des Judenthums, die einen wanken, die andern sind schon durchsägt, liegen schon mit ihren ehrwürdigen Capitälern im Staube. Ihr fragt, was zu thun sei? Ich will es Euch sagen. Das heilige Land muß wieder einen Theil seiner Kinder zurückhaben, muß wieder ein Stammland des Volkes Israel werden; dort muß abermals ein Mittelpunkt für das gesammte zerstreute Israel sich erheben, dort der Fluren größter Theil von jüdischen Händen und Armen bearbeitet werden, dort eine Stätte für die lautere Lehre, für das volle Gesetz, für das ganze Recht und die ganze That des Judenthums bestehen!... Mögen dann immerhin die Zerstreuten Israels Glieder der Staaten und Völker sein, schaffen und wirken daselbst, bis dereinst ein Ruf sie zusammenführt — das Judenthum hat dann seinen festen Wohnsitz, sicher vor allen Schwankuugeu und Strömungen der Zeiten, sicher vor Untreue und Abfall. So wachet auf, Ihr Schlummernden, erhebt Euch, Ihr Trägen, und die Ihr vorgebet, begeistert zu sein für das Erbe Eurer Väter, sei es die Lehre, sei es die Satzung — ermuntert Euch, gürtet Eure Lenden mit Kraft, ziehet Sieg an — ein Weib verkündet es Euch, aber der Mund des Herrn hat es gesprochen — ein Weib führet Euch, aber die Hand des Herrn ist es, die Euch leitet!" ... So sprach sie; ihre Stimme wurde immer tönender, ihre Gestalt richtete sich immer höher auf, ihre Rechte begleitete die Worte mit edlen Bewegungen — es war ein unbeschreiblicher, hinreißender Anblick, und dieses hohe Bild prägte sich tief in meiner Seele ein, daß es niemals erlöschen wird. Jetzt wußte ich, wohin ihr Sinnen und Trachten gehe. Was sollte ich ihr antworten? Eine ruhige Betrachtung der Thatsachen und Verhältnisse war hier nicht mehr angebracht. Jede Gegenrede hätte ihre Heftigkeit nur vermehrt und konnte eine gefährliche Extase Hervorrufen. Aus dieser Verlegenheit rettete mich der Vater. Er mochte wohl nicht fern geblieben sein, daß er die laute Rede seiner Tochter hören mußte. Er eilte auf sie zu, schloß sie mit sanften Beruhigungsworten in seine Arme; sie wurde todtenbleich und sank an seiner Brust zusammen; ihre schwarzen Locken fielen über seine Schulter, und seine Thränen floß auf ihr schönes gesenktes Haupt. Dann führte er sie hinweg.