Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1867)
- Date
- 1867-09-03
- Page
- Seite 726 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226581-3226618--25305-3260801- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
726 ganze Menschheit verloren gehen werde; Sie riefen sogar ein Weh über alle diejenigen aus, welche zur Erlangung jener Gleichstellung und zur Förderung dieser Bildung innerhalb unserer Glaubensgenossen beitragen. Gestatten Sie mir jetzt, Ihnen Zwiefaches entgegen zu stellen." „Ich bin sehr begierig, dies zu vernehmen, und danke Ihnen im Voraus für Ihre Mühewaltung." Ich hörte es ihrer Stimme an, wie aufrichtig sie dies meinte, und konnte sogar einen leisen Seufzer vernehmen, der ihrer Brust entquoll. Es war nicht das erste Mal, daß ich bei Personen, welche von einer Idee beherrscht werden, die -sie außerhalb ihres eigentlichen Kreises versetzt, bemerkte, wie sie sich selbst davon bedrückt fühlen, mag diese Idee eine richtige oder eine fixe sein. „Lassen Sie mich zuerst bemerken, daß an dieser völlig veränderten Stellung und Beschaffenheit des jüdischen Stammes keine einzelnen Personen Schuld haben, daß sie vielmehr das Werk der göttlichen Vorsehung selbst ist. Wenn von dem festgestauten Eise sich eine Scholle losreißt, und bald andere, bald unzählige folgen, bis die ganze Masse sich in Bewegung gesetzt hat, kann dessen jene erste Eisscholle als Ursache bezüchtigt werden, oder nicht vielmehr der warme Wind, das Thauwetter, welche das Eis mürbe gemacht und gesprengt hatten? ... Die Gleichstellung aller Staatsangehörigen ist eine Forderung des Rechts und der Humanität, welche mit der wachsenden Cultur unausbleiblich war, welche das Gesetz Moses mit klaren Worten schon aufstellte, und die der moderne Staat als eine seiner Grundsteine in sein Fundament gelegt hat. Nicht die Juden selbst, sondern die Civilisation, dieses sittliche Werk der göttlichen Vorsehung, hat uns emancipirt. Nicht Mendelssohn und seine Jünger haben uns zur Cultur genöthigt, sondern diese wurden selbst dazu genöthigt, und mit dem ersten Schritt aus dem Ghetto war sie die unausweichliche Bestimmung derer, die aus ihm heraustraten." „Habe ich dies denn anders gesagt oder nur gemeint?" warf mir Amalie ein. „Hatte ich nicht vielmehr diejenigen im Sinne, welche den letzten Rest von Eigenthümlichkeiten in Cultus und Sitte fast mit Wuth verfolgen und zu vernichten streben, Eigenthümlichkeiten, welche weder der Gleichstellung noch der Cultur widersprechen, und welche doch auch den Boden bilden, aus dem maniberlei Tugenden unseres Stammes entsprossen sind?" „Nun, so stimmen wir hierin schon überein. Aber lassen wir die Personen ganz aus dem Spiele, und halten uns nur an die Sache. Ich ziehe daraus den Schluß, daß, wenn diese in der Geschichte des Judenthums völlig neue Erscheinung, wenigstens in ihrer Allgemeinheit und Ganzheit neue, nicht ein Werk der Menschen, sondern der Vorsehung ist, die sich freilich der Werkzeuge bedient; wenn in ihr die Forderungen des höchsten Rechts und der Menschenentwicklung enthalten sind und zur Befriedigung kommen: dann darf und kann man sich ihr nicht widersetzen, dann darf man sie auch nicht anders als von höchstem Werthe, als gut und recht, als von großem und glücklichem Erfolge schätzen, mag sie zeitlich oder dauernd auch mit einigen nachtheiligen Wirkungen verbunden sein. — Und dies führt mich zum zweiten, zum Hauptpunkte. Sie glauben, daß hiermit die Nationalität der Juden unter- und mit ihr das Judenthum verloren gehe. Sie sagten, wenn das Glas zerbricht, fließt der Wein auf den Boden, wenn die seidene Hülle des Luftballons zerreißt, verflöchtet sich das Gas. Aber diese Gleichnisse scheinen mir nicht passend gewählt; sie sind dem Todten entlehnt, und die Gotteslehre ist das Leben, die Quelle des Lebens. Wenn die grüne, stachlige Schale der Kastanie abwelkt und verwest, berstet sie, und die Frucht kommt wohlerhaltenheraus, dann, merken Sie wohl, hat sich unterdeß eine neue zartere, aber doch festes glänzende Schale gebildet. So geschieht es mit allen Erzeugnissen des Lebens. Darum, weil sie die alte, unbrauchbar und hindernd gewordene Hülle abwerfen, sind sie nicht erstorben, sind sie nicht den zersetzenden Elementen unterthan, sondern ihr entwickelter Kern hat sich eine neue, feinere und leuchtendere Hülle geschaffen, wie sie mit seiner jetzigen Beschaffenheit übereinstimmt. Nein! Was die Vorsehung sichtlich durch Jahrtausende erhalten, womit sie also einen großen und erhabenen Zweck verfolgte, das geht nicht unter, und wenn sie es in eine neue große Phase hinüberführt, so dürfen wir nicht so vermessen sein, vorauszusetzen, daß sie keine Mittel finden werde, es in neuer edler Gestaltung leben und wirken zu lasten." Amalie schien in tiefes Sinnen versunken: sie saß, das Antlitz von mir abgewandt, die Lider gesenkt, regungslos da. Ich fühlte mich ermuthigt, noch Folgendes hinzuzufügen. „Ich könnte Ihnen dieses Alles mit vielfachen geschichtlichen Belegen erweisen. Wir brauchen unfern Blick nur auf jene erste große Wandelung im Geschicke unseres Volkes zu richten. Der Tempel sank in Trümmer, doch die Synagoge stand schon fest gegründet da; das Volk wurde über die ganze Erve zerstreut, doch die Flüchtlinge fanden überall längst gesicherte Gemeinden, welchen sie sich anschließen konnten; vor Allem war es der Geist der Glaubenstreue und der Gesetzeserkenntniß, der viel zu tief in den Söhnen Israels wohnte, als daß ihn Feind und Geschick daraus zu verdrängen vermochte. Aus Jerusalem getrieben, baute er sich seine Stätten in Jamnia, Sepphoris, Tiberias und in den babylonischen Städten auf. Aber wenden wir uns vielmehr einer andern Betrachtung zu. Kann man wirklich, was unsere Väter seit dem Falle Jerusalems besaßen, eine Nationalität nennen? Ein gemeinsames Land, selbst wo sie nur in Hauptgruppen zusammen säßen, hatten sie nicht, eine gemeinsame Sprache auch nicht, ihr eigenes Rechtsleben wurde ihnen nach und nach und Stück für Stück genommen. Vielmehr war es doch nur das religiöse Bekenntniß, welches die Zerstreuten verband. Aber der Schwerpunkt dieses Bekenntnisses lag ihnen in der großen