Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1867)
- Date
- 1867-09-03
- Page
- Seite 728 (sequence 20)
- Language
- German
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728 Eine Stunde später befand sich der alte Gottheil bei mir, um eine ernstliche Besprechung über den Zustand seiner Tochter mit mir; zu Pflegen. Ich bat ihn zunächst, mir einigen Aufschluß über die Entwicklung dieser eigenthümlichen Ideenwelt in der Seele dieses von der Natur so reich ausgestatteten Mädchens, über ihre Erziehung und ihren Bildungsgang zu geben. Ach, Eltern wissen gar wenig von ihren Kindern! Diese erscheinen vor den Eltern immer in einem Verhältniß, welches deren ganzes inneres Leben nicht offen legen läßt, so daß die eigenthümlichsten Regungen des Kindes viel mehr im Umgänge mit Altersgenoffen zu Tage treten, als vor den Augen der Eltern. Diese bilden immer eine beurtheilende, lohnende und strafende Instanz, wenigstens werden sie also von den Kindern unbewußt angesehen, als daß sie sich vor Jenen ganz unverhüllt zeigen sollten. Eltern müssen daher ganz feine, sorgfältige und beharrliche Beobachter sein, wenn sie in den Geist ihres Kindes einen liefern Einblick gewinnen wollen, und zu einer solchen Beobachtung macht sie die Gewohnheit, der Schlendrian des Lebens weniger geeignet, als den Fernerstehenden. Und endlich, welches Vater- und Mutterherz wiegt sich nicht gern in Vorurtheilen, Hoffnungen und schönen Erwartungen über sein Kind, sieht nicht seine Vorzüge im hellsten Lichte und gießt die Strahlen der Erleichterung und Entschuldigung über seine Schatten? Fürwahr, es ist nicht leicht, in die Seele eines anderen Menschen einzudringen, die verborgenen Triebfedern und Motive ihrer Entwicklung und Fortbildung zu erkennen, selbst wenn beide sich noch so nahc^tehen — es sind zwei Herzen, die in getrennter Br ust schlagen, und der Weg durch Auge und Ohr ist lang und mit vielen Schwierigkeiten beschwert. Niemand findet sich daher öfter getäuscht, als Eltern über ihre Kinder. Auch Gottheil wußte mir nur wenig über seine Tochter mitzutheilen. Nach dem frühzeitigen Tode seiner Frau' hatte eine Schwester von ihm die Leitung seines Hauses übernommen, eine ältliche-, feine, taktvolle, pflichtgetreue und sehr streng orthodoxe Dame, die unverheirathet geblieben. Da die Schulen des Ortes von niedriger Stufe und schlechter Beschaffenheit waren, so wurde der Unterricht der Kinder durch Hauslehrer geleitet, in deren Wahl man oft glücklich, oft unglücklich gewesen, und deren Aufenthalt im Hause oft nicht lange währte. Amalie war ungefähr fünfzehn Jahre alt, als auch diese treue Pflegerin ihrer Kindheit verstarb. Sie ließ es sich nicht nehmen, dem Hauswesen fortan selbst vorzustehen, und in welcher Weise sie dies that, lehrte der erste Blick, den man in dieses Haus warf. Dabei war sie unermüdlich in ihrer Fortbildung und füllte ihre Mußestunden mit Lektüre und Studium aus. Die Stellung, die Herr Gottheil in dem Städtchen einnahm, war, wie ich schon oben erwähnte, trotz seiner menschenfreundlichen Handlungsweise, trotz seiner Urbanität, wenn auch nicht für seine Person, doch für seine Familie eine einsame und gesonderte. Amalie lebte daher ganz in ihrem Hause und hatte nur wenige Beziehungen nach Außen. Besuche auswärtiger Verwandten und Freunde waren eine gern gesehene und doch wiederum nicht sehr vermißte Unterbrechung dieses Stilllebens, das noch vermehrt ward, als ihr Bruder nach der Residenz in die Schule und dann in die Lehre kam. Gottheil war.eine durchaus sittliche Natur, und hegte die innigste Ueberzeugung, daß der Boden echter Sittlichkeit allein die Religion sei. Bei dem Mangel an Gottesdienst und aller religiösen Anregung und Belehrung in diesem Städtchen suchte er diesen für seine Tochter dadurch zu ersetzen, daß er Alles anschaffte, was in der jüdischen Literatur in deutscher Sprache erschien, wobei er freilich weder Muße noch Fähigkeit besaß, eine unterscheidende Auswahl zu treffen. Amalie vertiefte sich in diese Lektüre, und bildete sich daraus Ansichten und Urtheile. »Fortsetzung folgt.» Kuriosa. Der „N. Z." schreibt man aus Rom vom 30. Juni: Bei der Heiligsprechung, die heute vor sich ging, fand auch eine große Prozession statt. „In dieser wurden auch die sogenannten Stendardi, das heißt die den neu kreirten Heiligen geweihten großen Bilder viereckiger Form, von 20 Fuß Höhe, einhergetragen; die Quasten der Seile hielten, dem Gebrauch gemäß, Postulanü ihrer Heiligsprechung oder Verwandte der Heiligen, wenn es deren gab. Die Bilder waren trefflich ausgeführt. Als die Standarte des Pedro Arbues, jenes furchtbaren spanischen Ketzerrichters, welchen verzweifelte Juden, den Flammentod von Hunderten ihrer Brüder zu rächen, am Altar von Sevilla erdolchten, *) aus den Kolonnaden heraustrat, blähte sie der Wind auf, und sie sank auf die Erde nieder, was die Prozession verwirrte. Ihr. Zusammensturz mochte manchem Ketzer als die Bestätigung jener Urtheile erscheinen, welche sich in der Presse Deutschlands und Italiens gegen die Seligsprechung jenes Inquisitors bereits erhoben haben. Die Fahne ward mit Mühe wieder aufgerichtet und wandelte langsam weiter. Auf ihrer Rückseite stellte ein. ausdrucksvolles Gemälde die Ermordung des Inquisitors durch zwei Hebräer dar. *) Die Geschichte bezeugt, daß die Hauptverschworenen nicht bloß Marranen, sondern aragonesische Edelleute von höchstem Rang waren. Redakt. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B4 Hirschseld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.