Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1867)
- Date
- 1867-09-03
- Page
- Seite 725 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Fmiiletm-Leilage M Nr. 36. Leipzig, den 3. September 1867. Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. l Fortsetzung.) Als ich am andern Morgen die Räume des Hauses durchschritt, bewunderte ich die außerordentliche Sauberkeit und behagliche Einrichtung, welche das ganze Haus auszeichneten , fern von aller Eleganz und allem Luxus und doch alle Wünsche befriedigend, ja wie ihnen zuvorkommend. Es verrieth sich überall ein feiner, weiblicher Takt, der doch nur der Tochter des Hauses angehören konnte, und welcher ihr um so höher angerechnet werden mußte, als sie ohne mütterliche Obhut, ohne mütterliches Beispiel erzogen worden. Wie sehr kontrastirte diese Ruhe und Friedlichkeit mit der fast wilden Leidenschaft, die am Abend vorher bei diesem wunderbaren Mädchen zum Ausbruch gekommen! — Es fiel mir hierbei abermals auf, wie sehr doch die Erfahrung allen allgemeinen Grundsätzen, welche an sich so richtig, so logisch richtig sind, allzuhäufig widerspricht. Es bedarf nicht großer Menschenkenntnis um bei einiger Beobachtung nach dem Eintritt in ein Haus ans den Charakter seiner Bewohner schließen zu können. Ich möchte sagen, die Luft, die aus einem Hause Einem anweht, sagt ihm schon, was er von denen zu denken habe, die darin ansässig sind; das Treiben in demselben, die Rühe oder Unruhe, die Art, wie gesprochen und gerufen wird, wie befohlen nnd gehorcht wird, sie geben uns die Fühlung für die Personen, welche uns in ihm entgegentreten werden. Wer hätte nun nicht in dieser ungesuchten Nettigkeit, in dieser angenehmen Einfachheit, in diesem Frieden, der durch den Geschäftsverkehr nicht gestört ward, weil dieser in ein Nebenhaus verlegt war, den Erweis zu finden geglaubt, daß eine völlige Harmonie, ein lieblicher Lebenseinklang nicht blos zwischen den Personen unter einander herrschen müsse, sondern auch in den Geistern selbst? Und dennoch deckte alles dies einen verborgenen Sturm, welcher das Lebensglück dieser Menschen, die sich so überaus liebten, zu zerschellen drohte, ungleich der See, in deren Tiefe unerschütterliche Stille waltet, während ihre Oberfläche in Wogendrang und Brandung schäumt... Aber das Leben ist vielgestaltig, und knüpft die Gegensätze allzuoft unmittelbar aneinander. Als ich in das Besuchzimmer eintrat, fand ich Amalie darin allein, beschäftigt, die letzten Stäubchen von den Möbeln zu entfernen. Sie war in ein einfaches Morgengewand gekleidet, in welchem ihre hohe Gestalt, ihre schönen Formen, ich möchte sagen ihre siegende Schönheit nur um so mehr hervortraten. Sie beantwortete meinen Gruß in förmlicher, ja kalter Weise, und ich glaubte in ihrem Blicke gar etwas von Mißachtung zu bemerken, wenigstens nichts von der freudigen Hochachtung, welche mir Abends zuvor bei meiner Ankunft daraus entgegenleuchtete. Das war nun freilich nicht sehr schmeichelhaft für mich, half mir aber gerade über alle Förmlichkeiten und Umschweife hinweg, so daß ich unverzüglich aus mein Ziel losgehen konnte. Was zwischen ihr und mir zu liegen schien, konnte nur aus dem gestrigen Austritte hervorgegangen sein und berechtigte mich also, sofort darauf zurückzukommen. „Liebes Fräulein," begann ich, indem ich näher an sie herantrat, „ich hatte gestern Abend die Gelegenheit, Ihre edle Begeisterung für die uns gemeinsame Sache des Judenthums, den bedeutsamen Schwung. Ihres Geistes zu erkennen, und da vermag ich nicht, an solcher Erscheinung vorüber zu gehen, ohne zu versuchen, mich mit Ihnen über die Differenzpunkte auszusprechen, welche zwischen uns zu liegen scheinen. Wie Sie sich aussprachen und was Sie sagten, erwies mir, daß es nicht ein Erzeugniß des Augenblickes, sondern eine feste Ueberzeugung Ihrer innersten Seele ist. Werden Sie erlauben, daß ich etwas naher darauf eingehe?" Diese im einfachsten Tone gesprochenen Worte schienen auf sie erregend zu wirken; ihre Augen begannen zu leuchten, ihre kalten, fast marmornen Züge belebten sich und mit einem freundlichen Lächeln dankte sie mir: „Ach Sie kommen meinen Wünschen entgegen, Herr Rabbiner. Sie verpflichten mich sehr." Dabei bat sie mich, auf dem Sopha mich niederzulassen und nahm neben mir Platz. „Ich werde Ihren Worten lauschen." „Sie meinten gestern Abend, daß durch die bürgerliche Gleichstellung und durch das Aufgehen in das allgemeine Culturleben die Juden ihre Nationalität verlieren; daß aber der Bestand der Gotteslehre fort und fort an diese geknüpft sei und daher mit dem Untergange jener, nicht blos für die Juden, sondern auch für die