Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1867)
- Date
- 1867-09-03
- Page
- Seite 710 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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710 strengsten Observanz des tradirten Gesetzes, in der daraus erflosfenen Uniformität der Sitte und Lebensart, zugleich in der Abgeschlossenheit vom allgemeinen Leben und der allgemeinen Cultur und in der Gleichheit der Verhältnisse und des Geschickes. Wenn auch zwischen den einzelnen Riten, in den gottesdienstlichen Formen, einzelnen Gebeten und Sitten Verschiedenheiten stattfanden, so waren diese doch nur wenig bedeutend gegen die anderweitigen Momente der Einheit und der Einförmigkeit. So kam es, daß jede Gemeinde nur das Abbild einer und derselben Gestaltung bot, daß das Ganze trotz des Mangels alles Zusammenhangs und jeder Organisation eine Einheit war. Anders ward es, seitdem während des letzten Jahrhunderts eine großartige Entwicklung innerhalb der jüdischen Masse und in Folge dessen auch innerhalb des Judenthumes selbst entstand und schnelle Fortschritte machte. Wir brauchen hier auf die Motive, den Gang und die Consequenzen dieser bedeutungsvollen und mächtigen Erscheinung, auf ihre Vorzüge und Nachtheile nicht näher einzugehen, aber eine natirrliche Folge war es, daß sehr verschiedene Richtungen in religiöser Beziehung eingeschlagen wurden, daß die g esa m m te Masse der Judenheit auf einen anderen Standpunkt allmälig gerückt ward, von diesem aus aber die Menge der Individuen ungleichartige Wege betraten, Lebensart und Sitte in verschiedenen Stufen sich ihres früheren religiösen Charakters entledigten, Veränderungen allerlei Art im Cultus vorgenommen wurden, sich Parteien bildeten, von denen einige sich schroff gegenüber stehen, und der religiöse Jndifferentismus eine große Zahl von' Individuen ergriff. Jetzt erst trat die Zersplitterung der jüdischen Masse mit erkennbaren Thatsachen ans Licht. Selbst die Aufnahme in den staatsbürgerlichen Verband mußte eine gewisse Trennung zwischen den Juden der verschiedenen Länder und Staaten bemerklicher machen. Kurz es droht dem Judenthmn eine Zerfahrenheit, welche seinem Bestände zwar niemals eine wirkliche Gefahr, wohl aber außerordentliche Schäden für das Ganze wie für die Einzelnen bereiten wird. Wie aber jede nachtheilige Erscheinung, wenn sie anfängt, sich besonders fühlbar zu machen, Gegenbestrebungen hervorruft, welche ihr abzuhelfen suchen: so auch hier. Einen gewissen einheitlichen Verband den Bekennern des Judenthums wieder zu schaffen, war der Gedanke, aus welchem die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" entsprang, wodurch die periodische jüdische Presse entstand, welche das Mittel der geistigen Vereinigung unter den Glaubensgenossen der entferntesten Welttheile abgiebt. Aber es bedarf noch anderer und unmittelbar wirkender Mittel, und ein solches ist die allgemeine jüdische Synode, besonders wenn sie periodisch nach längerem oder kürzerem Zeitraum wiederkehrt. Als den wahren Zweck einer solchen Synode können wir also nur die Belebung und Bethätigung der religiösen Verbindung, der religiösen Einheit, der religiösen Zusammengehörigkeit aller Bekenner des Judenthums im Judenthum anerkennen. Wir haben daher zwei von vornherein ausgeschlossene Momente zu betonen: 1) daß die Synode mit nichts als Religiösem, besonders also mit keinem politischen, industriellen, überhaupt materiellen Zwecke zu thun hat, 2) daß sie in keinerlei Weise einen Gewissenszwang, eine Beschränkung der persönlichen Freiheit üben dürfe. Dies vorausgesetzt, hat sie in ihrer Tendenz aufs strengste eben von dem auszugehen, was die geistige Einheit im Judenthume enthält, belebt, bethätigt. Dies muß ihr Lebensmittelpunkt sein. Sie darf nicht von ver Peripherie ausgehen, und die einzelnen, offenbar gewordenen Differenzpunkte zu beseitigen suchen, um von da aus mühsam zu den Vereinigungspunkten zu gelangen; sie darf dies nicht, weil sie damit die Zerfahrenheit nur vermehren und Gewissenszwang üben und hiermit von vornherein scheitern würde. Sondern sie muß vor Allen die Einheitsmomente aufsuchen und feststellen, um diese Alle schaaren, für diesen immer weiterer Ausdehnung wirken, Institutionen und Anstalten ins Leben rufen, und in diesem Geiste und Sinne dem Fortgange ihrer eigenen Entwickelung, der Kraft des jüdischen Geistes und dem Schutze der göttlichen Vorsehung, der sich an Israel so wundersam fort nnd fort erweist, vertrauen. Wir werden dies, sobald wir erst die Gewißheit haben, daß dieser Gedanke überall Anklang findet und der Verwirklichung näher treten wird, ausführlicher und konkreter besprechen. Hieraus schon ergeben sich mehrfache Bedingungen einer solchen Synode. Sie muß eine freie sein, d. h. jeder Jude, welches Landes und Standes er auch sei, muß daran theilnehmen können. Es sind daher zu ihr aus allen Ländern und Welttheilen die Bekenner des Judenthums einzuladen. Es versteht sich von selbst, daß es wesentlich darauf ankommt, daß eine große Zahl hervorragender Glaubensgenossen und zwar auS vielen verschiedenen Ländern sich in der Synode zusam-