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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-08-27 · Heft 35 (27.8.1867) · p. Seite 707

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 35 (27.8.1867)
Date
1867-08-27
Page
Seite 707 (sequence 15)
Language
German
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707 das Holzgerippe mit dem Nachen und all' seinem Inhalt hinunterstürzen und zerschmettert und zersplittert auf den Boden fallen? Ja, es werden immer noch mehr Heroen der Wissenschaft aus den Juden hervorgehen, und vom Judenthume abfallen; immer mehr Künstler aus ihnen entstehen, und sich taufen lassen; die Masse wird immer gebildeter werden, und immer religionsloser, immer mehr den Völkern gleichen, unter denen sie leben, und aufhören Juden zu sein. Glaubt Ihr, das Judenthum bleibe bestehen, wenn die Juden entnationalisirt sind? Kennet Ihr die Geschichte des Judenthums so wenig? War es nicht an die Nation gebunden, von. seinem Beginne an? Hätte es das Mittelalter überdauert, wenn die tausendfach zersplitterten und zerstreuten Juden mitten unter den Völkern ihre Nationalität nicht bewahrt hätten? O ihr beschränkten Männer! Wieder ist eine Zeit gekommen, wo sie Augen haben, und nicht sehen, Ohren, und nicht hören, Herzen, und nicht verstehen. Die Gotteslehre ist in Gefahr. Sie wird verschwinden von der Erde, wenn Juda verschwindet von dieser; sie wird in die Lüfte zerfahren, wenn Israel zu einem hohlen Luftgebilve geworden. Dann kehrt die Nacht des Aberglaubens, des Wahnes und der Geistesverwirrung zurück und legt sich mit verdoppelten Schatten über den ganzen Erdball. Ein Weib muß es Euch sagen, und es wird es Euch sagen. Debohrah mußte den Barak zwingen zum Siege; Judith mußte dem Holophernes das Haupt abschlagen. Ein Weib muß es thun, wenn der Arm der Männer schwach geworden und ihr Herz feige, und sie noch Helden zu sein glauben, wenn sie sich dem Sieger blindlings unterwerfen. Wehe den Zerstörern, in ihren zerfallenen Häusern werden die Füchse wohnen!" So ungefähr sprach sie; wie könnte ich den ganzen Strom ihrer Rede beschreiben, wie den Klang ihrer Stimme, in welcher die höchste Leidenschaft fibrirte, mit Worten schildern! Ihre Wangen waren bleicher geworden als vorher, ihr Arm zitterte, mit dem sie sich auf den Tisch stützte; aber ihre Gestalt war hoch aufgerichtet, ihre Stirn leuchtete unter dem rabenschwarzen Haar, ihre Augen sprüheten Flammen. Als sie geendet, wandte sie sich mit einer unbeschreiblichen Hoheit ab, und schritt zum Zimmer hinaus. Ich war tief betroffen, ergriffen, erschüttert. Meine Hände sanken mir in den Schoß, meine Augen starrten nach dem leeren Platze, wo sie gestanden, von wo sie verschwunden. Ich verfiel in tiefes Sinnen. Nicht sowohl ihre Worte, wie ihre ganze Erscheinung hatte mich in große Verwirrung gestürzt. Sie stand noch wie ein gewaltiges Näthsel vor meiner Seele, und mir fehlte der Schlüssel zu diesem erhabenen Geheimniß. Nach einer Pause sprach der alte Gottheil mit leiser, zitternder Stimme zu mir, und die Thränen rannen von seinen durchfurchten Wangen herab: „Was sagen Sie hierzu, Herr Rabbiner?" Ich faßte mich und erwiederte: „Es wohnt eine mächtige Seele in der schönen Hülle Ihrer Tochter. Welch' eine Erhabenheit der Gesinnung, welcher Schwung der Gedanken, welche Tiefe .der Empfindung! Aber sie ist irre gegangen.. ." „Irre gegangen — antwortete der bekümmerte Vater mit matter Stimme, Sie haben Recht. Die edle, göttliche Seele meines Kindes ist irre gegangen. O Sie sollten sie näher kennen! Jetzt wissen Sie, warum ich Sie ersucht, hierher zu kommen. Vielleicht können Sie Einfluß auf sie gewinnen, vielleicht mir einen Rath, eine^. rettende Hülfe bieten. Ich will Ihnen von ihr erzählen. . „Nein, unterbrach ich ihn, sagen Sie mir jetzt Nichts. Ich muß ihre jetzige Ideenwelt erst ganz kennen lernen, ihre Gedanken, ihre Absichten und Fantome vollständig ermessen. Dann erst, von diesem Gesichtspunkte aus, will ich in ihre Vergangenheit rückwärts schauen. Was ich eben gehört, giebt mir genug zu denken. Morgen früh will ich mit ihr sprechen." Ich hob das Tischgebet an; unbewußt entfloß es meinen Lippen mit seltener Weihe und Inbrunst; der junge Mann war still, in sich gekehrt; der Vater bedeckte das Gesicht mit seinen Händen, und Seufzer entquollen seinen Lippen. Ein Händedruck, und wir schieden für die Nacht. (Fortsetzung folgt.) Kant's Briese an Moses Mendelssohn. Der große Kant, der den Nerv spekulativer Erkenntuiß unbarmherzig durchschnitten, dem Menschen auf praktischem Gebiete seine Freiheit wiedergegeben hat, sein Grundsatz: „Ich bin frei, ich bestimme mich nur durch mich selbst. Nichts, die Natur nicht, der Mensch nicht, vermag Etwas über meinen Willen!" schlug wie ein Blitzstrahl in ein nach Freiheit und Emancipation dürstendes Volk. Seine Philosophie fand unter den Juden viele Anhänger und viele von Ihnen verehrten den berühmten - Lehrer, so wenig er auch sonst Freund der Juden war. Die Friedländer, Seligmann, die ersten jüdischen Familien Königsbergs, verkehrten mit ihm, und mancher wissensdurstige junge Mann im polnischen Rocke fand bei ihm freundliche Aufnahme. Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, daß er auch mit Moses Mendelssohn in Correspondenz stand, und dürste es für viele Leser nicht ohne Interesse sein, hier einige Briefe zu finden, welche er an den jüdischen Philosophen in Berlin richtete. Hören wir gleich das erste Schreiben des „Privat- Docenten" Kant an Herrn Moses Mendelssohn in Berlin vom 7. Februar 17 66: Mein Herr! Es gibt keine Umschweife von der Art, wie sie die Mode verlangt, zwischen zwei Personen, deren Denkungsart durch die Aehnlichkeit der Verstandesbeschäftigungen und die Gleichheit der Grundsätze einstimmig ist. Ich bin

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