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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-08-27 · Heft 35 (27.8.1867) · p. Seite 706

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 35 (27.8.1867)
Date
1867-08-27
Page
Seite 706 (sequence 14)
Language
German
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706 Last auflegen kann, warum soll man es nicht thun? Aber sehen Sie sich doch einmal den geselligen Verkehr an! Finden Sie da nicht noch immer die schroffeste Spaltung? Mögen sich die Juden cultiviren, wie sie wollen, die schönste Bildung, die geselligsten Talente sich erwerben, man läßt sie in das Haus, wenn man sie nöthig hat, und weist sie höflich oder unhöflich hinaus, sobald dies aufgehört hat. Mein Vater," und die Stimme begann einen Ton des Zornes und tiefer Entrüstung anzunehmen, „ist ein Bürger dieses Städtchens, wie kein zweiter sich darin befindet. Er hat für dasselbe Großes gethan, für dessen hungernde Bevölkerung Arbeit und Verkehr gebracht, seine Schulen unterstützt, den Bedürftigen Hülfe geleistet in freigebigster Weise. Aber als vor zehn Jahren ein Bürgercasino sich hier bildete, nahm man einen Paragraphen auf, der die Juden ausschließt. Nun, es war auf meinen Vater gemünzt, denn es wohnte zartem anderer Jude in dem erbärmlichen Neste. Sie werden sagen, das Jahr 1848 habe die Dinge geändert, da es die faulen Sümpfe in Deutschland in eine neue Bewegung gebracht. Es schien so, denn in der seligen Bürgerwehr schulterten auch mein Vater und seine Commis ihre alten Gewehre; und man sah sie gern, fielen doch dann und wann einige Seidel Bier für die ärmeren Schlucker unter den tapferen Combattanten dadurch ab. Die edle Bürgerwehr ist sanft entschlafen und vor einigen Monaten entstand hier ein Schützenverein. Nun, was meinen Sie? 'Die Gevatter Schneider und Handschuhmacher, die sich mit Mühe einen rothen Streifen auf die Achseln ihrer Röcke näheten, wiesen mich ab, und wollten ihre noblen Reihen durch mich nicht entchristlichen lassen! In der That, der Herr von Westphalen hat Recht: der Artikel 12 möge in der preußischen Versasiung stehen bleiben, steht er doch nicht im Herzen des Volkes, und da ist jedes Wort überflüssig, das ihn von dem geduldigen Stück Papier löschen will." Dies waren freilich bittere Erfahrungen und der junge Mann that mir leid, daß er sie hatte machen müssen. Jetzt war mir auch erklärlich, warum er so unumwunden darüber gesprochen, daß er in dieser Stadt nicht bleiben werde. Dennoch konnte ich ihm die Antwort nicht schuldig bleiben. „Dies find freilich eklatante Beispiele, erwiderte ich, die sich nicht wegdisputiren lassen. Aber sie werfen ihren ganzen Schatten doch nur auf diesen kleinen entlegenen Fleck Erde, der in seiner Entfernung von der großen Welt alle Borurtheile und Gehässigkeiten der früheren Zeit beibehalten hat, wozu wahrscheinlich der giftige Neid auf den Flor Ihres Hauses nicht wenig beiträgt. Er ist eben, um mit Ihnen zu reden, ein Sumpf, über welchen der Sturm von 1848 hinweggezogen, ohne mehr als auf einige Augenblicke die Oberfläche kräuseln zu können: der Sturm ist dahin, und der Sumpf steht wieder bewegungslos und mit grünem Schlamm überdeckt. Aber blicken sie ein wenig weiter in die Welt hinaus, und Sie werden sehen, daß doch die Sonne auch scheint, und aus vielen großen Theilen der Welt die dunklen Wolken verscheuchthat. Solche Dinge, wie hier, sind an vielen Orten bereits unmöglich, und es liegt nicht selten an unseren Glaubensgenossen selbst, wenn sie abgeschlossen bleiben. Im Ganzen darf man von einer Spanne Zeit nicht zuviel auf ein Mal fordern. Auch die Zeit will Zeit haben, auch die Zeit der Aufklärung, bedarf beharrlicher Ausdauer, um den Schutt der Jahrhunderte nach und nach Hinwegräumen zu können; und unsere Zeit hat der großen und wichtigen Aufgaben so viele zu lösen, daß wir nicht verlangen dürfen, auch nur eine derselben sofort vollständig gelöst zu sehen. Thun wir nur unserseits unbehindert und unentmuthigt unseren Theil. Fahren wir fort, in Wissenschaft und Kunst, in Handel und Gewerbe nach dem Besten zu streben, die Ecken und Schärfen unserer Sitte und Erscheinung abzuschleifen, in Gottesfurcht und Wohlthätigkeit den edelsten Gang zu gehen, an den Geschicken des Vaterlandes patriotischen Antheil zu nehmen, für die Commuuen aufs Beste zu wirken, und wir werden die Schwierigkeiten vor uns immer mehr schwinden sehen. Im Sinne unserer Weisen können wir vertrauen, daß das Gute auch das Gute immer mehr nach sich zieht, und daß Versöhnlichkeit und Recht den Gegner mit der Zeit immer entwaffnen." Ich hatte meine Worte an den jungen Gottheil gerichtet, und weder auf den Vater noch auf unsere Zuhörerin gesehen. Als mein Blick jetzt jenen streifte, sah ich auf seinem Gesichte eine große Bewegung und eine tiefe Traurigkeit ausgeprägt. Spannung und Schmerz drückten sich gleicherweise darin aus. Aber ich hatte keine Zeit, dabei zu verweilen., denn plötzlich vernahm ich die wohlklingende, doch tiefe und starke Stimme des jungen Mädchens, ich wandte mich zu ihr und sah mit Erstaunen, daß sie sich von ihrem Sitze erhoben, die rechte Hand auf den Tisch gestützt, daß eine hohe Röthe ihre Wangen überzogen hatte, daß ihre Augen weit geöffnet waren und eine volle Gluth ausströmten. „Das Recht steht auf Ihrer Seite, Herr Rabbiner, rief sie mit tönender Stimme aus, was in der Menschheit begonnen, vollendet sich auch. Die Juden werden. zu ihrem Ziele gelangen: sie werden emanzipirt sein in allen Ländern. Die Juden werden zu ihrem Ziele gelangen: sie werden aufgehen in die Nationen und jede Schranke fallen, und jedes Merkmal verlöschen und jeder Unterschied verschwinden. Aber was dann? Habt ihr Euch diese Frage vorgelegt, ihr Männer? Haben Sie, Herr Rabbiner, der Sie ein Träger und Verkünder des göttlichen Wortes sein wollen, sich diese Frage niemals vorgelegt und sie wahr und aufrichtig sich beantwortet? Wenn das Glas, das vor Ihnen steht, zerbricht, glauben Sie, daß Sie den Wein zusammenhallen werden, oder wird er sich über dieses Tuch ergießen und auch aus diesem auf dem nächsten Rasenplatz verschwinden? Glauben Sie, wenn Sie die seidenen Hüllen von dem hochschwebenden Ballon abreißen, werde das Gas zusammen geballt bleiben und noch weiter die Lüfte durchfahren, oder wird

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