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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-08-27 · Heft 35 (27.8.1867) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 35 (27.8.1867)
Date
1867-08-27
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Audcnthums. FeniUetoll-Leiiage M Nr. 35. Leipzig, den 27. August 1867. Aus den Papierm eines jüdischen Seelsorgers. l Fortsetzung.) Bis jetzt war mir das Räthsel meines Hierseins noch nicht gelöst, allein ich folgte unbefangen der Aufforderung zum Mahle, denn die lange Fahrt und der Nordwind hatten meinen Appetit geschärft. Das junge Mädchen saß mir gegenüber, und ich blickte oft genug in ihr schönes, edles und bedeutendes, aber doch so blasses Antlitz und auf ihre niedergeschlagenen Augenlider; sie merkte es nicht und nahm sehr wenig von den Speisen, denen wir drei Männer so wacker zusprachen. Nach dem ersten Glase Wein begann das Gespräch lebhafter zu werden, von welchem allerdings der junge Gottheil den größeren Theil übernahm. Es gewann bald eine bestimmte Richtung, und welche andere konnte dies sein mir gegenüber, als Judenthum und Juden? Der junge Mann war im Frühling in Berlin gewesen und hatte da der denkwürdigen Sitzung vom 6. März beigewohut, *) wo im preußischen Abgeordnetenhause über den berüchtigten Antrag Wagener's, den Artikel 12 , d. i. die Gleichberechtigung und die Gewissensfreiheit aus der preußischen Verfassung zu streichen, diskutirt wurde. Er erzählte viel von den Eindrücken, die er dort empfangen. Ja, sagte er, ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß es mit der sogenannten Emancipation der Juden noch eine sehr lange Weile habe. Merkwürdig freilich war es, die Herren Wagener und von Gerlach, den Antragsteller und den Berichterstatter, und ihre Anhänger' zu sehen, wie niedergedonnert sie waren und nicht einmal das Wort zu ergreifen wagten. Aber wie lau wiederum war die Vertheidigung der Gewissensfreiheit seitens der Majorität; wie lau die Rede des Grafen Schwerin, der die Tagesordnung beantragt hatte, und wie phrasenreich der redselige Reichensperger, der durchblicken ließ, daß er seinerseits den Juden die gleichen Rechte richt bewilligen würde, aber den Artikel 12 nicht schwinden lassen könne, weil dieser auch den Katholiken das volle Recht verbürge. Aber Alles dies reichte nicht an die widerwärtige Empfindung, die mich beschlich, als der Minister des Innern, Herr von Westphalen, hierauf das Wort ergriff, und mit der Tagesordnung sich einverstanden erklärte, weil die Regierung ja auch mit dem Artikel 12 schon fertig werde, ohne die Juden zu einem Staatsamte zuzulaffen, da man das Judengesetz von 1847 als Spezialgesetz aufrecht erhalten müsse, möge die Verfassung sagen, was sie wolle. Mebr oder weniger, Herr Rabbiner, ist dies das Schicksal aller Emanzipationsgesetze: sie stehen auf dem Papiere, aber die Machthaber wissen mit einiger Geschicklichkeit der Sache aus dem Wege zu gehen, und, was das Schlimmste ist, finden hierfür bei dem Volke den besten Anklang; denn ich lasse es mir nicht nehmen, selbst die Liberalen vertheidigen die Gleichberechtigung nur aus ihrem Prinzips heraus, weil sie es nicht anders können. Kämen sie zur Macht, würde es in der Wirklichkeit bleiben, wie es war. Ich konnte mich mit dieser Ansicht nicht übereinstimmend erklären. Ich hielt den Vorgang in der preußischen Kammer nicht für erfolglos. Es galt die Rettung des Prinzips, und dies war durch den Angriff erst recht befestigt worden. Jetzt gelte es die Verwirklichung, und diese müsse Schritt vor Schritt erkämpft werden. Wäre man einen Schritt vorwärts gekommen, so könnte dieser niemals wieder zurückgenommen werden. Dies sehe man schon daraus, daß selbst die feudalen Gegner die unbeschränkten bürgerlichen Rechte nicht anzutasten gewagt und ihren Angriff nur auf die staatsbürgerlichen gerichtet hätten. Es gäbe ja auch Länder, in denen die Verwirklichung mit dem Prinzipe sofort gekommen sei. In Deutschland rücke man nun einmal in allen Dingen nur langsam vorwärts, aber zum Ziele gelange man doch. Meine Meinung vom Volke wäre eine andere. Allerdings habe eine Strömung von oben immer einige Einwirkung auf dasselbe; im Ganzen aber wäre das Volk überall geneigt, den Juden die einmal erlangten Rechte weder zu bestreiten noch zu verkümmern. Dies erweise sich durch die zahlreichen Wahlen von Juden in die Stadtverordnetenversammlungen und selbst in die Abgeordnetenhäuser, und gerade in den großen volkreichen Städten am öftersten. „Dies beweist mir gar nichts, erwiederte der junge Mann. Wo man einen Juden brauchen und ihm eine *) Des Jahres 1856.

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