Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1867)
- Date
- 1867-08-27
- Page
- Seite 690 (sequence 2)
- Language
- German
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690 Kampf zweier großer Parteien, die in dem napoleonischen Cäsarismus zwar eine Zeitlang in Ruhe erhalten werden können, aber gerade in diesem Nahrung und Anreizung in fruchtbarer Weise beide finden. Die Verhältnisse in Deutschland sind so weit vorgeschritten, daß Niemand sagen wird, sie könnten hierbei für eine längere Zeit stehen bleiben. Ob die weitere Entwicklung eine friedliche sein oder zu neuen Waffenkämpfen führen werde, wer kann es wissen? Ist ihm doch' selbst der Kampf der Nationalitäten an seiner nördlichsten Grenze noch nicht beseitigt. Und dieser Kampf gerade ist es, welchen auszugleichen die unendlich schwierige Aufgabe des österreichischen Kaiserstaates ist. In Italien konnte die Frage um die weltliche Herrschaft des Papstes noch nicht gelöst werden und verbirgt einen Kampf, dessen Mächtigkeit nach dem Maßstabe des kleinen Gebietes, um welches es sich im Grunde handelt, nicht bemeffen werden kann. Rechts von Italien bietet Spanien das Bild eines Landes, das einem beständigen Erdbeben ausgesetzt ist, und wo jeden Augenblick der furchtbarste Ausbruch erwartet werden kann; und links von ihm ist das Verhältniß zwischen Griechenland und der Türkei das feindseligste, ist die Lage der nördlichen suzeränen Länder eine sehr bedrohliche; dort steht überhaupt die sogenannte orientalische Frage als ein dunkeles Gewölk an dem östlichen Himinel Europas. Die Vorsehung hat uns also einen Moment der Ruhe gewährt, ohne uns freilich die Befürchtungen für die Zukunft zu ersparen. Aber wenn auch der Mensch den Blick in seine Zukunft und für die kommende Gestaltung der Dinge niemals verschlossen halten darf, so ist doch der Moment der Gegenwart sein eigentlicher und realer Boden, auf welchem er zu schaffen und zu wirken, zu erwerben und zu genießen hat. Erfreuen wir uns daher mit vollem Bewußtsein dieser Zeit der Ruhe; verwenden wir sie aber auch gewissenhaft, um Recht und Gerechtigkeit zu stärken, das Bedürfniß nach Frieden immer mehr zu nähren und zu befestigen, die Interessen friedlicher Entwicklung immer mehr auszudehnen, und sie allen Völkern und allen Schichten des Volkes ins Herz zu pflanzen, Sittlichkeit und Religion, Bildung und Humanität mit allen Kräften zu fördern! Dies ist die Pflicht, welche uns gerade eine Zeit der Ruhe am meisten auferlegt. Analekten. 3. Prost Lotze über die Religion der Hebräer. Den Religionen und Philosophemen des gesammten Alterthums gegenüber läßt sich Lotze in dem schon zitirten Mikrokosmus (Bd. III S. 350) über die Religion Israels folgendermaßen aus: „Als den ersten unbewegten Beweger aller Dinge, als den werkthätigen Inbegriff der Ideen des Wahren, des Schönen und Guten hatte die griechische Spekulation Gott in ihren edelsten Vertretern kennen lernen; nur daß dem hellenischen Geiste, dessen einseitige Verehrung der Erkenntniß durch das Selbstgefühl seiner wissenschaftlischen Thaten unterhalten wurde, und dem Sünde nur als Jrrthum begreiflich war, eben jenes höchste Gut ohne eignen Inhalt in Schönheit und Wahrheit wieder zerfloß. Mit welcher Theilnahme wir immer dieses letzte religiöse Ergebniß der klassischen Welt betrachten mögen: groß als Frucht menschlischer Forschung gleicht es doch einem sehr bescheidenen Bache gegenüber dem vollen rauschenden Strome des Gottesbewußtseins, der schon lange vorher das Leben des hebräischen Volkes durchdrang und in der heiligen Poesie deffelben mit einer Mächtigkeit fluthete, gegen deren zweifellose Realität der höchste Schwung griechischer Ahnung als problematische Vermuthung erscheint. In einzelnen Zügen der Sage und der Sitte, in der künstlerischen und ceremdniellen Ausbildung des hebräischen Cultus mag die gelehrte Forschung Spuren ausländischer Einflüsse auffinden;*) den Kern ihrer religiösen Weltansicht haben die Israeliten völlig der Einwirkung der heidnischen Cultur entzogen, mit der sie zum Theil in langdauernder Berührung standen. Die naturphilosophischen Elemente, welche die Religionen des Orients verderblich überwucherten, sind fast völlig aus ihr verschwunden, ethische Ideen, die dem Leben jener andern Völker zwar nicht fremd waren, aber ihnen nicht *) Wir haben schon wiederholt nachgewiesen, daß diese ausländischen Einflüsse so unbedeutend sind, daß sie, wo sie zu konstatiren sind, mehr als zufällig denn als gewollt angesehen werden müssen. Denn im Gegentheil zeigt sich überall sehr klar der Gegensatz, welchen der mosaische Cultus zu dem ägyptischen einzunehmen entschieden beabsichtigte. Es kann daher hier viel eher von einem negativen Einfluß der Opposition als von einem positiven zu analoger Gestaltung die Rede sein. Die Redaktiou.