Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1867)
- Date
- 1867-08-20
- Page
- Seite 687 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226581-3226616--25264-3260758- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«87 der Schwager war froh, das Ziel erreicht zu haben und ließ eine heitere Melodie aus seinem Horne ertönen. Der Wagen fuhr vor einem stattlichen Hause vor; in demselben Augenblicke öffnete sich die Thüre, freundliche Worte kamen mir entgegen, und bald befand ich mich in einem wohldurchwärmten und erleuchteten Zimmer. Herr Gottheil selbst hatte mir den Wagenschlag geöffnet und mich hineingeleitet. Es war eine jener untersetzten nnd wohlbeleibten Gestalten, denen dennoch Raschheit der Bewegung und eine gewisse Gewandtheit sich nicht ganz entzogen hat; sein Gesicht hatte einen sanften, schwermüthigen Ausdruck und unter den vollen weißen Haaren war die Stirn von sichtbaren Furchen durchzogen. Auf dem Lande altern die Menschen schneller und merklicher, nicht bloß wegen des öftern Kampfes mit den Elementen, sondern weil die schweren Mähen des Lebens nicht von jener Leichtigkeit und Zerstreuung immer wieder gemildert werden, welche auf den großen Platzen für die meisten Menschen bereit ist. Der Mann war von wenigen, aber gemessenen und gehaltvollen Worten. Seine erste Sorge ging dahin, daß ich mich erwärme und erhole; dann möge ich in das Familienzimmer hinunterkommen, um das Nachtmahl mit, ihm und den Seinigen einzunehmen. Mit wenigen Worten drückte er noch seine Entschuldigung für seine dringende Bitte und den Dank für mein Kommen aus. Der Blick, der diese Worte begleitete, sprach noch deutlicher als die Worte. Im Wohnzimmer wurde mir der Sohn des Hauses vorgestellt; Gottheil war seit vielen Jahren Wittwer und hatte seine beiden Kinder ohne die mütterliche Hülfe erziehen müssen. Wenige Worte genügten, um den Sohn als das Gegentheil seines Vaters zu kennzeichnen. Redselig bis zum Uebermaaß, hatte er mir in wenigen Minuten mitgetheilt, daß er eine Schule in der Residenz besucht und in einem dortigen Geschäfte gelernt habe, wie herrlich es sich da gelebt und wie ungern er nach Hause zurückgekehrt sei, wo ihm Alles, Ort, Leben, Geschäft gar zu kleinlich vorkomme. Er werde wohl schwerlich sich sein Leben lang hierher gewöhnen. Sein Vater stand dabei, und ich fühlte mich schon entrüstet über diese 'Nichtachtung des eitlen Fants gegen den Mann, der um seiner Kinder willen ein einsames Leben geführt, als ich bemerkte, daß Gottheil wohl die Worte seines thörichten Sohnes garnicht gehört, denn seine trauervollen Augen waren auf die Thüre eines Nebengemaches gerichtet. Diese öffnete sich bald und herein trat eine Erscheinung, die, weil unerwartet, mich um so mehr betroffen machte. Es war ein Mädchen von kaum zwanzig Jahren, von einer jungfräulichen Schönheit, wie ich sie vorher und nachher nicht gesehen; hoch gewachsen, schlank und doch voll jugendlicher Fülle, wie eine Königin voll Würde und doch bescheiden und natürlich; auf dein weißen Nacken erhob sich ein Kopf von edelster Form; die bedeutsamsten und doch so ebenmäßigen Züge des Antlitzes, das von beiden Seiten eine Fülle schwarzer Locken umrahmte. Nur war das Antlitz bleich und etwas leblos: bei der jugendlichen Schönheit eine Art Rathsel. Ein flüchtiger Blick fiel bei ihrem Eintritt auf die Gruppe, die wir drei Männer bildeten, dann senkten sich die Lider wieder. Gottheil ging ihr entgegen, ergriff ihre Hand, und führte sie zu mir: „Meine Tochter Amalie — Herr Rabbiner ..." — Der Vater erklärte mit einigen Worten die Ursache meines Hierseins, wie er sie als Vorwand in dem Briefe an mich angegeben. Bei Nennung meines Namens und Standes schlug das Mädchen die Augen auf, und ein forschender, ausdrucksvoller Blick siel auf mich. Es war eine starke Gluth in diesen Augen, und unwillkührlich drängle sich mir das Gefühl auf, daß dieses Feuer in diesen Augen eine besondere Ursache haben müsse. Auch eine sanfte Rothe fuhr über die weißen Wangen und erhöhte die Schönheit dieses Angesichts. Ihr Mund lächelte und mit einem lieblichen, doch vollklingenden Organe sprach sie mit verbindlichen Worten ihre Freude aus, mich kennen zu lernen, da sie schon Vieles von mir gehört. Nach einer kurzen Erwiderung meinerseits forderte der Vater uns auf, ihm in das Nebengemach zu folgen, wo eine wohlgeschmückte und gutbesetzte Tafel uns erwartete. «Fortsetzung folgt.! Eine Geschichte ans dem Jahre 1712. (Ans bis jetzt unedirt gewesenen Juqnisitionsakten.) Eine Anzahl Akten der Inquisition sind den Archiven Roms durch geheimnißvolle Umstände, welche sich an den französischen Feldzug nach Rom vom Jahre 1849 knüpfen, entnommen worden: diese Men befinden sich in Irland und ein Doctor Gibbins in Dublin hat einige der darin enthaltenen Documente veröffentlicht, aber die meisten, noch unedirt, sind nur durch die Aufzählung der zahlreichen und interessanten Gegenstände, welche sie betreffen, bekannt. Ein vom liberalsten Geiste beseelter Schriftsteller, Herr Heinrich Gaidoz, hat in der üevue de rinstniciion publique über diese Stücke berichtet und wir entnehmen daraus folgenden actenmäßigen Bericht: „Von der Jnqusition*) hingen bekanntlich die Juden ab, sie hatten ihre Constitutionen, und wenn sie diese überschritten, hatte die Inquisition sie zu bestrafen. Am 8. Februar 1712 reiste Angelo Soria (oder Zoria) durch Turin. Da er nicht im Gasthause wohnen wollte, quartirte er sich bei einem Glaubensgenossen ein. Bei ihn: war eine Frau und zwei Kinder, die er für seine Frau und seine Töchter ausgab. Seine Frau verfehlte einige *) Es ist hier nicht von der spanischen Jnqnsition die Rede, sondern von der römischen, die noch heute in Rom besteht, und in andern Ländern noch ihre Executionen vollführen würde, wenn man ihr die Gewalt dazu einräumen wollte. 1712 war dies in Italien noch der Fall. Redaction,