Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1867)
- Date
- 1867-08-20
- Page
- Seite 686 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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686 heit, welche auf's Tiefste das Glück seines Lebens berühre, mit Rath und That beiznstehen. Er stellte mir Extrapost auf seine Kosten zu Gebote. Es war etwas viel gefordert, denn wir waren mitten im Decembcr und es hatte sich dieses Jahr frühzeitig eine außercrdentliche Kälte eingestellt. Außerdem harrten meiner zu Hause mancherlei Amtsgeschäfte. Indessen sprach aus dem Briefe eine so tiefe Traurigkeit und ein so inniges Vertrauen heraus, daß ich dem nicht widerstehen konnte. Auf Befragen sagte man mir sehr viel Gutes von dem Herrn Gottheil, der als ein rechtlicher, wohlgesinnter Mann des besten Rufes in der ganzen Umgegend genieße. Ein einträgliches Geschäft werde von ihm in emsigster und erfolgreichster Weife betrieben. Doch lebe er mit feiner Familie ziemlich abgeschlosien, so daß man von ihr nicht viel zu berichten wußte, noch dazu, da der Ort von den großen Straßen entlegen, wenig besucht werde. Ich entschloß mich daher, gleich nach dem Begräbnisse dahin zu fahren, und entließ den Boten mit diesem Bescheide. Das Leichenbegängniß hatte mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich vorausgesetzt,-und ich konnte daher von B. erst in ziemlich später Nachmittagsstunde abfahren. Es war ein heller, kalter Decembertag, und als ich auf der Höhe des Hügels gestanden, an dessen Abhang der jüdische Friedhof sich hinunterzog, und wo dicht am Gipfel dem jungen, in der Blüthe geknickten Weibe die Ruhestätte bereitet war, als ich droben gestanden, eine große Menschenmenge um mich her gruppirt, und ich von Leid und Trost, von der Klage, die des Menschen Brust erfüllt, und von der Hoffnung, die sie nie verläßt, redete, rauschte zwar ein eisiger Nordwind über den Berg und die Häupter der Menschen dahin, trug aber auch jedes meiner Worte klar und unterscheidlich bis zum Ohre des Entferntesten; und wie der blaue Himmel sich über uns wölbte, so hell und wolkenlos, und die zum Westen sich senkende Sonne ihre goldenen Strahlen zu uns sandte, ward trotz des Frostes uns Allen warm um's Herz und jeder Blick war auf die Gruft gerichtet und jedes Ohr mir zugewandt, und es war still in der Versammlung, bis auf das leise Seufzen und Stöhnen, das dem Schmerze bewußtlos sich entrang. Jetzt fuhr ich nun hinaus in die nächtliche Landschaft, und es ging eine Zeit lang gut, die Pferde griffen frisch aus und der leichte, bequeme Wagen flog dahin. Wir fuhren durch einen Föhrenwald, und das Raffeln und Klirren der Wipfel, durch welche der Wind fuhr, weckte eigenthümliche Gedanken und Gefühle, und erinnerte mich an sehr verschiedene Scenen aus meiner Jugend. Es giebt doch kein größeres Räthsel für den menschlichen Geist, als das Gedächtniß, das Spiel der Erinnerung in der mannigfaltigen, unerklärlichen Jdeenverbindung. Bald sah ich mich als zarten Knaben an der Seite meines älteren Bruders durch einen düstern Fichtenwald wandern, die Nacht übersiel uns und wir waren nockweit vom Ziele, und ich war sehr müde und fürchtete mich sehr vor den Ungethümen des Waldes, die mir aus der Naturgeschichte bekannt waren, und vor den schwarzen Schatten, die mich rings umgaben; wie ich da endlich aufschrie und mich an meinen Bruder hielt, der wacker auf mich losschimpfte, aber nur um feine geheime Furcht selbst zu verdecken. Bald wieder trat eine Scene aus König Lear mir vor die Seele, wo der, von seinen Töchtern verstoßene Vater nur von dem Narren begleitet, in einem Föhrenwalde weilt, und der Sturm erhebt sich, und ein Gewitter bricht los, und die greisen Haare flattern im Winde und der treue, aber galligste Narr stachelt das arme blutende Herz des Königs mit seinen Reden immer blutiger — der große Künstler, der, wie Niemand wieder, diese furchtbare Rolle in dem ganzen Schrecken ihrer Wahrheit darstellte, verschied wenige Tage darauf . . . aber was sollen diese Bilder? Wir kamen aus dem Walde heraus. Hier endete die gut erhaltene Straße und siel in einen breiten Landweg ab. Der starke Frost war eingefallen, bevor der Himmel in gnädiger und vorsorglicher Weise der ruhenden Erde eine Schneedecke übergebreitet. Der Herbst aber war regnerisch gewesen, und die Räder der Bauern- und Lastwagen hatten tief in den Erdboden eingeschnitten; jetzt nun hatte der Frost alles dies in steinharte Gleise und Rinnen verwandelt, und der Wagen fuhr mit unaufhörlichen, furchtbaren Stößen darüber hinweg. Er senkte und hob sich, schwankte in den leichten Federn, holperte und stieß, und die Pferde hatten nicht minder einen schweren, mühsamen Schritt. Es ging nicht anders, ich mußte den Wagen verlassen, und war froh, einen Fußweg neben der Straße zu finden, auf welchem es sich bei dem Dämmerlichte, das noch vorhanden war, vorwärts kommen ließ. Meinen Mantel zog ich enger um mich, denn der Nordwind schlug die Luftwellen immer unfreundlicher, daß sie schneidend mir in's Gesicht fuhren. Ueber eine Stunde mußte ich so wandern, bevor der langsam folgende Wagen wieder einen besseren Weg erreichte. Die Fahrt verzögerte sich so um einige Stunden, und ich hatte Muße genug, um über diese sonderbare Reise nachzudenken. In dem Briefe war der Gegenstand, um den es sich handelte, auch nicht mit einer Shlbe berührt. Die Personen und Oertlichkeiten wäre» mir ebenfalls unbekannt. Dagegen war ich darin gcbeten worden, am Orte selbst nicht davon zu sprechen, daß ich dahin berufen worden, sondern nur vorauszufetzen, daß man mich erwarte, weil eine Inspektionsreise nach einer weiteren Gemeinde mich von B. über G. führen werde. Es sah fast wie eine Mpstisication aus, und wäre der Ton des Briefes nicht so bündig, schmerzlich und vertrauensvoll gewesen, die Beschwerden der Fahrt durch die öde, nächtliche Gegend, die jetzt mehr einer Heide glich, auf welcher seufzende und heulende Geister eine Zusammenkunft hielten, hätten mich verleiten können, eine solche aus einige Zeit zu vermuthen und recht böse auf meine Leichtgläubigkeit zu sein. Jndeß ebenso wie jene Wanderung des Knaben durch den dunklen Wald endete auch diese Fahrt, und ich langte in G. an. Auch