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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-08-20 · Heft 34 (20.8.1867) · p. Seite 685

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 34 (20.8.1867)
Date
1867-08-20
Page
Seite 685 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitlmg -es Zudenthnms. Fenillktou-öeilage M Nr. 34. Leipzig, den 20. August 1867. Ans den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. (Fortsetzung.) I. Ich war nach B. zu einer Trauung berufen, einem Städtchen, drei Stunden von meinem Wohnorte entfernt. Nach meiner Gewohnheit wäre ich Nachmittags wieder nach Hause zurückgekehrt, wenn nicht in der Nacht vor der Hochzeit eine junge Frau in B. gestorben wäre, eine Verwandte des hochzeitlichen Hauses, an deren Grabe zu sprechen man mich nun ersuchte. Da die Beerdigung am Tage nach der Hochzeit stattfinden sollte — die Beschaffenheit der Leiche machte diese kurze Frist zwischen Tod und Gruft nothwendig — so blieb ich in B., was ich freilich auch ohne diese Aufforderung gethan hätte, denn der Trauerfall war ein sehr betrübender. Die junge Frau war an den Folgen des Wochenbettes gestorben und hinterließ ihrem untröstlichen Gatten die Sorge für zwei Binder im zartesten Alter und einen Säugling. Daß Freude und Schmerz, Glück und Trauer, Hochzeit und Tod so nahe an einander grenzen, das ist freilich eine Beobachtung, zu welcher es kaum einer besonderen Veranlassung bedarf. Auffällig war mir hier nur die verschiedene Art, wie die Menschen solche Gefühle ertragen und behandeln. Während die Einen sich lediglich dem Schmerze Hingaben, und ohne Berücksichtigung der Lebenden, nur, wie sie sagten, der Pflicht gegen die Todte, d. b. dem Ausdruck und den Ausbrüchen ihres Schmerzes sich widmeten, waren Andere sehr ärgerlich, daß das arme Weib ihnen diesen Streich gespielt und gerade einen so lang erwarteten Genuß gestört hätte. Sie ignorirten die Trauer und wollten trotz alledem heiter und lustig sein. Die Mehrzahl trat sehr ernst, mit heraufgezogenen Brauen und zusammengepreßten Lippen in das hochzeitliche Haus, sprachen hier mit wohlgesetzten Worten ihre Theilnahme an dem Unglücksfalle aus, griffen aber dann ohne Zögern nach Kuchen und Wein, und nachdem sie so ihre Pflicht nach der einen Seite hin gethan, konnten sie der nach der anderen Seite um so mehr sich überlassen, und nach kurzer Zeit war Alles heiter, sogar lärmend. Die Hochzeitsfeier ging ungestört und nach Art der kleinen Ortschaften voll Geräusches, das bisweilen an Ausgelassenheit grenzt, vor sich. Am anderen Tage erschienen natürlich dieselben Menschen mit allem Trübsinn und aller Traurigkeit, welche ein Begräbniß unter solchen Umständen erforderlich macht. Jndeß, ich will es nur gestehen , ich fand dies Alles doch natürlich, und in der Wirklichkeit gar nicht so voll Widerspruches, wie jetzt, da ich darüber nachdenke und es niederschreibe. Der Mensch ist nun einmal für ein wechselndes Geschick bestimmt und ebenso sein Herz dem Wechsel der Gefühle unterthan. Die Gefühle sind noch rascher als das Geschick, und so ziehen Freude und Schmerz tu der raschesten Aufeinanderfolge durch unsere Seele, und sie hält eben jene lieber fest als diesen. Wenn die Nacht draußen auf die Erde gesunken und alle Dinge mit ihrem schwärzesten Schatten verhüllt hat, zünden wir die Lichter in unseren Gemächern an, und wenn der Sturm wüthet und unser Haus umrast, fühlen wir uns sehr behaglich in unseren Zimmern, unbekümmert um die Schäden und Nachtheile, die er verursachen könne. Ja, in der Tiefe liegen die gegensätzlichen Empfindungen so nahe, daß sie nicht allein eine nach der anderen verlangt, sondern sogar mitten in der Freude ein Schmerz, mitten im Schmerze eine Freude eigener Art liegt. Verdamme also Niemanden, der das eine Gefühl loszuwerden sucht, um dem anderen sich hingeben zu können. Ich habe Menschen gekannt, die sich so gern in schmerzliche Gedanken verloren, daß sie selbst bei den freudigsten Veranlassungen — freilich zur Belästigung Linderer — traurige Erinnerungen aus der Vergangenheit heranziehen, um möglichst eine Thräne der Wehmuth zu entlocken, die sie angenehmer berührte als eine Zähre der Freude. Im Laufe des Vormittags vor dem Leichenbegängnisse langte ein Bote aus dem Städtchen G. an, der mir einen Brief überbrachte. G. liegt noch drei Meilen weiter in das Land hinein, ziemlich an der Grenze meines Bezirkes. Ich war nie dort gewesen, und so viel ich wußte, wohnte nur eine jüdische Familie daselbst, deren Glieder zu den Festtagen nach B. kamen, um dem Gottesdienste beizuwohnen. Ich kannte die Familie, die ich Gottheil nennen will, nicht. Herr Gottheil bat mich in seinem Briese aufs Dringendste, wenn auch nur auf kurze Zeit, nach G. zu kommen, um ihm in einer Angelegen- ÜÜ1

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