Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1867)
- Date
- 1867-08-20
- Page
- Seite 674 (sequence 6)
- Language
- German
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denn selbst das Stückchen Küste, das ihm gehörte, war hafenlos, und seine materielle Existenz bestand lediglich im Ackerbau und in der Viehzucht. So fruchtbar und ergiebig einige Theile dieses Landes waren, so machten doch andere Theile und die sehr starke Bevölkerung den emsigsten Fleiß erforderlich. Arbeitsamkeit und Mäßigkeit ergaben sich von selbst und die Einfalt der Sitte und Lebensart erhielt sich bei diesem Volke bis zu seinem Sturze, da Luxus und fremde Ueppigkeit ihm fern blieb. Was seinem inneren Leben eine größere Aufregung verschaffte, waren die Kämpfe zuerst gegen die kleineren, dann gegen die feindlichen Umgebungen und gegen das von außen immer wieder einströmende und von den nach unumschränkter Macht strebenden Gewalthabern geförderte Heidenthum. Hierdurch wechselndes Geschick, innere Zerrüttung und Stürme. Hieraus entwickelte sich Heroismus, Schmerz, Sehnsucht, Zorn und Entrüstung, Jubel der Rettung und des Sieges; hieraus entsprangen die gewaltigen Redner und die unsterblichen Sänger, hieraus die populäre Philosophie, wie sie sich im Buche Hiob und Kohelet ab spiegelt. Wenn also eine Richtung auf die Wissenschaft dem Volke und daher auch seiner Sprache fern blieb, so mußte doch nach zweien Seiten hin eine ausgedehntere Entfaltung stattfinden, nemlich in der Agrikultur und in der Jurisprudenz, letztere dadurch gefördert, daß bei ihm alles Recht auf religiösem Grunde beruhete und darum der sorgfältigsten gewissenhaftesten Prüfung bis in die kleinste Verzweigung hinein bedurfte. Dies bewährte sich denn auch und fand seine Ausläufe in der Mischna. Hier, wo die hebräische Sprache noch vorwiegt, zeigt sie sich auch zum speziellsten Ausdruck und zur schärfsten und spitzfindigsten Discussion geeignet. Man hat in der neu-hebräischen Literatur zahlreiche und oft gelungene Versuche gemacht, auf allen Gebieten die Wissenschaft in der hebräischen Sprache zum Ausdruck zu bringen. Daß es hier mit den technischen Ausdrücken schwer geht, kann nicht auffallen; auch die neueren Sprachen entlehnen diese zumeist aus dem Griechischen. Hat also Lotze mit seiner Charakterisirung Recht, soweit sie die heilige Schrift und das Leben des Israelitischen Volkes in der biblischen Zeit betrifft, so kann man doch aus der Mischna und dem Neuhebräischen erweisen, daß die hebräische Sprache an sich keine Hindernisse bot und * in ihrer Bildsamkeit der fortschreitenden Entwickelung hätte folgen können. Dies sagt übrigens auch Lotze selbst, wir wollten es nur stärker hervorheben. — Wenn der Verf. sagt, daß die Phantasie des Volkes nicht auf das Große, sondern das Erhabene gerichtet war, so stellt er es hiermit den übrigen orientalischen Völkern gegenüber, bei denen das Kolossale überwog. In der Nachahmung dieses geräth der Mensch aber immer auf das Groteske und Unschöne, während das Erhabene, wenn auch unbewußt und ungewollt, die Linien der Schönheit nicht überschreitet, und, wenn es auch der Schönheit neue Gestaltungen nicht schafft und zu hervortretender Verwirklichung nicht verhilft, doch nie unschön wird, und in seiner Einfachheit das Häßliche und Geschmackwidrige vermeidet. — Weniger beistimmen können wir dem Pros. Lotze, wenn er meint, daß es vorzugsweise die Allmacht Gottes ist, welche die Hebräer empfinden und besprechen. Nicht minder als diese ist es die Allweisheit, welche zum Ausdruck kommt, und zwar sowohl wie sie sich im Menschenleben und seinen Geschicken, als wie sie sich in der Schöpfung erweist. Die Bewunderung dieser göttlichen Weisheit schafft sich hier öfter durch unterbrechende Ausrufe mitten in den Schilderungen Luft, wie z. B. im Schöpfungsgemälde Psalm 104, 24. und im Bilde des menschlichen Lebens Psalm 92, 6. 7. Der Feier der Gerechtigkeit Gottes, wie sie sich in der Rettung des Gerechten und in der Vergeltung an dem Frevler zeigt, ist eine große Zahl der Psalmen, das Buch Hiob gewidmet, und diese Lehre ist auch das Fundament der Propheten. Und nun erst die Allgüte, d. i. die Gnade und Barmherzigkeit Gottes; wie tritt sie überall tröstend, Zuversicht und Kraft verleihend, dem zagenden Herzen, dem wankenden Menschen entgegen! Wir kennen nichts Erhabeneres, als wie in den Klageliedern (3, 22 ff.) nach den ergreifendsten Schilderungen der Schrecken und des Jammers der Eroberung und Zerstörung ausgerufen wird: „Sein Erbarmen endet nicht, neu ist es jeden Morgen und deine Treue groß!" woraus dann folgt: „Der Ewige ist mein Theil, spricht meine Seele, darum hoffe ich sein"; und ferner: „Gütig ist der Ewige Jedem, der auf ihn vertraut, und der Seele, die ihn sucht!" — Sehr wahr ist es, was Lotze sagt, daß der Schwung des Erhabenen, die Begeisterung für das Göttliche über die tausend Kleinigkeiten des Daseins hinweghebt und sie nicht wirksam durchdringen läßt. Nichts steht daher z. B. mehr gegenüber als die epische Breite Horner's und der Lapidarstyl, in welchem die Patriarchen und Helden der Bibel gezeichnet sind. Aber das Leben eines Volkes ist vielseitig und läßt sich doch theoretisch nicht einbannen. Wir haben an dem Buche Ruth ein Beispiel, daß auch der Hebräer „die Lausend Kleinigkeiten des Le-