Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1867)
- Date
- 1867-08-20
- Page
- Seite 673 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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673 stand der Sprache, wie er sich in irgend einer Zeit vorsindet, bezeugt nur, welche Richtungen dies geistige Leben bis dahin nicht genommen, und nach welchem hin es folglich die Ausbildung der Mittheilungsmittel versäumt hat. Die hebräische Sprache des alten Testaments, mit der geringen Anzahl ihrer für abstrakte Vorstellungen ausgeprägten Worte und der großen Einfachheit ihres Satzbaues, ist weder der wissenschaftlichen Untersuchung noch der geistreichen Conversation günstig; aber sie ist in demselben Maße mehr befähigt zu der treuesten Schilderung der ewig wiederkehrenden Grundzüge des menschlichen Lebens, wie zu dem majestätischen Ausdrucke der Erhabenheit des Göttlichen. Für beides pflegt die Mannigfaltigkeit durchdachter und beherrschter Gesichtspunkte bald die Empfänglichkeit, bald wenigstens die Fähigkeit der Darstellung zu schmälern; in Beidem sind die Erzählungen und die Gesänge der Hebräer ein unsterbliches Muster geworden. Die Schätze der klassischen Bildung öffnen sich nur einzelnen Kreisen; aus jener Quelle des Morgenlandes dagegen schöpfte eine unzählbare Menge der Menschheit seit Jahrhunderten erhebende Trostsprüche im Elend, sinnige Lehren der Lebensweisheit, warme Begeisterung für alles Hohe und hat sich gewöhnt, in den Gestalten jener ältesten Erzählungen und in ihren Schicksalen anschauliche Vorbilder für das menschliche Leben und für die verschiedenen Charaktere zu erblicken, welche die Mannigfaltigkeit feiner Verhältnisse ausbildet. Auf das Große war die Phantasie des Volkes nicht mehr gerichtet; sie strebte einem Erhabenen nach, das zu seiner Wahrheit weder der Größe noch des Schmuckes hinzubedarf. So schildert seine erzählende Poesie in der größten Einfachheit des Ausdruckes Gestalten und Begebenheiten, ohne die mindeste gesuchte Verwickelung der Motive, überall jene natürlichen Beweggründe unbefangen anssprechend, die, so lange die Welt steht, die wirklichen letzten Antriebe aller menschlichen Handlungen sein werden, gleichviel, welche tiefsinniger scheinenden Masken ihnen die jedesmalige Bildung der Zeit Vorhängen mag. Nicht einmal jene bildlichen Bezeichnungen kennt diese Darstellung, mit denen der epische Styl der Griechen im Vorbeigehen die Gegenstände aufschmückt, deren er gedenkt, um sie dem allgemeinen gehobenen Tone der Schilderung gleichmäßig anzupassen: vielmehr dadurch eben wirkten ihre Gestalten erhaben, daß sie ohne allen Schmuk, in durchsichtigster Natürlichkeit dahinwandeln, als gäbe es gar Nichts in der Welt, was . das Recht des Menschen in Frage stellen könnte, so zu sein wie er ist, und so wie er ist, sich als die letzte Absicht der irdischen Schöpfung zu wissen. Nur in anderer Weise wiederholt die lyrische Poesie dieselbe Erhabenheit; der Grund, auf dem sie auch in der Erzählung beruhete, tritt hier nur unverhüllter hervor. Auf die Zusammengehörigkeit mit Gott besinnt sich hier das Gemüth und weiß mit der ganzen Kraft des leidenschaftlichsten Ausdruckes alle tiefempfundenen Einzelheiten der Weltschönheit als Bezeugungen der göttlichen Allmacht zu preisen. Denn allerdings die Allmacht ist es unter den göttlichen Eigenschaften vor allen, die empfunden wird und die Färbung der ästhetischen Phantasie bestimmt; unzählige Naturbilder begegnen uns wohl, im Einzelnen oft von jener unnachahmlichen Schönheit und Lieblichkeit, welche die von tausend Nebengedanken befangene Bildung so schwer erreicht; aber unbenutzt zu der Entwickelung eines fortschreitenden Gedankenganges werden sie doch nur zusammengereiht, um gleichsam von verschiedenen Seiten her einander antwortend-die allgegenwärtige Geltung der göttlichen Wirksamkeit, welche sie schildern, zu verherrlichen. Durchdrungen hat das Leben der Ernst dieser religiösen Stimmung des Gemüths auf das Erhabene allerdings; aber eine zusammenstinunende und vielseitige Schönheit konnte er ihm nicht geben. Ueber die tausend Kleinigkeiten des Daseins, zu deren Nichtigkeit gleichwohl das Gemüth sich freundlich herablassen muß, um jede nach ihrem eigenen Sinne zu heben und zu verklären, ging der Schwung dieser Begeisterung zu hoch hinweg, um sie wirksam zu durchdringen. Nicht der freien Phantasie, sondern lehrhaften Folgerungen aus dem großen Prinzipe des religiösen Glaubens blieb die Anordnung des Lebens überlassen; sie füllten es nicht mit Schönheit, sondern mit Ceremonien und Gesetzeswerken, die durch unmittelbare Anknüpfung des Kleinsten an das Größte allerdings dem hebräischen Volke in allen seinen guten Momenten den Charakter der Erhabenheit erhalten, aber für die schwunglosereu Augenblicke geringerer Spannung keine gleichmäßige Anmuth des ganzen Daseins gewährt haben." — Es läßt sich in dieser Charakterisirung der feine psychologische Beobachter, der vorurtheilslose und tiefeindringende Kritiker nicht verkennen, und wir gestatten uns nur, einige Bemerkungen hinzuzufügen. Das Dasein des Israelitischen Volkes, so lange es im heiligen Lanve ansässig war, beruhete auf sehr einfachen Lebensmomenten. Es war in einem Binnenlande abgeschlossen,