Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1867)
- Date
- 1867-08-13
- Page
- Seite 666 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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666 aber er darf es nicht, denn sein erster Schritt schon würde ihm den Vorwurf unberufener Einmischung zuziehen. So bedarf es einer langen bescheidenen Amtsführung, eines immer wieder bewährten Rufes der Uneigennützigkeit, Unparteilichkeit und Vorurtheilslosigkeit, um endlich ein volles Vertrauen Lei den Angehörigen seines Bezirkes zu finden, und die Zuflucht in allen Nöthen und Bedrängnissen' derselben zu werden. Und dies war der Mann im vollen Sinne geworden, an dessen Grabe wir einige Augenblicke verweilen. Seine Leutseligkeit, seine Ruhe und Besonnenheit, seine Bescheidenheit und Klugheit, sein Scharfblick in alle Verhältnisse des wirklichen Lebens und in alle offenbaren und geheimen Regungen des menschlichen Herzens überwanden schon in den ersten Jahren seiner Amtirung alle Schwierigkeiten, und zogen ihm die Verehrung und das Zutrauen Aller zu, als deren geistlicher Führer er bestellt war. Aber er nahm es auch sehr ernst. Jede Mußestunde, die ihm seine Geschäfte und Studien ließen, verwandte er, seine Erfahrungen und Beobachtungen niederzuschreiben. Hierbei vernachlässigte er selbst die kleinsten Umstände nicht; denn, meinte er, man könne nicht wissen, was sich daraus entwickeln wird, und so entgeht Einem die Kenntniß der Quelle, wenn wir den Strom breit, tief und reißend an uns vorüberrauschen sehen. Nach längerer Zeit durchlas er immer wieder diese seine Bemerkungen und Schilderungen, um sich seine Erfahrungen zu vergegenwärtigen und Urtheil und Schlußfolgerungen festzustellen oder zu berichtigen. So sammelten sich gar viele Schriftstücke, freilich von sehr verschiedener Bedeutung. Ja, Bedeutung! Was hat Bedeutung in den menschlichen Dingen? Nur das, dem wir eine Bedeutung, eine tiefere und sinnigere abzugewinnen verstehen. Und da kommt es auf Zeit, Ort und Personen gar nicht an. Wie der Reisende den großartigsten Scenen, den wunderbarsten Erscheinungen in Natur und Kunst vorüberziehen kann, ohne mehr als den Namen und die äußeren Umrisse in sich aufzunehmen, ein anderer aber in der einfachsten Landschaft, in der reizenden Lage eines einsamen Dörfchens schon des Entzückenden und Bildenden eine Fülle zu finden vermag; wie der Naturforscher nicht der Riesencolosse in der Stein-, Baum- und Thierwelt bedarf, sondern schon an den kleinsten Gebilden der göttlichen Schöpferhand seine Beobachtungen und Entdeckungen zu machen versteht, so kommt es nur auf den Blick des Geistes- und Seelenforschers an, um in der engsten Umgrenzung Bedeutendes und Erfolgreiches zu erkennen, zu erfassen und zu verarbeiten. Man hat mir alle diese Papiere übergeben. Es ist nicht möglich, sie in bestimmter Weise zu ordnen, denn das Einzelne ist, je nach der Zeit, in welcher es geschehen, weithin in der Masse zerstreut, und nach Jahren findet sich bisweilen der Ausgang von dem, was vor Jahren sich angesponnen hatte. Dennoch läßt sich Manches zusammenstellen. Auch das Geschick ist oft ein Künstler und reiht die Thatsachen unter der Hand des geistvollen Beschreibers zu einem künstlerischen Gemälde zusammen. Vor Allem zog mein Interesse ein Vorgang auf sich, welchen der verklärte Mann mit außerordentlicher The'cknahme aufgefaßt und verfolgt hatte. Wir geben ihn hier wieder, und zwar ganz mit den Worten des Verstorbenen, nur daß wir zwischen den einzelnen Stücken die abrundende Verbindung Herstellen, die den Aufzeichnungen in ihrem Originale fehlen wußte. Vielleicht haben wir uns durch unser Borurtheil für den Schreiber verleiten lassen, diese Erzählung günstiger zu beurtheilen, als sie es verdienen möchte. Hätte aber der freundliche Leser einmal in die großen, stillen, aber so lichttiefen Augen unseres Freundes geblickt, seines Lächelns sich erfreut, seine ganze Erscheinung genossen, es wäre ihm auch so ergangen. (Fortsetzung folgt.) Alte jüdische Grabschristen. Eine der jüngsten Nummern der „Edinburgh Review“ enthält einen Artikel unter der Ueberschrift „Christliche und jüdische Inschriften", in dem auch zufällig jüdische Grabschriften erwähnt werden , welche vor Kurzem in Italien auf einem sehr alten jüdischen Begräbnißplatze, der noch aus der Zeit des römischen Reiches stammt, aufgefunden wurden. Wir geben das darauf Bezügliche in wörtlicher Uebersetzung wieder: Unter den.vielen Entdeckungen Bosio's während seiner oftmaligen Nachforschungen war auch die einer jüdischen Katakombe vor der ehemaligen Porta Portuensis, welche er für den Begräbnißplatz der Transteberinischen Juden hält. Aber bei dem lebhafteren Interesse für die christlichen Ueberreste wurden die jüdischen gleichgiltiger übersehen. Aringhi druckte in seiner Roma 8ubterranea eine oder zwei dieser Grabschriften ab; doch die Nachforschung scheint nicht sehr eifrig betrieben worden zu sein; nach kurzer Zeit war der Friedhof vergessen; und, so seltsam es erscheinen mag, alle Spuren, selbst von seiner Lage, sind verloren. Jüngste Nachforschungen in Rom und an anderen Plätzen in Italien haben jedoch zu besseren Resultaten geführt. Im Jahre 1853 wurde in Venosa, dem ehemaligen Venusiuin, ein sehr interessanter jüdischer Friedhof mit vielen hebräischen Inschriften und dem wohlbekannten siebenarmigen Leuchter, wie auch noch anderen Symbolen, entdeckt. Im Jahre 1854 wurde ein anderer Friedhof desselben allgemeinen Charakters in Oria aufgesunden. Der interessanteste jedoch, im Vergleich zu den übrigen, ist der, welcher im Anfang des Jahres 1862 in Rom entdeckt wurde und zwar in einem Weingarten, der unter dem Namen Vigna Ranckanini bekannt ist und bei der ehemaligen Via Appia liegt, etwas vor der Porta Lapena. Von der Katakombe selbst ist es genug gesagt, daß sie im Allgemeinen ganz